Berlin - Als die Hausbewohner der Bremer Straße 43 in Moabit an diesem 3. März 1998 die Feuerwehr rufen, weil der Keller unter Wasser steht, ahnt noch niemand die Ursache. Dann wird die Tür der darüberliegenden Wohnung aufgebrochen, in der die Räume einer Baufirma liegen. Im Badezimmer finden die Feuerwehrleute die Ursache der Überschwemmung: die Badewanne läuft über. Und sie entdecken dort einen Toten: den Bauunternehmer Frank Eberl. Sein Tod gleicht einer Hinrichtung. Eine Kugel traf den 41-Jährigen in den Rücken. Zweimal feuerte der Täter auf den Hinterkopf seines Opfers.

Fast 23 Jahre später muss sich Eberls mutmaßlicher Mörder vor dem Berliner Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm einen Auftragsmord vor. Der inzwischen in Italien lebende Bauarbeiter Serghei N. ist angeklagt, den Unternehmer heimtückisch und aus Habgier getötet zu haben, so sagt es die Staatsanwältin Silke van Sweringen zum Auftakt des Prozesses an diesem Freitag. Frank Eberl habe sich am Tattag gerade über die Badewanne gebeugt, um eine Handrolle von Farbe zu reinigen. Der Bauunternehmer sei völlig arglos gewesen, als er mit einer automatischen Pistole hinterrücks erschossen worden sei. Laut Anklage soll der 59-jährige Angeklagte, ein gebürtiger Moldawier, von dem Bauunternehmer Joseph B. zu der Tat angestiftet worden sein und für den Mord 1500 Mark erhalten haben. Hintergrund soll ein Streit um Geld gewesen sein.

Zeuge sei psychiatrisch auffällig gewesen

Für Josipa Salm-Francki und Frank Zindler, die beiden Verteidiger des Angeklagten, beruht die Anklage auf der Aussage eines Zeugen, der aus dem Nichts heraus nach mehreren Jahrzehnten zur Polizei gegangen und bei der Vernehmung psychiatrisch auffällig gewesen sei. Die Staatsanwaltschaft habe es versäumt, diesen Zeugen, einen einstigen Kollegen von Serghei N., zu begutachten und damit die Glaubhaftigkeit seiner Aussage prüfen zu lassen. Der Mann habe über Erlebnisse gesprochen, die ausschließlich seiner Fantasie entsprungen seien, erklären die Anwälte vor Gericht.

Jahrelang hatten die Ermittler der 5. Mordkommission nach dem Mörder von Frank Eberl gefahndet und in diesem Zusammenhang auch nach zwei Moldawiern als Zeugen gesucht. Den Namen eines der Zeugen gab die Polizei mit Serghei I. an. Es sei ein früherer Aliasname gewesen, räumt der Angeklagte nun ein. Bekannt wurde damals auch, dass Frank Eberls Firma im Januar 1998 in Konkurs gegangen war und der Unternehmer wohl hohe Schulden hatte.

Eberl soll noch kurz vor seinem Tod von dubiosen Schuldeneintreibern bedroht worden sein. Die Fahnder vermuteten einen tödlichen Zwist unter Bauunternehmern. Doch die Ermittlungen liefen ins Leere. Auch eine Belohnung von 10.000 Mark brachte die Polizei nicht weiter. Das Ermittlungsverfahren wurde eingestellt, bis sich 2017 der inzwischen in Großbritannien lebende einstige Kollege von Serghei N. bei der Polizei in England meldete und erklärte, N. habe ihm damals die Schüsse gestanden. Er wiederholte seine Anschuldigungen auch bei der Berliner Mordkommission.

Erhebliche Zweifel an den Aussagen

Doch stimmen die Angaben des Zeugen? Die Mordermittler sollen einen sogenannten Eindrucksvermerk von der Vernehmung gefertigt haben, in dem von psychischen Auffälligkeiten die Rede ist. Auch Verteidigerin Salm-Francki äußert vor Gericht ihre Zweifel an den Angaben des „psychiatrisch bemerkenswert auffälligen“ Mannes. So habe der Zeuge ausgesagt, dass er und der Angeklagte am Tattag dem späteren Opfer bei der Renovierung der Büroräume geholfen hätten. Nach Auskunft der damaligen Ehefrau des getöteten Bauunternehmers führte Eberl die Arbeiten jedoch allein aus. Zudem soll der Zeuge ausgesagt haben, er habe Serghei N. zwischen 15 und 16 Uhr wieder gesehen. Die tödlichen Schüsse auf Frank Eberl seien aber später abgefeuert worden.

Verteidiger Zindler betont, dass in der Anklage keinerlei Einzelheiten über die mutmaßliche Mordabsprache und die Auszahlung der 1500 Mark genannt würden. Der Angeklagte habe damals ausschließlich russisch, der mutmaßliche Auftraggeber Joseph B. nur englisch geredet. Auch zu dem Motiv des Anstifters enthalte die Anklage keinerlei Angabe. Joseph B., der Eberl kannte, soll seit Jahren wegen eines Vermögensdeliktes in England in Strafhaft sitzen. Es heißt, er bestreite eine Tatbeteiligung.

Gegen den Angeklagten, der nicht vorbestraft ist, wurde im Januar 2019 Haftbefehl erlassen. Eine Woche später kam er in Italien in Auslieferungshaft. Doch weil die notwendigen Unterlagen fehlten, wurde Serghei N. nach fünf Wochen wieder auf freien Fuß gesetzt. Trotz eines drohenden Strafverfahrens in Deutschland habe sich der Moldawier aber nicht in seine Heimat abgesetzt, sagt Anwältin Salm-Francki. Das zeige, dass sich Herr N. nichts habe zuschulden kommen lassen.

Es wird ein schwieriges und aufwendiges Verfahren. 34 Verhandlungstage sind vorgesehen. Zahlreiche Zeugen sollen gehört werden, die sich an Details vor 23 Jahren erinnern müssen. Unter ihnen der Hauptbelastungszeuge. Er befindet sich in England.