Bedrohte Tierart: Wisent erschossen - jetzt stellen Umweltschützer Strafanzeige

Lebus - Nachdem zwei Jäger am Mittwoch im Auftrag der Behörden einen freilaufenden Wisent in der Nähe des ostbrandenburgischen Ortes Lebus (Märkisch-Oderland) erschossen haben, wurde am Freitag  Strafanzeige gestellt. „Die Anordnung zum Abschuss hat der Lebuser Ordnungsamtsleiter erteilt“, erklärte der deutsche Ableger der Schweizer Stiftung World Wide Fund For Nature (WWF) am Freitag in Berlin. Gegen ihn wurde nun  Strafanzeige gestellt.

„Die Abschussfreigabe eines streng geschützten Tieres ohne ein ersichtliches Gefährdungspotenzial ist eine Straftat“, sagte WWF-Vorstand Naturschutz Christoph Heinrich. „Nach über 250 Jahren ist ein Wisent in Deutschland gesichtet worden und alles was dem Ordnungsamt einfällt, ist der Abschuss.“ Erschwerend komme hinzu, dass die Behörden  ihre Kompetenzen überschritten hätten, denn nicht die Behörden vor Ort hätten entscheiden dürfen, sondern das zuständige Umwelt- und Agrarministerium.

Das Tier ist offenbar aus Polen – wo es recht viele Wisente gibt – über die Odergrenze nach Brandenburg gekommen.  Wie die Polizei mitteilte, rief am Mittwoch gegen 17.30 Uhr ein Mann  bei der Polizei an, weil er auf dem Oderdeich bei Lebus ein ausgewachsenes Wisent gesehen hat. „Die Polizei überzeugte sich, dass dies stimmte und versuchte zunächst, einen Tierarzt und dann einen Jagdpächter zu erreichen“, sagte Polizeisprecherin Astrid Reinecke. Da unklar war, ob es ein Wild- oder ein Zuchttier war, sei gemeinsam mit dem zuständigen Ordnungsamtsleiter bei Einbruch der Dunkelheit beschlossen worden, das Tier erlegen zu lassen. „Zum Schutz der Bevölkerung“, sagte die Sprecherin. „Die Polizei musste den Einsatzort vor Schaulustigen absperren.“

WWF bezweifelt Gefahrensituation

Die Gefährdung der Bevölkerung bezweifelt der WWF und geht davon aus, dass es keine Gefahren für die öffentliche Sicherheit durch wildlebende Wisent gibt. Projekte mit wildlebenden Wisenten in Polen und in Deutschland hätten gezeigt, dass  das artspezifische Verhalten von Wisenten für den Menschen keine Bedrohung sei.

„Der Abschuss ist leider auch Ausdruck der Hilflosigkeit der Behörden, wie sie mit Wildtieren umgehen sollen“, sagte WWF-Vorstand Heinrich. Er erhebt auch einen generellen Vorwurf gegen Behörden im Land Brandenburg. „Das Land zeigt sich im Wildtiermanagement auch bei Wolf und Elch in den letzten Jahren schon als wenig professionell.“ Es fehle an fachlich geschultem Personal in der Fläche. Hier sei nun Minister Jörg Vogelsänger gefragt.

„Der Wisent ist eine durch Artenschutzgesetze streng geschützende Tierart, die zu töten verboten ist“, sagte am Freitag Benjamin Raschke, umweltpolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im Brandenburger Landtag. Es sei das letzte noch in Europa vorkommende Wildrind. „Der Abschuss erscheint mir völlig unverhältnismäßig“, sagte er. „Ich möchte wissen, wo genau die konkrete Gefährdung der öffentlichen Sicherheit bestanden haben soll und ob genug getan wurde, um einen Tierarzt mit Betäubungsgewehr zu finden.“