Der Berliner Bund Deutscher Architekten feiert in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag und hat wieder den BDA-Preis ausgelobt. Jeder Architekt konnte sich mit Berliner Projekten bewerben. Nikolaus Bernau sprach mit den beiden BDA-Vorständen Thomas Kaup und Walter Vielain über Eliten, Überraschungen und Wettbewerbe.

Wozu braucht es heute noch einen Elitenverein wie den BDA?

Thomas Kaup: Wir wollen für die Qualität in der Architektur werben, etwa durch den BDA-Preis Berlin. Qualität des Planens und Bauens aber lässt sich nicht ohne Weiteres definieren, das muss man ständig debattieren. Es gibt ja nicht zehn Punkte, die sagen, das ist gut, das ist schlecht. Da ist es sinnvoll, dass man eine gewisse Homogenität untereinander hat, sich wenigstens über die Grundlagen einer solchen Debatte einig ist. Außerdem können wir schneller reagieren als etwa die Architektenkammern, können zugespitzter formulieren, etwa in der Debatte um den zentralen Bereich im Regierungsviertel. So etwas Wichtiges wie der Besuchereingang zum Reichstag etwa sollte in ein Gesamtkonzept eingebunden werden, nicht einfach nur geplant werden.

Walter Vielain: Wir setzen uns auch immer wieder kritisch mit unfairen Verfahren auseinander, solche, bei denen Bauherren die Bauqualität vernachlässigen, keine Chancengleichheit gewähren, oder die Honorare unzulässig drücken.

Sie haben die Geschichte des BDA Berlin untersucht. Gab es Überraschungen?

Kaup: Allerdings. In der Selbstwahrnehmung definiert sich der Verband bis heute vor allem über die Individualität seiner Mitglieder. Der größte Teil ist freischaffend, viele haben ein eigenes Büro. 1933 aber ging der BDA mit fliegenden Fahnen zu den Nazis über, hat sich innerhalb kürzester Zeit gleichgeschaltet und die jüdischen Kollegen rausgeworfen. Genauso überrascht waren wir, als Texte von Bruno Taut auftauchten, dem großen Siedlungsreformer, der Frauen vor allem einmal als häusliche Wesen betrachtete. Und als Hilde Weström aus den 1960er-Jahren erzählte, dass sie sich nie zu Wort gemeldet hat, nie gefragt wurde, da dachten wir uns doch: Die Rolle der Frauen im BDA sieht heute sehr anders aus.

Vielain: Auch das Verhältnis zwischen dem West-BDA und dem Ost-BDA haben wir versucht, wenigstens ansatzweise aufzuarbeiten. In der DDR hat es ja keine Landesverbände gegeben. Und es gab es ein ganz anderes Berufsverständnis, kaum freie Architekten, wie sie den BDA im Westen geprägt haben.

Sind 1990 dann die Mitglieder aus Ost-Berlin in den West-BDA aufgenommen worden?

Kaup: Die Mitglieder aus dem Osten mussten sich neu organisieren – und in Berlin wurden die Mitglieder dann gegebenenfalls einzeln nach dem üblichen Procedere aufgenommen. Aber wir haben in den Ostländern bis heute deutlich weniger Mitglieder als im Westen. In Bayern, Baden-Württemberg oder Nordrhein-Westfalen sind es um die 1000, in Sachsen-Anhalt oder Brandenburg oft nur 40, 50 Leute.

Wie viele sind es in Berlin?

Kaup: Etwa 350 – von ungefähr siebentausend Architekten insgesamt. Die Anzahl der freischaffenden Architekten liegt bei etwa 4000, das entspricht etwa 2000 Architekturbüros – da sieht’s statistisch dann schon besser aus.

Der BDA kämpft seit 1915 für Architekturwettbewerbe. Sind die eine Garantie für Qualität und Vielfalt – die Umgebung des Hauptbahnhofs scheint das Gegenteil zu beweisen

Kaup: Bei einem Wettbewerb muss vorher genau geklärt sein, was man haben will. Dann ist er unter allen bekannten Verfahren dasjenige, das am besten funktioniert – auch wenn es immer wieder gescheiterte Wettbewerbe gibt. Aber das klassische Beispiel ist immer wieder der Flughafen Tegel, bei dem ein ganz junges Büro gewonnen hat, GMP, das inzwischen weltweit berühmt ist. Wettbewerbe sind nämlich auch die einfachste Möglichkeit für junge Büros, einen fairen Marktzugang zu kriegen. Aber leider finden immer weniger Wettbewerbe statt, und zu diesen oder zu Verhandlungsverfahren werden immer häufiger nur etablierte Büros eingeladen.

Vielain: Und wenn jemand ganz neu denkt, wird die Arbeit gleich zu Beginn ausjuriert. So verpuffen neue Ideen. Hier müssen Bauherr und Stadt sich immer wieder ihrer Verantwortung bewusst sein.

Im 19. Jahrhundert wurden Wettbewerbsergebnisse vor der Jurysitzung ausgestellt. Warum wird das heute nicht auch gemacht – Stichwort Bürgerbeteiligung?

Vielain: Weiß ich auch nicht. Vielleicht, weil man Angst hat, dass die Jury durch die öffentliche Debatte beeinflusst werden könnte – aber das wäre ja dann sogar die Absicht.

Kaup: Und wie sichert man dann die Anonymität der Entwurfsverfasser für ein faires Verfahren … Aber eigentlich sollte man das wirklich einmal ausprobieren.

Liebe Leserinnen, liebe Leser
wir laden Sie ein, Berlins interessantestes Bauwerk zu küren. Der Landesverband Berlin des Bundes Deutscher Architekten (BDA) hat den Publikumspreis für besondere baukünstlerische Leistungen ausgelobt. Die Berliner Zeitung ist Partner des Wettbewerbs. Sie, liebe Leserinnen und Leser, können entscheiden, wer den Preis bekommt. Alle Nominierungen finden Sie auf folgender Website, auf der Sie Ihr Votum abgeben können: www.bda-preis-berlin.de.