Für die Bebauung des letzten freien Grundstücks am Leipziger Platz liegt nach Jahren des Stillstands endlich ein Architekturentwurf vor  – doch die Begleitumstände bringen Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) in Erklärungsnot. Der Grund: Entgegen dem gültigen Bebauungsplan muss der Investor, die F 100 Investment AG mit Sitz in Luxemburg, nicht auf 20 Prozent der Flächen Wohnungen errichten, sondern darf stattdessen sehr viel lukrativere Büros bauen. Alle anderen Bauherrn hatten sich zuvor an die Vorgabe zum Bau der Wohnungen  halten müssen.

Der Stadtentwicklungssenator begründete die Befreiung von der Pflicht zum Wohnungsbau am Mittwoch damit, dass es sich um ein „sehr kleines Grundstück“ handele, das „von beiden Seiten besonders verlärmt“ sei. Die anderen Eigentümer am Leipziger Platz hätten ihre Wohnungen zu ruhigen Innenhöfen errichten können und dadurch wenigstens eine ruhige Seite. Die Ziele des Bebauungsplans zur Errichtung von Wohnungen würden auf dem letzten Grundstück am Leipziger Platz 18/19 mit dem Anspruch kollidieren, gesunde Wohn- und Lebensverhältnisse zu schaffen. In Anbetracht der Tatsache, dass es mit dem Haus gelinge, die Bebauung des Leipziger Platzes abzuschließen, habe man entschieden, eine Befreiung von der Pflicht zum Wohnungsbau auszusprechen, sagte Geisel. Damit gelinge es zudem, die jahrelange Nutzung des Grundstücks durch eine Werbeplane zu beenden.

Strieder als Berater

Pikant wird der Vorgang, weil der frühere SPD-Chef und Ex-Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) den Investor  beraten hat, wie ein Vertreter des Bauherrn bestätigte. Strieder hatte zunächst bei Mittes Baustadtrat Carsten Spallek (CDU) eruiert, ob es möglich wäre, eine Befreiung von der Wohnungsbau-Verpflichtung zu bekommen,  wie Spallek auf Anfrage berichtete. Dabei habe er Strieder erklärt, dass dies aus seiner Sicht nicht begründbar sei, so Spallek. Bei einem späteren Treffen sei er im Beisein von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher erneut gefragt worden, ob eine Befreiung von der Auflage möglich wäre, was er wiederum verneinte. Eine Bauvoranfrage des Investors habe der Bezirk schließlich mit einem Nein auf die Frage zur Befreiung vom Wohnanteil beantwortet. Dann ging alles ganz einfach: Der Investor legte Widerspruch ein, der bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung als zuständiger Widerspruchsbehörde landete. Diese entschied, dass eine Befreiung vom Wohnanteil „städtebaulich vertretbar“ sei, wie der Sprecher der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Martin Pallgen, mitteilte.

Eine Intervention von Strieder habe es in dieser Angelegenheit nicht gegeben. Auf dem gegenüberliegenden Eckgrundstück am Leipziger Platz, wo eine Versicherung baute, konnten von 2001 bis 2006 sehr wohl Wohnungen errichtet werden. Architekt Ivan Reimann sagte: „Die Wohnungen sind oberhalb der Traufkante von 22 Metern entstanden.“  Wegen des starken Verkehrs seien sie „mit Schallschutzfenstern ausgestattet“ worden. Mit der Vermietung habe es seines Wissens „keine Probleme“ gegeben. Aus Sicht der Stadtentwicklungsbehörde sind die beiden Grundstücke jedoch nicht miteinander zu vergleichen – unter anderem, weil das Areal der Versicherung an der Stresemannstraße liege, die weniger verkehrsbelastet sei.

Spanische Investoren

Was viele offenbar vergessen haben: Selbst für das jetzt umstrittene Grundstück am Leipziger Platz 18/19 gab es bereits einen Entwurf, der den Bau von Wohnungen an der verkehrsbelasteten Ecke vorsah. Er stammt vom Architekturbüro Rave, das 1998 einen Wettbewerb zur Gestaltung des Areals gewann. Die Wohnungen sollten danach, wie überall am Leipziger Platz, in den obersten Geschossen entstehen. Architektin Roosje Rave sagte  zur Berliner Zeitung: „Unsere Wohnungen hätten sehr wohl eine hohe Lebensqualität gehabt.“ Aus zwei großen Maisonette-Wohnungen hätte sich beispielsweise eine traumhafte Aussicht über den Tilla-Durieux-Park geboten. Der Entwurf wurde jedoch nie realisiert, weil das Grundstück mehrmals den Eigentümer wechselte.
Aktueller Besitzer ist die F 100 Investment AG. Hinter  dem Investor mit Sitz in Luxemburg verbergen sich Eigentümer aus Spanien.

Nach dem jetzt entschiedenen Wettbewerb soll das letzte Haus am Leipziger Platz nach Plänen des Berliner Architekturbüros Hilde Léon Wohlhage errichtet werden. Sie planen ein zehngeschossiges Haus mit großen Fenstern und Kunststeinfassade. Der Bau soll 2017 beginnen und 2019 fertig sein. Investitionssumme: 35 bis 40 Millionen Euro.

Aus der Opposition und der mitregierenden CDU gibt es Kritik an der Befreiung vom geforderten Wohnanteil. Der CDU-Abgeordnete Matthias Brauner bezeichnete den Vorgang als höchst erklärungsbedürftig.  Der Stadtentwicklungssenator wäre gut beraten, das Lärmgutachten offenzulegen, dass die angeblich veränderte Situation im Vergleich zu anderen Objekten am Leipziger Platz und anderen lärmbehafteten Orten  erklärt. Grünen-Fraktionschefin Antja Kapek sagte: „Partikularinteressen einzelner Investoren vor das Allgemeininteresse einer belebten und gemischten Stadt zu stellen, ist einfach nur unverantwortlich.“