Beelitz - Die Eingangstüren sind zugenagelt, die Fenster eingeschlagen. Efeu rankt an den Mauern hoch. Eine Wetterfahne hängt schief auf einem sechseckigen Türmchen. Überall liegt Müll.

„Es ist eine Schande! Niemanden interessiert es, was mit diesem einmaligen Denkmal passiert!“, sagt Irene Krause. Die 56-Jährige führt Besucher durch Beelitz-Heilstätten, einen ehemaligen Krankenhauskomplex im Landkreis Potsdam-Mittelmark, rund 50 Kilometer südwestlich von Berlin. Einst lebten dort mehr als Tausend Patienten. Seit fast 20 Jahren stehen viele der 60 imposanten Klinikgebäude, die Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem zur Behandlung von Tuberkulosekranken errichtet wurden, leer und verfallen. Investoren finden sich nicht, die Stadt Beelitz ist machtlos.

Dafür zieht der marode Komplex Neugierige aller Art an. Auf einem Schild steht: „Betreten verboten! Privatbesitz“. Die wenigsten scheren sich drum. Hobbyfotografen durchstreifen das verwilderte Gelände nach spektakulären Motiven. Fans des Übersinnlichen sind auf der Suche nach Geistern. Nachdem ein Gastwirt, um sein Geschäft anzukurbeln, von Stimmen und Schreien in den verlassenen Häusern erzählt hat, ist ein regelrechter Horror-Tourismus entstanden.

Das ehemalige OP-Haus gilt in der Szene als das Geisterhaus schlechthin. Junge Leute aus der Gegend feiern besonders zu Halloween und in der Walpurgisnacht heimlich Partys. Andere betreiben dort Schnitzeljagden und suchen beim Geocaching nach versteckten Gegenständen. Weil Decken und Balkone nicht mehr tragen, hat es bereits mehrere schwere Unfälle gegeben. So stürzte vor drei Jahren ein 25-Jähriger aus Jüterbog aus dem vierten Stock einer Ruine und starb.

Irene Krause führt die Besucher legal über das 200 Hektar große Gelände, an diesem Tag sind es knapp 40 Interessierte. Sie erzählt von der Zeit Ende des 19. Jahrhunderts, als die Tuberkulose Volkskrankheit war und die Schwindsüchtigen aus Berlin für Wochen oder Monate zur Kur nach Beelitz geschickt wurden. Sie berichtet von der sowjetischen Armee, die nach dem Zweiten Weltkrieg ein Militärhospital in Beelitz einrichtete. Ein steinerner Rotarmist mit Maschinengewehr bewacht noch immer Männersanatorium und Badehaus.

Ein Stapel Anzeigen

Irene Krause ist von den Heilstätten begeistert. Immer wieder zeigt sie alte Fotos oder liest Ansichtskarten von Patienten vor. Ungefähr 300 Karten hat sie auf Flohmärkten und im Internet erstanden. „Ich sammle und lese alles, was ich über Beelitz in die Finger bekomme“, sagt sie. Sie war sogar in Bonn, um im Archiv des „Vorwärts“ zu recherchieren. Das Parteiblatt der Sozialdemokratie war Lektüre der meisten Patienten und berichtete immer wieder über die Heilanstalt.

Irene Krause stammt aus Franken, sie hat lange im Rheinland gelebt. 1999 kam sie mit ihrem Mann wegen des Regierungsumzuges nach Berlin, das Ehepaar kaufte sich ein Haus in Beelitz. „Ich habe mich gleich in die Heilstätten verliebt“, sagt die gelernte Kauffrau. Und weil sie keinen Job fand, bot sie Touren für Touristen an.

Bis 1994 waren die Heilstätten Militärhospital der russischen Armee. Danach wurde das Gelände von dem Berliner Bauunternehmer Roland Ernst gekauft, der ein großes Hauptgebäude zu einer neurologischen Rehabilitationsklinik umbaute. Sie ist bis heute in Betrieb. Doch Ernst hatte sich mit seinen Projekten übernommen und ging 2001 pleite. Sieben Jahre später erwarb der Potsdamer Architekt Thorsten Schmitz den Komplex aus der Insolvenzmasse. Schmitz saniert Altbauten und sucht seitdem nach einem Investor für die Beelitzer Heilstätten. Vergeblich. Wegen der Finanzkrise seien Investoren abgesprungen, sagt er.

Thorsten Schmitz hat sein Büro in der Potsdamer Altstadt. Er hält einen Papierstapel in der Hand und knallt ihn auf den Tisch. „Das sind allein die Anzeigen vom letzten Jahr!“ Es sind Anzeigen von ihm gegen Besucher, die sich illegal auf dem Gelände aufhielten und vom Wachschutz erwischt wurden. Schmitz sagt, die Leute würden die Innenräume verwüsten, die Wände mit Graffiti beschmieren und alles stehlen, was sich zu Geld machen lasse – Metallrohre, Dachrinnen, Dachverkleidung. Er könnte einen Zaun um das ganze Gelände bauen, aber das ist ihm zu teuer. Schon so habe er viel zu hohe Kosten. Schmitz sagt, er fühle sich alleingelassen von der Politik. „Vom Land und von der Stadt kommen keine Vorschläge und Ideen.“

Auch die Stadtverwaltung weiß nicht weiter. „Wir haben nicht die personellen Kräfte, um nach Investoren zu suchen“, sagt Gerd Ohligschläger vom Bauamt. Und der Eigentümer sei nun mal für die Sicherung des Geländes zuständig.

Weil Investoren ausblieben, hatte Schmitz angekündigt, auf dem Heilstättengelände einen „Baumwipfelpfad“ für Touristen anzulegen. Auf 600 Metern Länge soll ein 20 Meter hoher Steg über das Gelände führen. So könnten Besucher die Ruinen und den verwilderten Park von oben betrachten. Aber sein Antrag auf Fördergeld wurde vom Brandenburgischen Wirtschaftsministerium abgelehnt.