Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht den israelischen Präsident Reuven Rivlin in Jerusalem. 
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Berlin Der polnische Präsident kommt nicht. Der ukrainische nun doch. Litauen hat in letzter Minute abgesagt. Putin will ein russisches Denkmal einweihen, Prinz Charles bei Palästinenserpräsident Abbas vorbeischauen. Der Jerusalemer Bürgermeister lädt zur Cocktailparty ein. Macron weigert sich, englisch zu sprechen. Steinmeier muss englisch sprechen. Was Netanjahu vorhat, weiß kein Mensch. 

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Ob das Veranstaltungszelt warm wird, ist eine gute Frage. Überhaupt, ob das Wetter mitspielt. Vielleicht stürmt es. Vielleicht machen die Palästinenser den Gastgebern einen Strich durch die Rechnung. In diesen Tagen jährt sich der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, es gibt viele Gedenkveranstaltungen, die größte findet in Israel statt: 48 Delegationen sind angereist. Präsidenten, Staatschefs, Könige. Seit Tagen befindet sich das Land im Ausnahmezustand.

Werden Listen verschickt, wer wann kommt. Wird spekuliert, warum Wladimir Putin erst am Donnerstag anreist und nicht, wie geplant, am Mittwoch. Gibt es Diskussionen, ob die Einweihung des Denkmals für die Leningrader Blockade in Jerusalem wirklich sein muss, gerade jetzt, und ob nicht viel zu wenige Überlebende eingeladen wurden und viel zu viele Politiker. Das Ganze erinnert ein wenig an ein Familienfest, zu dem Menschen zusammenkommen, die sich nicht besonders leiden können und sich nicht so gerne an Regeln halten.

Wer legt die Regeln fest?

Wobei die Frage ist: Was sind überhaupt die Regeln? Wer legt sie fest? Für wen gelten sie? Gibt es das überhaupt, das beste Gedenken, den passenden Ort, die perfekten Worte, die richtige Erinnerung? Gedenkfeiern, die mit dem Holocaust zu tun haben, sind eine komplizierte Sache. Das begreift man spätestens, wenn man einen Blick in die deutsche Gedenkgeschichte wirft: Im September 1945, nur wenige Monate nach Ende des Krieges, wird in Ost-Berlin der Opfer des Faschismus mit einer Kundgebung gedacht.

Ein Jahr später steht die gleiche Kundgebung bereits unter dem Motto: „Nicht alle Deutschen waren Faschisten“. In Auschwitz wird 1947 die erste Ausstellung über die Nazi-Verbrechen eröffnet, aber erst seit 1992 beteiligen sich die Deutschen an den Kosten. 1970 fällt Willy Brandt vor dem Denkmal des Warschauer Gettos auf die Knie und gilt damit vielen als Vaterlandsverräter.

In den 80er-Jahren lernen ostdeutsche Schulkinder im ehemaligen KZ Buchenwald, wie Kommunisten sich gegen die Nazis gewehrt haben, und im ehemaligen KZ Bergen-Belsen, tief im Westen, schließt ein Hausmeister morgens für die Besucher einen kleinen Ausstellungsraum auf – und abends wieder ab. 1996 ruft Bundespräsident Roman Herzog den Tag der Auschwitz-Befreiung zum bundesweiten Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus aus.

Jedes Land hat seinen eigenen Blick auf die Geschichte

1998 verwahrt sich der Schriftsteller Martin Walser gegen die „Dauerpräsentation unserer Schande“. 2011 hält erstmals ein deutscher Bundespräsident in Auschwitz eine Rede, Christian Wulff. Das war bis dahin den Opfer-Nationen wie Polen vorbehalten. Und jetzt, 2020, redet der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, aber Andrzej Duda, der Pole, darf nicht reden. Zumindest nicht hier, in Yad Vashem, weswegen er gar nicht erst kommt. Die Beispiele zeigen, wie unberechenbar und manipulierbar Gedenken sein kann.

Es gibt keine Formel dafür, es wird darum gekämpft, auch jetzt noch, mehr als sieben Jahrzehnte nach Auschwitz. Das hat mit der unfassbaren Dimension dieses Menschheitsverbrechens zu tun, aber auch damit, dass Erinnern oft subjektiv ist, trotz aller historischen Forschungen. Es gibt die Täter und die Opfer, aber es gibt viel dazwischen. Jedes Land, jede Nation hat seinen eigenen Blick auf die Geschichte.

Und in diesen Zeiten, in denen nationales Bewusstsein die Welt spaltet, scheint dieser Blick ausgeprägter denn je. Dass sich unter diesen Bedingungen fast 50 Staatsführer in Yad Vashem zusammenfinden, um der Opfer des Holocausts zu gedenken, ist ein Verdienst der Organisatoren. Auch wenn es ein bisschen chaotisch werden sollte. Chaos ist tausendmal besser als bürokratische Perfektion. Auch das ist eine Lehre aus der deutschen Geschichte.