Eigentlich dürfte sich auf diesem Teil der Stadtautobahn tagsüber kein Rad mehr bewegen. Rein rechnerisch müsste auf der A100 am Dreieck Funkturm täglich Stillstand herrschen. „Die Kapazitätsgrenze ist längst überschritten“, sagt der Bauingenieur Burkhard Pott. Dieser Bereich des Stadtrings habe Platz für 120.000 Fahrzeuge pro Tag, stattdessen wälzten sich an Arbeitstagen 180.000 bis 200.000 Autos, Lkw, Busse und Motorräder dort entlang. Meist rollt der Verkehr, vor allem wegen der platzsparenden Fahrweise der Pendler, lobt Pott. Doch Berlins Hauptschlagader stehen Operationen am offenen Herzen bevor – Großbaustellen. Dazu gibt es neue Details.

Burkhard Pott ist Projektleiter bei einem Bund-Länder-Unternehmen, das einen ziemlich langen Namen hat: Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, kurz Deges. Im Hauptsitz an der Zimmerstraße spricht der Planer über den Umbau des Dreiecks Funkturm, an dem die Avus in den Stadtring mündet. Die jüngsten Verlautbarungen liegen schon einige Zeit zurück, doch inzwischen hat die Entwurfsplanung begonnen. Es ist Zeit für ein Update.

Bauprojekt wird sieben bis acht Jahre dauern

Die wichtigste Frage lautet: Wie sieht der Zeitplan aus? „Das Planfeststellungsverfahren soll 2021 beginnen. Mit einem Baubeginn rechnen wir nicht vor 2023.“ Die Bauzeit wurde zwischendurch auf bis zu zwölf Jahre veranschlagt, was aber als zu lang erschien, so Pott: „Voraussichtlich werden es sieben bis acht Jahre sein.“ Kürzer gehe es nicht, „da der Verkehr aufrechterhalten werden muss“.

In der Tat, das ist die Vorgabe. „Es wird viele vorübergehende Verkehrsführungen und viele Bauzustände geben. Behelfsbrücken werden errichtet und wieder entfernt“, sagt Pott. „Doch der Verkehr wird weiter fließen, auf der A100 wie heute auf drei Fahrstreifen pro Richtung. Die Umgebung soll nicht durch Umleitungsverkehr belastet werden.“

Klar sei auch: Zu dem Bauprojekt, für das eine belastbare Kostenschätzung erst noch ermittelt werden muss, gibt es keine Alternative. Zum einen ist der Knotenpunkt, der sich seit Beginn der 1960er-Jahre schrittweise entfaltet hat, verschlissen. Als die rund 20 Brücken entstanden, war die Spannbetonbauweise teils noch nicht ausgereift, und kein Planer erwartete, dass die Belastung jemals so groß sein wird. Das Dreieck ist einer der am stärksten genutzten Knotenpunkte im deutschen Autobahnnetz.

Zwar wird die Kapazität beim Umbau nicht erhöht: „Das Dreieck Funkturm wird auch künftig nicht leistungsfähig sein“, heißt es bei der Deges. Doch bei der Verkehrsführung wird es Änderungen geben, denn auch sie entspricht heutigen Standards zum Teil nicht mehr.

Rampe an der Auffahrt zur A100 Richtung Wedding wird verlängert

Dass es auf der Avus oft ab Hüttenweg Rückstau gibt, hat damit zu tun, dass die Rampe an der Auffahrt zur A100 in Richtung Wedding kurz ist – ein Überraschungseffekt, der Berlin-Neulingen Angstschweiß auf die Stirn treiben kann. Darum wird die Rampe verlängert. Zweites Beispiel: Dass sich inmitten eines Autobahndreiecks eine Anschlussstelle befindet, ist nach jetzigen Maßstäben unüblich. Zu dicht folgen Rampen aufeinander, strömen Autos herein. Um den Verkehr zu entzerren, wird die Anschlussstelle Messedamm geschlossen. An der Avus am S-Bahnhof Messe Süd entsteht eine neue Auf- und Abfahrt, mit parallelen seitlichen Rampen. Ingenieure nennen sie Holländerrampen.

Großbaustelle: Lärmschutz für Anwohner der Dernburgstraße

Ob Autofahrer die Südrampe vom Verlängerten Messedamm aus auf einer Brücke über die A115 oder durch eine Unterführung erreichen werden, prüfen die Planer noch. Bezirk und Anlieger fürchten zusätzlichen Lärm, wenn eine Brücke gebaut wird. Pott betont: „In jedem Fall ist für die Bewohner der Siedlung Eichkamp zusätzlicher Lärmschutz zu erwarten.“ Klar ist, dass es für die Anlieger der Dernburgstraße erstmals Lärmschutzwände geben wird.

Beim Umbau des Knotenpunkts wird auch etwas anderes verschwinden. Zwar kann das Motel und Restaurant, das mit seiner charakteristischen runden Bauform und dem Mercedes-Stern auf dem Dach Berlin-Besucher begrüßt, weiter betrieben werden. „Doch der Rasthof Avus wird geschlossen“, so der Projektleiter. Die rund 40 Lkw-Stellplätze werden nach Potsdam verlegt. Künftig nimmt das Dreieck Funkturm weniger Raum ein: „Frei werdender Platz kann für andere Zwecke genutzt werden. Dies ist Inhalt des stadtplanerischen Begleitkonzeptes“, sagt Pott.

Allerdings werde es nicht möglich sein, dass Dreieck Funkturm zu überdeckeln, wie es Politiker wünschen. Weil es sich nicht in einem Geländeeinschnitt, sondern oberirdisch erstreckt, wäre ein riesiger Hochbau in Form eines Beton-Sarkophags erforderlich – inakzeptabel.

Nächstes Autobahn-Großprojekt: Abriss Rudolf-Wissell-Brücke

Rund zwei Kilometer nördlich bahnt sich das nächste Großprojekt an. Es geht um den Abriss und Neubau der Rudolf-Wissell-Brücke, auf der die A100 nahe der Schleuse Charlottenburg das Spreetal überquert. Im Schatten des 930 Meter langen Bauwerks, das 1961 für den damals noch spärlichen Verkehr freigegeben wurde, steht Wolfgang Pilz. Der Deges-Projektleiter schaut einem Bohrer zu, der sich in das Erdreich wühlt.

„Die Baugrunderkundung hat begonnen“, erklärt der Bauingenieur. „Damit wir für das neue Bauwerk Sicherheit bekommen, schauen wir, wie der Untergrund beschaffen ist.“ An 450 Stellen werden Proben genommen, in bis zu 60 Meter Tiefe. Die Strecken, die von den Bohrern nach unten zurückgelegt werden, summieren sich auf 3,5 Kilometer.

Auch auf diesem Teil des Berliner Autobahnnetzes haben die Kraftfahrer noch Schonfrist. Der Bau werde ebenfalls nicht vor 2023 beginnen, sagt Pilz. Während der ersten drei Jahre der siebenjährigen Bauzeit werden die Autofahrer kaum Einschränkungen spüren. Auf der alten Brücke wird der Verkehr weiter fließen, während nebenan der erste Teil der neuen entsteht. Erst wenn der zweite Überbau in Angriff genommen wird und der Gesamtverkehr vorübergehend auf dem ersten konzentriert wird, dürfte es eng werden.