Berlin - Eines der bedeutendsten historischen Bauwerke in Berlin ist akut gefährdet. Von der Decke der Friedrichswerderschen Kirche in Mitte, die von Karl Friedrich Schinkel vor gut 180 Jahren errichtet wurde, platzt nicht nur der Putz ab. Auch Brüche in den Bodenplatten sowie Risse im Mauerwerk sind festgestellt worden. Er sei „voller Sorge und Kummer“, sagt Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin.

Die Situation sei sehr beunruhigend. In der Kirche würden wertvolle Skulpturen des 19. Jahrhunderts ausgestellt, sagt Eissenhauer. Nachdem die ersten Putzteile Mitte September abgeplatzt waren, wurde die Kirche als Ausstellungsort geschlossen. Denn die Staatlichen Museen konnten nicht mehr für die „Unversehrtheit der Besucher garantieren“. Außerdem wird jetzt darüber nachgedacht, die wertvollen Ausstellungsstücke aus der Kirche auszulagern.

Luxusprojekt als Ursache?

Die Schäden an der Kirche, deren Innenraum als der letzte noch weitestgehend original erhaltende Schinkel-Saal gilt, sind offenbar gravierender als angenommen. Derzeit ermitteln Gutachter den Grund für die Bauschäden. Offiziell will sich dazu niemand äußern. Ein Zusammenhang mit der Baustelle unmittelbar neben der Kirche wird aber vermutet.

Dort errichtet die Bauwert Investment Group kaum zehn Meter von dem Schinkelbau entfernt seit dem Sommer die Kronprinzengärten. Zu dem 85 Millionen Euro teuren Luxusprojekt gehören Stadthäuser, ein Haus mit 30 Wohnungen sowie ein Galeriehaus. Derzeit wird auf dem früheren Parkplatz zwischen der Kirche und der Oberwallstraße die Baugrube ausgehoben.

„Die Arbeiten haben sich anders als prognostiziert ausgewirkt. Es gibt jetzt Risse in der Kirche“, sagt Tanja Lier, die Leiterin des Stadtentwicklungsamtes in Mitte und Chefin der Bauaufsicht. Auf der Baustelle seien auch Bohrpfählarbeiten durchgeführt worden. Inzwischen besteht sogar ein Baustopp für die Baustelle. Wie Tanja Lier sagt, gelte dieser seit Mitte Oktober für einen 20 Meter breiten Bereich an der Kirche. Vor dem Baubeginn waren an den Backsteinwänden Messpunkte und elektronische Sensoren angebracht worden, um Veränderungen festzustellen. Sie werden täglich überprüft. „Es ist ein sichtbarer und für uns fühlbarer Schaden entstanden“, sagt Generaldirektor Eissenhauer.

Um die wertvollen Skulpturen in der Ausstellung etwa von Johann Gottfried Schadow, Christian Daniel Rauch und Friedrich Tieck zu schützen, wurde jetzt in die Kirche über den Emporen ein engmaschiges Netz eingezogen. Zudem wurden die Ausstellungsstücke eingehaust. Wie der Generaldirektor sagt, möchte man die wichtigsten Skulpturen auch weiterhin der Öffentlichkeit zeigen, möglicherweise in der Alten Nationalgalerie oder in anderen Museen. Eine Ausschreibung für den Transport läuft bereits, einige Skulpturen müssen aber im Depot eingelagert werden.

Wie es zu den gefährlichen Rissen in der Kirche kam, dazu will sich die Bauwert nicht äußern. „Das ermitteln gerade die Fachleute, alles andere wären Spekulationen“, sagt Henning Hausmann, Investmentchef bei der Bauwert. „Es gibt weltweit keine Baustelle, die keine Auswirkungen auf die umliegende Nachbarschaft hat.“ Hausmann versichert, dass es bei den Kronprinzengärten einen „ordentlichen, korrekten und professionellen Bauablauf“ gebe. In den nächsten zwei Wochen soll das Gutachten vorliegen.

Bauprojekte in der Umgebung

Bei der Untersuchung soll aber nicht nur das Bauwert-Projekt berücksichtigt werden, sondern auch die anderen Großbaustellen in der Umgebung. Dazu zählen etwa der Umbau der Staatsoper.

Auch im Spreekanal wurden nahe der Schlossbrücke im Sommer für die Verlängerung der U-Bahnlinie 5 lange Stahlwände in den Boden gerammt. Und auf dem Schlossplatz laufen die Arbeiten für die Gründung des Humboldt-Forums.

Wann die Kirche wieder geöffnet werden kann, vermag Eissenhauer nicht zu sagen. Auf jeden Fall müsse der Putz im Gewölbe der Kirche überprüft werden. Schlimmstenfalls könnte die Sperrung so lange dauern, bis die Kronprinzengärten stehen. Also bis Mitte 2014. “