Beamter auf Probe veruntreute 175.000 Euro – die Quittung: zweieinhalb Jahre Haft

Sven Q. arbeitete in einem Sozialamt in Berlin. 103-mal überwies er Geld auf sein Konto anstatt an Bedürftige. Der Richter sah keine Chance auf Bewährung.

Sven Q. bediente sich als Beamter auf Probe selbst – er veruntreute rund 175.000 Euro. 
Sven Q. bediente sich als Beamter auf Probe selbst – er veruntreute rund 175.000 Euro. Berliner Zeitung/Katrin Bischoff

Sven Q. gibt an diesem Dienstagvormittag alles zu, wohl auch, um um eine Gefängnisstrafe herumzukommen. „Ich räume die Taten ein, die mir vorgeworfen werden“, sagt der schwergewichtige Mann. Er könne sich bis heute nicht erklären, „warum ich das getan habe“. Er sei in ein Loch gefallen, danach. „Ich schäme mich, ich bereue die Taten“, so der 45-Jährige.

Es ist ein Geständnis, in dem Sven Q. vor dem Amtsgericht Tiergarten 103 Fälle von gewerbsmäßiger Untreue zugibt. Doch sie wären ihm wohl auch ohne seine Angaben nachgewiesen worden. Als Mitarbeiter des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg arbeitete er zusammen mit rund 40 Kolleginnen und Kollegen im Fachbereich Eingliederungshilfe und war für die Bearbeitung von Anträgen behinderter Menschen auf finanzielle Unterstützung zuständig. Dabei aber füllte er seine eigenen Konten – von Juli 2018 bis Dezember 2020 überwies er sich mit manipulierten Rechnungen 175.092,25 Euro. Durchschnittlich besserte er damit sein monatliches Gehalt um knapp 6000 Euro auf. 

Mal waren es 4308 Euro, mal 970 Euro, die sich der Beamte auf Probe genehmigte. Sven Q. konnte Geld bis zu 5000 Euro genehmigen. Seine Masche, die lange Zeit nicht auffiel: Er zog sich eine existierende Fallakte und trug am Computer bei der Anweisung der meist rückwirkenden, nicht bestehenden Bedarfe für den Leistungsempfänger seine eigene Kontonummer ein. Die falschen Daten änderte er später wieder. Vier eigene Konten bediente er auf diese Weise.

Dabei handelte er ohne finanzielle Not, so wird es Wolfgang Konecny, der Vorsitzende Richter, später sagen. Denn Sven Q. verdiente 2600 Euro netto im Monat. Auch sein Lebenspartner hatte ein Einkommen. Von dem veruntreuten Geld ist trotzdem nichts mehr übrig. Sven Q. verprasste es angeblich für Reisen und Luxusgüter – und nicht etwa, um Schulden zurückzuzahlen, darunter ein Bankdarlehen von 20.000 Euro.

„Sie waren ja relativ fleißig“, bemerkt Konecny bei der Befragung des Angeklagten trocken und verweist auf eine Liste mit mehr als 20 Anweisungen an nur einem Tag. Sven Q. wusste um die Lücken im System, wusste, dass nur fünf Prozent der digital angewiesenen Zahlungen – ausgewählt nach dem Zufallsprinzip – überprüft werden. Und wenn eine seiner manipulierten Anweisungen auffiel, zog er sie zurück mit der Begründung, ihm sei ein Fehler unterlaufen. 

Beamtin der Innenrevision des Bezirksamtes deckte Schwindel auf

Eine Kontrolle nach dem Vier-Augen-Prinzip gab es quasi nicht. Dass sich die Internationale Bankkontonummer (IBAN) bei manchen Leistungsempfängern geändert hatte, fiel nicht auf. Jedem stehe es schließlich frei, die Bank zu wechseln, so die Auskunft der damaligen Chefin von Sven Q., die als Zeugin gehört wird. Außerdem habe man bei keinem Sachbearbeiter so viel kriminelle Energie vermutet, dass er die IBAN zu seinen Gunsten manipulieren könnte.

Den Schwindel deckte schließlich Sonja S. auf. Sie arbeitete in der Innenrevision des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg. Im November 2020 seien die Bezirksämter aufgefordert worden, wegen der pandemiebedingten Aussetzung des Vier-Augen-Prinzips bei Auszahlungen tiefergehende Prüfungen durchzuführen, erzählt die 59-Jährige vor Gericht.

Bei einer Liste von Zahlungen des Sozialamtes fiel ihr auf, dass mehrere Leistungsempfänger dieselbe IBAN hatten. Sonja S. schaute sich die Fälle genauer an. Es waren durch Sven Q. angewiesene Zahlungen gewesen. Die Prüferin informierte den zuständigen Stadtrat. Gegen Sven Q. wurde schließlich Strafanzeige erstattet. Er wurde, so sagt es eine weitere Zeugin, sofort seines Amtes entbunden und durfte das Büro nicht mehr betreten. Seitdem ist der Angeklagte ohne Arbeit. Einen neuen Job habe er noch nicht gefunden, auch erst abwarten wollen, wie das Verfahren gegen ihn ausgehe, erklärt er.

Nach dreieinhalb Stunden Verhandlung ist der Ausgang klar: Richter Konecny präsentiert dem Angeklagten die Quittung für sein Handeln. Sven Q. muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis. Zudem ordnet der Richter die Einziehung des Wertersatzes des zu Unrecht erlangten Geldes bei dem Angeklagten an. Sven Q. sei voll schuldfähig gewesen, auch wenn er von Depressionen gesprochen habe.

Konecny spricht von Untreue in besonders schwerem Fall. Bei der Begehung der Taten habe der Angeklagte eine deutliche kriminelle Energie an den Tag gelegt. „Sie haben ihre Amtsstellung ausgenutzt. Das erhöht das Strafmaß.“ Zugunsten des Angeklagten sei aber auch berücksichtigt worden, dass ihm die Taten aufgrund mangelnder Kontrolle relativ leicht gemacht wurden. „Zudem haben Sie Ihre Beamtenstellung verloren und stehen nun vor einem Scherbenhaufen.“