Durch die Nacht mit dem Taxi. 
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BerlinMeistens fahre ich nachts Taxi. Fast immer läuft Popmusik und wenn nicht gerade so ein wimmernder Gangster-Rapper singt, einer von denen, die immer klingen, als sei ihre Nase zugeklemmt, freue ich mich. Nirgends lässt es sich schöner in Liedern von früher schwelgen als im Taxi. Und es sind immer Lieder von früher. Man steigt in ein Taxi, hat die Zieladresse geklärt, der Fahrer drückt am Radio rum und wusch, fährt man in die 90er. Vor dem Fenster irrlichtert die Stadt und drinnen im Taxi tanzen die Gedanken an Klammerblues auf Kellerpartys, Telefonieren im Flur an einer geringelten Schnur und stundenlangen Treffen mit besten Freundinnen, bei denen es um nichts ging außer ums Treffen. Die Stadt zieht sich zurück auf diesen Fahrten, überlässt wohlerzogen der Vergangenheit das Feld, anderen Städten, anderen Zeiten.

Vor ein paar Tagen muss ich vormittags Taxi fahren. Wegen einer Demo am Alex rät die BVG auf den Anzeigetafeln, S- und U-Bahn zu nutzen. Guter Witz, wenn man in Weißensee wohnt. Der Taxifahrer trägt ein Hemd, das mit lauter sonnenbebrillten Karl-Marx-Köpfen bedruckt ist. Er hat Schultern wie ein Türsteher und das lange, von grauen Strähnen durchzogene Haar zum Dutt geknüddelt. Sein Bart reicht bis zur Brust und verdeckt auch einen Großteil des Gesichts. Den Rest verbirgt er hinter einer riesigen dunklen Sonnenbrille, nachdem ich ihm gesagt habe, wohin wir fahren. Dann schaltet er das Radio an.

Nachdem der Moderator uns informiert hat, dass Beethoven sehr oft umgezogen sei, ertönt dessen 8. Sinfonie. Und die Stadt denkt nicht daran, sich zurückzuziehen. Im Gegenteil. Sie richtet sich auf zum Klang des Orchesters, plustert sich regelrecht auf. Selbst die Betonsünden an der Mollstraße wirkten feierlich, wie rausgeputzt. Ganz zu schweigen von den Altbauten links und rechts der Greifswalder. Würden sich plötzlich Kutschen unter die Autos mischen, würde mich das kein bisschen wundern.

Weil Klassikradio nur Ausschnitte sendet, ist bald Schluss mit Beethoven. Es folgt ein hauchzartes Klavierstück von Satie, wie Tropfen fallen die Töne aus dem Radio, und der Taxifahrer, während des Beethoven-Getöses völlig reglos, spielt auf dem Lenkrad mit. Draußen scheint alles innezuhalten. Die Passanten bewegen sich in Zeitlupe. Die Ampel schaltet auf Rot. Sogar die Tauben unterbrechen ihr Picken und Flattern. Eine Wolke schiebt sich vor die Sonne und in dem jetzt diesigen Licht schweben die Töne herum wie Pappelsamen. Ich wünsche mir, die Fahrt möge nie enden.

Doch wir nähern uns, trotz roter Ampeln und Stillstand vor den Fenstern, dem Ziel. Als letztes hören wir ein schmelzendes Cello-Solo, von wem, bekomme ich nicht mit, so weggebeamt bin ich noch vom Klavierzauber. Melancholie tropft von den Weißenseer Fassaden, süße Sehnsucht wabert durch die Straßen. In einem Film würde jetzt die Dämmerung einsetzen oder ein leichter Sommerregen. In der Realität bezahle ich, ganz benommen, und wünsche dem Mann hinter dem Bart einen schönen Tag. Mir hat er ihn bereits bereitet.