Alessio Leonardi (48) prägt diese Stadt, ohne dass man es auf den ersten Blick sieht. Der Grafikdesigner und Professor für visuelle Kommunikation an der HAWK in Hildesheim hat die Schriften für die „be berlin“-Kampagne des Berliner Senats entworfen, die nun auch von Berliner Feuerwehr und Polizei verwendet werden. Im Interview spricht er über seine Leidenschaft für Typographie, seine Comics, Berlin und die Frage, ob Schrift uns verändern kann.

Herr Leonardi, als ich um dieses Gespräch gebeten habe, habe ich in der Mail die Schrift Verdana 12 pt. verwendet. War das erträglich für Sie?

Verdana ist eine wunderbare Schrift von Matthew Carter, einem der größten Schriftdesigner der Welt. Er ist der einzige Designer, der alle Technologien aus direkten Erfahrung kennt – von der handziselierten Bleischrift bis zur modernsten Computerschrift. Verdana ist perfekt für den Bildschirm, für die sie auch entworfen wurde. Nicht so schön ist es, wenn zum Beispiel der schwedische Möbeldiscounter Ikea es für sein Corporate Design verwendet.

Sie haben mehrere sogenannte Graphic Novels über Schrift und Typo verfasst und entwerfen Schriften: Was fasziniert Sie an diesen Beruf?

Die Arbeit an einer Schrift ist eine fast intime Tätigkeit, in der man hochkonzentriert ist auf diese kleine Welt. Eine sehr meditative Tätigkeit.

Ein T muss doch immer aussehen wie ein T. Wenn der Balken verrutscht, wird es ein Kreuz und ist kein T mehr. Was gibt es denn daran noch zu arbeiten?

Sie haben natürlich Recht, wir haben ein grundlegendes Muster, das auf jener Schrift basiert, die wir noch heute auf vielen Denkmälern sehen, die sogenannte Capitalis Monumentales, die die Römer in ersten Jahrhundert nach Christus entwickelten. Und wir haben 26 phonetische Zeichen: die Buchstaben des Alphabets. Diese sind eine Art Code, den jeder beim Lesen unbewusst decodiert und in Laute umwandelt. Wenn ich die Form eines Buchstaben ändere, lesen Sie ohne Probleme weiter, denn Sie lesen im Kontext. Wenn ich vier, fünf Buchstaben ändere, dann fangen Sie an zu stottern. Arbeiten mit Schrift ist also ein Balance-Akt, zwischen Tradition und Weiterentwicklung. Und wir haben anscheinend keine Schwierigkeiten damit: Wir sehen auf der Straße die unterschiedlichsten Arten von Hunden und erkennen jede einzelnen davon als Hund.

Was hat das mit Schrift zu tun?

Das gleiche gilt für die Buchstaben: Schauen Sie, wie viele unterschiedliche Formen es allein vom kleinen „a“ gibt. Das hat viel mit Gewohnheit zu tun. Wer kann heute schon noch flüssig Fraktur lesen? Die Geschichte der Schrift ist die einer Evolution, die viel auch mit Politik und Macht zu tun hat. Vor Karl dem Großen gab es beispielsweise keine Kleinschreibung. Bei ihm hat die Schrift ihrer erste Normierung erfahren – die karolingische Minuskel. Mit der schreiben wir heute noch in abgeänderter Version. Zurück zu Ihrer Frage: Bei meiner Arbeit geht es auch darum, Grenzen zu überschreiten. Wann sieht das T noch aus wie ein T? Wie weit kann man gehen? Schreiben ist wie Zeichnen – die Schrift kommt ja aus den Bildern.

Sie haben unter anderem die Schrift für die „be berlin“-Kampagne entworfen.

Genau, in Folge eines Wettbewerbs für das Corporate Design dieser Kampagne. Zuerst wurde die Schrift für die Marketing-Maßnahmen entwickelt, dann wurde sie für die Anwendung als Hausschrift der Stadt Berlin ausgebaut – der Legende nach weil Herr Wowereit die Schrift auch auf seiner Visitenkarte haben wollte. Das ist natürlich nicht der einzige Grund. Im Zuge dieser Arbeit entwickelte ich – zusammen mit der zuständigen Agentur – auch das „be“ von be Berlin.

Sind Sie denn, abgesehen von Ihrem eigenen Beitrag dazu, mit der Kampagne zufrieden?

Ich finde wunderbar, wie man es geschafft hat, alle Bürger der Stadt zu involvieren.

Das klingt aber nun sehr diplomatisch …

… nein, im Ernst: Im Ausland empfindet man die Kampagne als sehr gelungen. Nur das Brandenburger Tor im Logo stört mich. Ich lese immer „Be Brandenburger Tor Berlin“.

Ist so ein Auftrag wie der für die Stadt denn gut bezahlt?

Nicht wirklich, der Senat hat nicht viel Geld. Aber es war mir eine große Ehre, daran zu arbeiten.

Wie fühlt es sich für Sie an, wenn Sie in der Stadt überall Ihr Werk sehen?

Ich bin wirklich sehr stolz. Das Schönste ist, dass auch die Berliner Feuerwehr die Schrift übernommen hat.

Das hat auch die Berliner Polizei getan, Ihnen das nicht unheimlich?

Auf keinem Fall, ich freue mich drauf. Es wäre ziemlich heuchlerisch, für die Stadt zu arbeiten und ihre Polizei abzulehnen.

Ist Berlin in Bezug auf Schrift, wenn man das so sagen kann, eine gute oder eine schlechte Stadt? Hat eine Stadt ein typographisches Flair?

Irgendwie schon, aber es ändert sich auch ständig. Wenn man an Ost-Berlin vor der Sanierung denkt, da gab es diese alten Buchstaben, die nur in der DDR verwendet wurden, oder diese ganzen alten gemalten Schriften auf Fassaden. Das sieht man ja kaum noch. Alles wird einheitlicher. Leider. Die Schrift beeinflusst ja unser Leben, im Guten und auch im Schlechten.

Welche Typo lässt mich als Schreiber denn nun am coolsten wirken?

Mails in Times New Roman sind jetzt nicht mehr so hip (lacht). Man muss gucken, ob es zum eigenen Charakter passt. Da gibt es in der Regel keine Vorschriften, sie muss nur gut zu lesen sein. Mit Verdana liegen Sie goldrichtig.

Das Gespräch führte Marcus Weingärtner