Bayrische Lehrer unterrichten in Berlin: Lieber Berlin als in Bayern Hartz IV

Seit zwei Jahren wirbt die Berliner Bildungsverwaltung gezielt um frisch ausgebildete Junglehrer aus Bayern. Denn während dort kaum noch eingestellt wird, herrscht in der Hauptstadt Lehrermangel. Jeder siebte Lehrer, der zum neuen Schuljahr hier eingestellt wurde, kam schon aus Bayern. Jenny Blüher ist vor einem Jahr von München an die Spree gezogen. Ihr Referendariat als angehende Studienrätin hatte sie noch im als besonders fein geltenden Münchner Stadtteil Bogenhausen gemacht, jetzt unterrichtet sie am Oberstufenzentrum Gesundheit I in Wedding. 2 500 Schüler gibt es dort, der Hauptflur im 1970er-Jahre-Bau wird Schulstraße genannt. „Lieber Berlin als Hartz IV habe ich mir gedacht“, sagt die 30-Jährige im Plauderton. Als ausgebildete Lehrerin ohne Job hätte sie nach dem Referendariat nämlich kein Arbeitslosengeld bekommen.

Mehr Soziales in Berlin

Jetzt also Berlin. Was sind die größten Unterschiede? „Die Leistung eines Lehrers in Berlin liegt viel stärker im sozialen Bereich“, sagt Jenny Blüher. Mit Schülern Bewerben üben, auf Selbstorganisation und Pünktlichkeit achten. Das liege auch daran, dass es hier mehr Kinder mit Migrationshintergrund an den Schulen gebe. In Bayern sei gerade für angehende Gymnasiallehrer das Fachwissen das A und O, Didaktik und Pädagogik, was in Berlin wichtig sei, komme dort sehr kurz.

Nach ihrer Ankunft gründete Jenny Blüher die Facebook-Gruppe „Bayrische Lehrer erobern Berlin“, die inzwischen über 400 Mitglieder hat. „Der Titel ist ironisch gemeint“, sagt die freundlich, aber bestimmt auftretende junge Frau. In dieser Gruppe geben sich die Lehrer aus Bayern Tipps für das Leben in der Hauptstadt. Wer kennt welche Schule in Berlin? Ist die okay?, wird da gefragt.

Oder auch: Wo soll ich wohnen? Man vertraut einander in der noch fremden Stadt. „In der Facebook-Gruppe werden meist Prenzlauer Berg, Mitte, Charlottenburg oder auch mal Zehlendorf als Wohnorte empfohlen“, sagt Jenny Blüher, die Administratorin der geschlossenen Gruppe. Kein Wunder sei das, schließlich würden Prenzlauer Berg oder Mitte doch noch am ehesten an München erinnern. „Da ist es etwas sauberer.“ Auch sie selbst wohnt in dieser Gegend, aber inzwischen ist sie schon ein bisschen angenervt. „So viele Touristen, viel Lärm.“ Da klingt sie schon fast wie eine Berlinerin, eine gewisse Herablassung gegenüber Touristen gehört hier ja zum Grundton.

Auch über das Berliner Schulsystem wundern sich die bayrischen Lehrer. Dass die Grundschule sechs Jahre lang dauert und nicht nur vier Jahre wie in Bayern und in den meisten anderen Bundesländern, wirft in der Facebook-Gruppe ebenfalls Fragen auf. Auch Jenny Blüher, die Lehrerin für Deutsch, Geschichte und Ethik, fremdelt damit noch. Als Mutter würde sie mit der sechsjährigen Grundschule wohl ein Problem haben. Und wird kurz grundsätzlich: „Wieso werden in Berlin nicht auch mal die Guten besonders gefördert? Die gehen ja bis zur Klasse 6 unter. Immer heißt es nur, dass die Guten die Schwächeren mitziehen sollen.“ Am Ende sinke das Niveau, so ihre Befürchtung.

Gerade hat sie mit ihren Berufsschülern im Unterricht über Organspende und Sterbehilfe gesprochen. Medizinethik war das Thema. Viele der Schüler wollen später in Pflegeberufen arbeiten.

Ursprünglich habe sie in München bleiben wollen, sagt Jenny Blüher. Das war Heimat für sie, obgleich sie in Wiesbaden aufgewachsen ist. In München habe sie die Sauberkeit, die Überschaubarkeit und auch das Sicherheitsgefühl geschätzt. „Womöglich sogar das Spießige, alles war dort klar geregelt.“ Im Englischen Garten in München lässt man halt nichts fallen.

In Berlin habe sie sich erst einmal an die vielen Flaschensammler gewöhnen müssen – und an die vielen Graffiti überall. Auch wenn sie schon öfter zu Besuch war. „Mein halber Abitur-Jahrgang ist ja damals nach Berlin gegangen.“ Und auch sie selbst schätzt an der Stadt inzwischen dieses große Freiheitsgefühl, wie sie sagt. Dass die Menschen sich hier ausprobieren können.

Ganz andere Aufgaben

An den Schulen nimmt sie die Leistungsunterschiede zwischen Bayern und Berlin deutlich wahr. Man brauche bloß die Aufgaben für den Mittleren Schulabschluss in Berlin mit denen des bayrischen Realschulabschlusses zu vergleichen. Dabei werde in Bayern mehr Wissen abgefragt, sagt sie.

Jenny Blüher ist nach Berlin gekommen, um zu bleiben, Für ihre Fächerkombination hätte sie eine Abschlussnote von 1,06 haben müssen, um als Beamtin in den bayrischen Schuldienst übernommen zu werden. Das kommt einem Einstellungsstopp gleich. Daran dürfte sich so schnell nichts ändern. Der Beamtenstatus ist ihr allerdings nicht so wichtig. Es sei doch toll, dass ein angestellter Lehrer in Berlin gleich in die oberste Gehaltsstufe komme. Deshalb hat sie hier einen unbefristeten Vertrag unterschrieben und ist damit umgehend von der Bewerber-Warteliste des bayrischen Kultusministeriums geflogen. Andere aus der Facebook-Gruppe haben in Berlin nur befristete Verträge unterschrieben. Denn sie wollen eines Tages zurück nach Bayern.