Berlin - Anke Reuther bewegt ihren Zeigefinger energisch entlang des roten Strichs, der den Grundrissplan des Friedhofsparks in zwei Bereiche teilt. Auf dem kleineren befindet sich ein Spielplatz. Dort soll bald ein Wohnhaus stehen. Oder zwei. Platz wäre genug. Der Friedhof wäre dann auf einer Seite komplett zugebaut und um einiges kleiner.

Der Strich ist der Grund, warum sich Anke Reuther, die Vorsitzende der Freireligiösen Gemeinde, jetzt mit Anwohnern so heftig streitet. Es geht um absurde Vorwürfe, Verleumdungen, Hausverbote und üble Nachrede. Aber eigentlich geht es um einen Neubau. Anwohner machen dagegen mobil. Ein „schädliches Bauprojekt“ müsse verhindert werden, der Friedhofspark als „grüne Oase“ erhalten bleiben“. So steht es auf Flugblättern im Kiez.

Wegen des Strichs auf dem Grundrissplan spaltet sich jetzt ein ganzes Viertel, in dem viele Familien mit kleinen Kindern leben, in dem es zu wenig Grün gibt und zu wenig Spielplätze.

Ein Friedhof für Dissidenten

Um den Konflikt zu verstehen, muss man die Geschichte der Freireligiösen Gemeinde kennen. Und das Viertel rund um den Helmholtzplatz. Seit nunmehr sieben Jahren denken die 30 Mitglieder des Gemeindevereins darüber nach, einen Teil des Friedhofsparks zu bebauen.

Die Gemeinde braucht Geld für ihr Büro und das Archiv. Sie will sich öffnen, aktiver werden, neue Mitglieder werben, ihre Geschichte präsentieren und Sommerkonzerte organisieren. „Der Friedhofspark ist ein kulturhistorischer Ort, ein Friedhof für Dissidenten“, sagt Anke Reuter.

Die 75-jährige Kulturwissenschaftlerin hat die Geschichte der Freireligiösen Gemeinde Berlin seit 1845 erforscht, der Friedhof gehört ganz eng dazu. Doch Anke Reuther beklagt, der Park werde nur noch als „geschichtsloser Freizeitpark“ genutzt.

Tobende Kinder und respektlose Eltern

In der Freireligiösen Gemeinde versammelten sich einst weltliche Humanisten, um die Revolution von 1848 vorzubereiten. Später enteigneten die Nationalsozialisten die Gemeinde und verboten sie. Auch die DDR ließ sie nach dem Krieg nicht wieder zu. In den 70er-Jahren wurde der Friedhof geschlossen und nach der Wende für fast eine Million Euro umgebaut.

Seit 1998 ist die Gemeinde wieder Eigentümerin. Der 6000 Quadratmeter große Park mit seinen hohen Bäumen ist heute eine öffentliche Grünanlage, ein Gartendenkmal und ein beliebter Erholungsort – zum Leidwesen der Gemeinde.

„Dieser Friedhof ist ein Teil unserer Geschichte, die längst nicht mehr erkennbar ist“, sagt Anke Reuther. Anwohner würden Hunde mitbringen, grillen und laute Kindergeburtstage feiern. Schon vor einigen Jahren hat die Gemeinde einen der beiden Zugänge verschlossen, damit Nachbarn den Park nicht mehr als Abkürzung nutzen. Doch das änderte nicht viel.

Anke Reuther muss bis heute ansehen, wie Kinder mit Schaufeln auf Grabsteine schlagen und überall herumklettern. Und die Mütter schauen zu, sagt sie. „Es fand hier ein sozialer Wandel statt. Die neuen Bewohner melden Besitzansprüche an.“ Tobende Kinder, respektlose Eltern – Anke Reuther kommt nicht zurecht mit der neuen Zeit in Prenzlauer Berg.

Bürgerinitiative gegründet

Ohne den Aktionismus von Thomas Reimer wären die Pläne der Gemeinde bis heute geheim geblieben. Der 49-jährige Fotograf wohnt gegenüber dem Friedhofspark. Wird der Neubau errichtet, schaut er direkt darauf. Vor zwei Jahren wurde Reimer Mitglied der Gemeinde, nachdem ein Architekt auf einer Party vom Bauvorhaben erzählt hatte. Als Gemeindemitglied versuchte Reimer, das Bauvorhaben zu verhindern.

„Der Friedhofspark muss als Gartendenkmal erhalten bleiben“, sagt er. Doch niemand folgte ihm. Ende 2017 veröffentlichte er die Pläne und gründete mit Nachbarn eine Bürgerinitiative. Im Internet läuft die Unterschriftenaktion „Pappelpark retten“. 1800 Menschen haben unterschrieben. Für die Gemeinde ist Reimer ein Verräter.

Unklar ist, ob ein Neubau überhaupt erlaubt wird. Bezirksstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) hält eine Bebauung für „rechtlich unzulässig.“ Anke Reuther spricht von „rechtlichen Unebenheiten“. Ihre Gemeinde brauche das Geld, um ihre Geschichte wieder sichtbarer machen. „Sonst“, sagt sie, „sterben wir lautlos und anonym.“