Begabtenförderung hat die Berliner Bildungsverwaltung viele Jahre lang nicht in besonderem Maße beachtet. Gut, es gibt die Schnelllernerklassen und Spezialschulen für besonders begabte Kinder. Auch die drei Eliteschulen des Sports fördern vornehmlich die Allerbesten. Doch nun will Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) ein umfassendes Konzept zur Begabungsförderung entwickeln lassen.

„Wir wollen alle Begabungen und Talente gleichermaßen in den Blick nehmen: musische, sportliche, kreative und handwerkliche Fähigkeiten ebenso wie mathematische, naturwissenschaftliche oder sprachliche Kompetenzen“, sagte Scheeres. Mit anderen Worten: Überall kann es Talente geben. „Es gibt ja auch Begabte mit Nachteilsausgleich, weil sie eine Lese- und Rechtschreibschwäche haben“, erläutert Renate Krollpfeiffer-Kuhring, Leiterin des Kreuzberger Lessing-Gymnasiums.

Scheeres hat nun ein 15-köpfiges Gremium eingesetzt, das das Konzept für eine breite Begabtenförderung entwickeln soll. Leiten wird diese Gruppe aus Wissenschaftlern, Schulleitern und Vertretern der Schulverwaltung der Hamburger Erziehungswissenschaftler Thomas Trautmann. „Zum Jahresende 2017 wollen wir das Konzept erarbeitet haben“, sagte Trautmann am Montag und lobte sogleich, dass Berlin das Thema Begabtenförderung im Koalitionsvertrag festgeschrieben habe. „Das machen wirklich nicht alle Bundesländer so.“ Schriftlich vorliegen dürfte das Konzept dann im Frühjahr 2018. Das Gremium wolle sich nun verschiedene Schulen anschauen. „Gute Beispiele wollen wir dann referenzfähig machen“, sagte Trautmann. „Und zwar nach dem Motto, nach dem auch kleine Kinder vorgehen: suchen, sammeln, sortieren und zuordnen.“

Das gelte für alle Schultypen und insbesondere für Schulen, die sich der Inklusion und dem Ganztagsbetrieb verschrieben haben. Scheeres betonte, dass bei ihrem Konzept zur Begabungsförderung das gemeinsame Lernen für alle Kinder und Jugendlichen im Vordergrund stehen soll. Man müsse zum Beispiel auffangen, dass Eltern aus sozial schwierigen Stadtteilen ihre Kinder eher nicht zum Musikschulunterricht fahren können, weil sie mehrere Jobs haben.

Insgesamt beschreitet Berlin bildungspolitisch wieder mal einen eigenen Weg mit seiner Begabungsförderung. Die Kultusministerkonferenz konzentriert sich mit ihrem Programm zur Förderung leistungsstarker und leistungsfähiger Schülerinnen und Schüler erneut auf die Eliteförderung. Mit dem speziellen, auf zehn Jahre angelegten Programm sollen bundesweit 300 Schulen besonders gefördert werden, die Begabten sollen in eigenen Lerngruppen ihre Neigungen besonders entfalten können. In Berlin können 15 Schulen an diesem Programm teilnehmen. Bewerbungen nimmt die Bildungsverwaltung ab sofort entgegen.

Kooperation und Lernateliers

Scheeres Konzept sieht nun vor, dass die Schulen auch verstärkt mit außerschulischen Partnern kooperieren. Deshalb unterzeichnete die Schulleiterin des Leibniz-Gymnasiums nun auch eine Kooperation mit der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Insbesondere in Mathematik und Informatik will man die Schüler auf diese Weise noch besser fördern.

Das Leibniz-Gymnasium arbeitet zudem mit Lernateliers, in denen sich die Schüler selbst über den Lernweg einigen müssen. Es gibt ein musisch-künstlerisches und ein handwerkliches Atelier.

Für ihr Begabungsförderung-Konzept will Scheeres weitere Mittel bei künftigen Haushaltsverhandlungen erlangen. „Schulsanierung und -neubau haben bei uns derzeit oberste Priorität“, sagte sie. Aber die Qualitätsoffensive an Schulen sei der zweitwichtigste Punkt.