Die Debatte um die geplante Bebauung des Touristen-Ortes Checkpoint Charlie, der jährlich von 4,5 Millionen Schaulustigen aus aller Welt besucht wird, geht mitunter seltsame Wege. So versammelte sich am Freitag ein hochkarätiges Podium an der Gedenkstätte Bernauer Straße. Die Aufführung geriet zu einer Mischung aus Geschichtsstunde und Lobbyismus.

Eine echte Diskussion war es jedenfalls nicht. Dafür wären Protagonisten mit unterschiedlichen Positionen nötig gewesen. Stattdessen saßen auf dem Podium lauter ältere Herren, die alle dasselbe wollen: dass der frühere Grenzübergang bebaut wird. Und zwar nach den seit Monaten heiß diskutierten Plänen des Investors Trockland – ein Museum des Kalten Krieges oder eine ähnliche Einrichtung, die den historischen Ort würdigt, inklusive.

Verschlossene Türen

So blieb die Debatte im Hintergrund, ob eine Bebauung mit 50.000 Quadratmeter Geschossfläche mitsamt eines Hard-Rock-Hotels dort stadt- entwicklungspolitisch gewollt ist. Ebenso die Frage, ob es richtig ist, dass der Senat hinter verschlossener Tür Absprachen mit dem Investor tätigt und die Öffentlichkeit vor vollendete Tatsachen stellt – und diese dann verblüfft lernt, dass eine Museumsfläche von 3000 Quadratmetern und eine Freifläche von 1000 Quadratmetern ins Vertragswerk hineinverhandelt wurden. Unterschrieben werden müsste übrigens bis Ende des Jahres, sonst drohe die Insolvenz. Ach so?

Unerwähnt blieb auch, ob Trockland überhaupt der geeignete Partner ist angesichts dessen Vorgehen an der East Side Gallery, wo Teile der Hinterlandmauer eingerissen wurden, um ein Wohnhochhaus an die Spree knallen zu können. Nichts darüber, ob auch alle Geldgeber von Trockland seriös sind – zumindest finden sich Anteilseigner aus dem Steuerparadies Zypern darunter, aber auch russische Finanziers, die im Visier internationaler Ermittler sind. Und ist Berlin womöglich Grunderwerbssteuer vorenthalten worden, als das Grundstück über die Jahrzehnte immer wieder verkauft wurde?

Die mitregierenden Grünen und Linken sowie die oppositionelle CDU liebäugeln jedenfalls längst mit der Variante, Berlin könnte die Vereinbarung platzen und das Grundstück versteigern lassen. Danach könnte man per Vorkaufsrecht selber kaufen und das Areal etwa von einer kommunalen Wohnungsbaugesellschaft mit günstigem Wohnraum inklusive Museumsort bebauen lassen.

Kein Wort an diesem Tag darüber. Dafür sprach John Kornblum, seit je her ein Mann für die ganz großen Worte. Und wer sollte den historischen Wert der Kreuzung Friedrichstraße/Ecke Zimmerstraße, an dem sich vor 57 Jahren ein amerikanischer und ein sowjetischer Panzer gegenüberstanden, besser benennen als der frühere US-Botschafter in Berlin?

„Der Checkpoint Charlie ist nicht nur eine Berliner Sache, sondern eine westliche Sache, eine der USA, Großbritanniens und Frankreichs“, sagte Kornblum. Damals seien die Westalliierten an diesem Ort viele Risiken dafür eingegangen, damit Deutschland als Nation bestehen bleibe. Daran müsse heute seriös erinnert werden – eben nicht so „unwürdig“, wie seit Jahren mit Soldatendarstellern, Russenmützenverkäufern und Strandbarbesuchern. Und Trockland sei für dieses seriöse Gedenken der Garant. Dass Kornblum derzeit Berater von Trockland ist. Geschenkt.

Einmalige Chance?

Auch der frühere Regierende Bürgermeister Walter Momper saß – wie auch sein Vorgänger und Nachfolger Eberhard Diepgen – auf dem Podium. „Wir wollen, dass die Vereinbarung zwischen dem Land und Trockland unterschrieben wird“, sagte Momper. Wenn jetzt wieder etwas schiefgehe, „dann dauert es mindestens zehn Jahre, bis es wieder die Chance gibt, den Checkpoint Charlie in einen würdigen Ort zu verwandeln“. Dazu muss man wissen: Momper ist seit seinem Ausscheiden aus der Politik Immobilienprojektentwickler. Sein Büro liegt nur wenige hundert Meter vom Checkpoint Charlie entfernt.

Angesichts so viel Parteilichkeit war der Auftritt von Historiker Klaus-Dietmar Henke, dem Beiratsvorsitzende der Stiftung Berliner Mauer, ein kleiner Segen. Die Erwartungshaltung von 4,5 Millionen Menschen, die an dem Ort etwas über Geschichte erfahren wollten, müsse bedient werden, was schwierig genug sei. Offenbar gebe es dafür jetzt die Chance. „Da ist mir der Investor völlig egal.“