Zwischen Shopping-Glitzerwelt und sozialem Brennpunkt liegt nur ein Kilometer. So jedenfalls ist es an der Friedrichstraße, einer von Berlins berühmten Einkaufsmeilen. Wer sie dort betritt, wo sie beginnt, nämlich gleich hinterm Mehringplatz in Kreuzberg, trifft nicht etwa auf Luxuswarenhäuser wie im benachbarten Bezirk Mitte. Im Gegenteil: Am südlichen Ende der Friedrichstraße ballen sich die sozialen Probleme. Die Hälfte der Bewohner dort lebt von Hartz IV, gut 30 Prozent haben keinen deutschen Pass, 66 Prozent einen Migrationshintergrund. Das Bild der Straße prägen vor allem Billigläden, Nagelstudios, Spielcasinos und Imbisse.

Doch dieses Bild wird sich ändern. Voraussichtlich ab diesem Herbst wird an der Straße gebaut. Allein rund um die ehemalige Blumengroßmarkthalle am Besselpark werden rund 150 Millionen Euro investiert. Die Halle selbst ist seit drei Jahren Akademie des Jüdischen Museums, Veranstaltungen und Bildungskurse finden dort statt. Jetzt wird das Gelände ringsum, seit 70 Jahren eine betonierte Weltkriegsbrache, entwickelt.

Jedoch werden dort nicht die sonst üblichen Luxuslofts, Büro- und Hotelpaläste hingeklotzt: Berlin hatte 2012 drei große Baufelder erstmals nicht an Investoren mit dem größten Geldbeutel verkauft, sondern an solche mit den besten Konzepten. Von denen auch die Anwohner etwas haben sollen. Im Ergebnis soll ein Kunst- und Kreativquartier entstehen, das neben Wohnungen auch Ateliers und Gewerberäume anbietet. Und das soziale und Bildungsangebote für den Kiez macht. Schulprojekte sollen Räume erhalten, Gastronomen und Händler aus der Gegend sollen Produkte aus ihren Heimatländern anbieten.

Im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg freut man sich über die Entwicklung. „Was dort geschieht, ist ein Stück Stadtreparatur und wird die Gegend aufwerten“, sagt Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne). Dass auf alten Kriegsbrachen Möglichkeiten zum Wohnen und Arbeiten geschaffen würden, werde dem Quartier guttun. Von mehr Kaufkraft durch neue Anwohner und Beschäftigte würden vor allem die ansässigen Gewerbetreibenden profitieren.

Angst vor Verdrängung

Etliche von ihnen sehen das allerdings anders, sie sorgen sich um ihre Existenz. „Für neues Gewerbe wird gebaut, aber wir Alteingesessenen gehen kaputt“, sagt Schuhmacherin Hendrijke Ehlers. Seit 17 Jahren ist sie im Viertel, jetzt fürchtet sie schädliche Veränderungen. Vor allem wegen der Dauer-Großbaustelle, denn fast alle Investoren wollen zeitgleich beginnen. Wie die Baulogistik geregelt wird, welche Straßen – vor allem für die Kundschaft – gesperrt sind und wie der Baulärm einigermaßen erträglich gemacht werden kann, ist noch nicht festgelegt. Das werde man in Absprache mit den Investoren tun, heißt es dazu im Bezirksamt.

Auch bei Anwohnern ist die Vorfreude auf die neuen Nachbarn eher gedämpft. Es herrscht Angst vor Verdrängung durch steigende Mieten. Schon jetzt, so heißt es, werde für das Quartier mit Slogans wie „nahe dem Bergmannkiez“ geworben. Entsprechend würden sich die Mieten nach oben entwickeln, wenn dort erst gebaut werde. Tatsächlich sind die Befürchtungen nicht ganz unbegründet. Schon jetzt können sich etliche arme Familien die sanierten Sozialwohnungen nicht mehr leisten, viele ziehen nach Wedding und Moabit.

Zentral- und Landesbibliothek

Schon jetzt zieht es vermehrt Neubewohner dorthin, die den bislang abgehängten Kiez für „hipp“ halten. Schon jetzt hat der Motz-Sozialladen nicht nur Kunden, die keine vier Euro für ein Oberhemd bezahlen können: Auch ansässige Partygänger decken sich dort mit Vintagekleidung ein. Als Vorboten für die Entwicklung hin zu einem teuren Kiez gelten auch ein halbes Dutzend Galerien, die sich dort angesiedelt haben. Und auch das Café „Westberlin“, in dem vorzugsweise englisch gesprochen wird, weil das Publikum international ist, sowie das neue Edelrestaurant „Nobelhart & Schmutzig“, in dem ein Zehn-Gänge-Menü für 80 Euro angeboten wird, gelten als Beleg für diese Entwicklung. Im Bezirk versucht man, die Ängste zu entkräften. Baustadtrat Panhoff sagt: „Die Neubauten sind nicht Ursache von Gentrifizierung, denn dort bauen keine Spekulanten.“

Dass im Kiez etwas passieren muss, damit er nicht dauerhaft Sozialbrennpunkt bleibt, wird auch am Mehringplatz deutlich. Der kreisrunde Platz, dessen Wohnbauten in den 1970er-Jahren entstanden, dümpelt seit Jahren vor sich hin. Leere Läden, eine veritable Trinkerszene sowie die Dauerbaustelle der BVG, die seit Jahren die U-Bahnabdeckung saniert, sind nicht gerade einladend. Im Bezirk hat man Ideen für den Platz. Panhoff: „Wir wollen, dass die Bebauung keine Barriere mehr für einen Besuch darstellt.“ Deshalb wolle man den Ring zum Halleschen Tor hin öffnen, Ersatzwohnungen nebenan bauen.

Die Idee stammt von niederländischen Architekten. Ihr Hauptprojekt, das vom Bezirk unterstützt wird, ist die Erweiterung der Amerika Gedenkbibliothek am Blücherplatz. Sie soll einen Anbau erhalten und so zur künftigen Zentral- und Landesbibliothek werden, für die Berlin seit Jahren einen Ort sucht. Der Standort am Halleschen Tor, so Panhoff, sei zentral gelegen, gut erreichbar und geräumig genug. „Und er wird Besucher dorthin bringen, die das Viertel beleben werden.“