Berlin -  Ein kleiner Apfelbaum wächst jetzt im Hof des Hauses in der Kreuzberger Nostitzstraße. Er ist der ganze Stolz von Stefan Elfenbein. Der 57-Jährige steht am Rande des Beetes, in dem sich der Apfelbaum aus dem Schatten der Seitenflügel dem Tageslicht entgegenstreckt; ein Beet, in dem auch Tulpen blühen, Waldmeister wuchert und Bohnenkraut seinen Duft verströmt. Vor eineinhalb Jahren war diese tischtennisplattengroße Fläche noch zubetoniert. Elfenbein hat den Beton entfernt, viele Eimer Erde und die Pflanzen herbeigeschafft.

Neben dem Hobbygärtner steht eine junge Frau, die erst in ihr Notizbuch blickt und dann fragt: „Und wo ist das Ochsenauge? Auf meiner Liste steht, dass zwei Pflanzen angeschafft wurden.“ Die junge Frau ist Theresa Burre, die 27-Jährige studiert Landschaftsarchitektur, arbeitet nebenher als sogenannte Grünberaterin für den Stadtteilausschuss Kreuzberg und unterstützt so den Bezirk. Sie hat Elfenbein Tipps gegeben, wie er dem Hinterhof zu neuem Leben verhelfen kann, welche Pflanzen auf dem stark verdichteten Boden überleben können, welche Stauden sich an den alten Mauern wohlfühlen und Insekten Nahrung bieten.

Bis zu 1500 Euro vom Bezirk

Seit 1997 unterstützt der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg Hausgemeinschaften, die ihre Hinterhöfe begrünen und ökologischer gestalten. „Maßnahmen wie die Entsiegelung von betonierten Flächen, Austausch des Oberbodens und Neupflanzungen werden mit maximal 1500 Euro pro Hof gefördert“, heißt es in der Mitteilung des Bezirks. Antragsberechtigt sind Mieter, die Lust haben, selbst zu Spaten, Harke und Gießkanne zu greifen. Voraussetzung ist, dass der Hauseigentümer einverstanden ist und zusichert, die Umgestaltung zehn Jahre lang zu respektieren und keine Flächen in dem Hof zu versiegeln. Schätzungsweise 60 Hinterhöfe wurden seit 1997 auf diese Weise umgestaltet und renaturiert, so das Bezirksamt.

Pflanzen von Baustellen gerettet

Das Zusammentreffen von Elfenbein und Burre an diesem Mittag ist kein Zufall, sondern die Endabnahme des Projekts: Eineinhalb Jahre hat der freiberufliche Journalist in dem Hof des Hauses, in dem er seit 1991 lebt, gearbeitet.

Los ging es im Frühjahr vergangenen Jahres, damals war die Renovierung des Gründerzeitaltbaus gerade abgeschlossen. Eigentlich wollte der Hauseigentümer auch den Hof professionell umgestalten lassen, erzählt Elfenbein. „Ein Gartenarchitekt hätte sicher die alten Mauern verputzt und Koniferen gepflanzt.“  Elfenbein intervenierte erfolgreich und der Hauseigentümer überließ den Hof seinem langjährigen Mieter.

„Als ich anfing, war der Hof eine Müllhalde, eine Wüste“, erzählt Elfenbein. Er begann, die Trümmer des eingestürzten Pferdestalls beiseite zu räumen. Dort entdeckte er einen Feigenbaum-Sprössling, der sich durch den Schutt gekämpft hatte. „Da wusste ich, aus diesem Hof kann man was machen.“ Die alten Backsteine dienen heute als Einfassung der Beete, die Elfenbein mit heimischen, mitunter auch auf Baustellen in der Nachbarschaft geretteten Pflanzen bestückt hat.

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Mit den Steinen des eingestürzten Stalls hat Stefan Elfenbein Beete eingefasst, in der Farne und andere Pflanzen gedeihen. 

Anders als bei den allermeisten Projekten dieser Art war es in diesem Fall keine Hausgemeinschaft, die gemeinsam zu Werke ging. Aber das war für Elfenbein kein Problem: Als wegen der Pandemie das soziale Leben heruntergefahren wurde, war die Gartenarbeit für ihn ein guter Ausgleich. Das ging offenbar nicht nur ihm so: „Während der Corona-Lockdowns hatte ich unglaublich viele Anfragen“, berichtet die Gartenfachfrau, die seit drei Jahren für den Stadtteilausschuss arbeitet.

Grünberatung für Mieter

  • Für Kreuzberger: Die Grünberaterin Theresa Burre ist immer dienstags von 18 bis 19.30 Uhr im Büro des Stadtteilausschusses in der Bergmannstraße 14 erreichbar – sowie telefonisch unter 030/61282702.
  • Für Friedrichshainer: Donnerstags ist sie in Friedrichshain anzutreffen – im Büro des Selbsthilfetreffpunkts Boxhagener Straße 89 und telefonisch unter 030/2918348.

Inzwischen haben die anderen Bewohner des Hauses in der Nostitzstraße ihren neu gestalteten Hinterhof schätzen gelernt. „Wir haben Stefan beinahe jeden Tag bei der Gartenarbeit gesehen. Der Hof ist total schön geworden und für uns alle sehr wertvoll“, sagt Antonia Köster. Sie ist Pianistin im Notos Quartett, das im Seitenflügel probt und arbeitet. Inzwischen würden viele Bewohner des Hauses den neuen Garten nutzen, um dort zu essen, zu lesen und sich mit Freunden zu treffen, erzählt sie. Und manchmal gibt es auch Musik des Quartetts dazu, wenn die vier bei offenem Fenster für die nächste CD proben.

Falken, Fledermäuse, Insekten und Ameisen

Auch Theresa Burre ist ganz angetan von dem Hinterhof, in dem es überall grünt und blüht und in dem an mehreren Stellen Tische und Stühle stehen. Und nicht nur die Menschen fühlen sich hier wohl, sondern auch Tiere. „Mit den Insekten und Ameisen kamen auch die Vögel zurück“, sagt Elfenbein und weist auf die beiden Vogelhäuser hin, die an den Bäumen hängen. Und auf die Fledermauskästen, die ganz oben an der Fassade angebracht sind. Er zeigt auch durch das Grün der alten Bäume hinauf zum Dach des Nachbarhauses: „Dort lebt eine Turmfalkenfamilie.“

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Die Fläche zwischen den beiden Seitenflügel war früher zum Teil zubetoniert und auch mit Schutt und Müll bedeckt. 

Bei ihrem Rundgang durch den Hof hat Theresa Burre auf der Pflanzliste in ihrem Notizbuch schon viele Positionen abgehakt. 600 Euro hat Elfenbein vom Bezirk erhalten, er hat davon Pflanzen, Sträucher und Stauden sowie Erde, Kompost und Rankhilfen gekauft.

Der Topf, aus dem das Geld für die Hofbegrünung kommt, wird dem Bezirksamt zufolge gespeist von Bußgeldern, die Umweltsünder zahlen mussten, und durch Ausgleichszahlungen von Bauherren, die Bäume fällten oder Wiesen planierten. So hat auch das noch eine gute Seite.