Die Schulen stehen derzeit vor der schwierigen Aufgabe, Kinder und Jugendliche aus Flüchtlingsfamilien zu integrieren. Deutsch sollen sie lernen und eine Berufsperspektive erhalten. Über 500 Willkommensklassen gibt es derzeit in Berlin, fast 6000 Flüchtlingskinder und andere Schüler ohne Deutschkenntnisse werden dort unterrichtet. Maximal 12 Schüler sollen es pro Klasse sein. Wer einigermaßen Deutsch kann, darf in eine reguläre Klasse wechseln und macht bestenfalls einen Schulabschluss.

Silke Donath, stellvertretende Schulleiterin der Johanna-Eck-Sekundarschule in Tempelhof, mag den Begriff „Willkommensklassen“ gar nicht. „Was soll das heißen?“, fragt sie. „Uns sind alle Schüler willkommen, egal woher.“ Sie spricht lieber von Lerngruppen. Drei solcher Lerngruppen hat die Johanna-Eck-Sekundarschule in Tempelhof. Auf drei unterschiedlichen Deutschniveaus – von A1 über A2 bis B1 (am höchsten). Die Schüler, die meisten Asylbewerber sind, lernen zunächst anhand einfacher Alltagsgegenstände die ersten Worte auf Deutsch. Bald geht es um grammatikalische Strukturen. Wer richtig gut ist, schafft den Sprachtest des Deutschen Zentrums für Auslandsschulwesen. Dann erfolgt der Wechsel in die Regelklasse. Weil dieser Test aber so schwer ist, hat die Schule für jene Schüler, die neu hinzukommen, noch einen eigenen Test entwickelt. Richtig schwierig bleibt es aber für die Jugendlichen, einen Schulabschluss zu schaffen: wenigstens die Berufsbildungsreife, den früheren Hauptschulabschluss., besser noch den Mittleren Schulabschluss, mit dem man gar das Abitur angehen könnte.

Kein Deutsch in den Herbstferien

An der Johann-Eck-Schule, die zuletzt für den Deutschen Schulpreis nominiert war, begleiten wir in diesem Schuljahr fünf Schüler, die aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern hierher gekommen sind. Wir wollen wissen, wie sie zurechtkommen.

Einige der Schüler sind durch Krieg und Flucht sehr verstört. Manche von ihnen sind noch in den Willkommensklassen, andere lernen bereits in Regelklassen, die speziell für diese Schüler neu eingerichtet wurden. Dort findet normaler Fachunterricht auf Deutsch statt und zusätzliche Sprachförderung. „Da müssen sich die Schüler richtig reinknien“, sagt Silke Donath, die eine der Lerngruppe leitet. Am Wochenende beginnen die Herbstferien. Die Vize-Schulleiterin fürchtet, dass viele Schüler aus Flüchtlingsfamilien in diesen zwei Wochen kaum Deutsch sprechen werden. Deshalb hat sie ihnen Tipps gegeben, welche Jugendeinrichtungen ein Ferienprogramm anbieten.

Jamil (16): Der Lehrer war wie ein Prophet

Jamil kommt aus dem kurdischen Teil Syriens. Seit fast zwei Jahren ist er in Deutschland, die ersten Monate nach seiner Ankunft verbrachte er in einem Wohnheim in Sachsen. „Das war nicht so schön“, erinnert er sich. Jetzt besucht er die 9. Klasse der Johanna-Eck-Sekundarschule, eine Regelklasse. Er ist ein recht guter Schüler. Aber das Deutschlernen in den Willkommensklassen war hart. „Die Artikel, der Wortschatz und die Grammatik sind schwierig“, sagt er. „Aber wenn man es wirklich will, kann man es schaffen. Ich kannte das lateinische Alphabet schon gut, weil ich Kurdisch spreche. Und auch vom Englischunterricht in Syrien.“ Er spricht aber auch Arabisch und Türkisch, das er in einem Jahr in der Türkei gelernt hat. „Da sind wir ja zuerst hingeflohen.“ Der Vater ging allein nach Deutschland, nach einem Jahr konnte die Familie nachkommen.

Jugendlichen, die neu nach Deutschland kommen, rät Jamil, auf die Mitschüler zuzugehen. „Wenn Du immer jemanden fragen kannst, traust Dich mehr und sprichst schneller Deutsch. Zu Anfang hast Du Angst, dass jemand Dich auslacht“, sagt er. „In Sachsen war ich zunächst allein, die Lehrer haben sich nicht so für uns interessiert wie hier.“ Hier an der Schule sei es anders, da wollen die Lehrer, dass sich die neuen Schüler wohlfühlen. Eine gewisse Hochachtung vor Lehrern hat er von zu Hause aus Aleppo mitgebracht. „Bei uns gibt es den Spruch: Der Lehrer ist fast wie ein Prophet, er bringt uns viel bei und weist uns den Weg.“

In Berlin kam er in die Willkommensklasse B1. Im März machte er dann die Deutschprüfung, „Das war der Sprachtest DSD 1 fürs Inland“, ergänzt seine Lehrerin. Hörverständnis, Lesen und Schreiben wurden getestet. Eine Präsentation bewertet. Zu diesem ambitionierten Test schickten die Lehrer nur Schüler hin, von denen sie denken, das sie es schaffen. Ganze neun Schüler hatte die Schule angemeldet. Einer schaffte es nicht, einer erscheint gar nicht. „Meine Lehrerin hat extra Übungsaufgaben vorbereitet“, sagt Jamil, der wie sein Vater Rechtsanwalt werden will.

Wenn die Schule aus ist, rappt er gemeinsam mit Jamal und zwei anderen Kumpels. Jamal aus Afghanistan rappt auf Persisch, Jamil hat zunächst auf Kurdisch geschrieben, jetzt auch auf Deutsch. „Es geht um meine Heimat Kurdistan, aber auch um Romantik und traurige Liebe.“ Drei Jahre lang habe er wegen des Krieges seinen Geburtstag nicht gefeiert. Dann hatten Freunde ihm eine Geburtstagsüberraschung gemacht. „Daraus habe ich ein Dankeschön-Lied gemacht. „Bei unserem neuen Lied geht es um Frieden.“ Dann rappt er mit tiefer Stimme auf Deutsch: //Frieden ist so wichtig genau wie das Wasser für die Erde // Auf dem Weg nach Deutschland, entweder ich lebe oder ich sterbe// Ich hab nur zwei Wege vor mir und ich versuche mich zu wärmen und zu schützen vor der Kälte // Denn ich friere //“.

In den Herbstferien wollen sie das Lied als Video aufnehmen, auf ihrem Youtube-Kanal hochladen. Sie nennen sich Beat Bros 04.

Jamal (18): Übersetzen für die Mutter

Jamal lebt seit drei Jahren in Deutschland, er stammt aus Herat in Afghanistan. Seine Muttersprache ist Persisch. Aufgewachsen ist er im Iran. Er lebt mit seiner Mutter, die kein Deutsch spricht, in einer kleinen Wohnung in Lankwitz und besucht nun gemeinsam mit seinem Kumpel Jamil die 9. Klasse, auch wenn er schon 18 ist. „Die deutsche Sprache fällt mir schwer. Ich habe Probleme mit Artikeln und vor allem mit den Zeiten“, sagt er. Dennoch durfte er nach einiger Zeit in der Willkommensklasse nach einer schulinternen Prüfung in die reguläre Klasse wechseln, wo nun mehr Fachunterricht stattfindet. Gewundert hat er sich anfangs über den wenig autoritären Erziehungsstil seiner deutschen Lehrer. „Im Iran schreien die Lehrer einen an und manchmal schlagen sie zu. Hier sind die Lehrer sehr nett. Bei der Prüfung hat die Lehrerin mich bis zum letztem Atem gefordert, auch Druck gemacht hat sie. Das fand ich gut.“

Das Schreiben war das Allerschwerste. Selbst die Textaufgaben in Mathe waren schwer zu verstehen. Wenn er in seiner Freizeit nicht mit Jamil rappt, geht er gerne ins Fitness-Studio nach Lichterfelde. Seine Oberarme sind sehr kräftig. „In der Schule ist es mein Ziel, weiter Deutsch zu lernen und Termine einzuhalten. Es ist schwer für mich. Ich bin schon 18.“ Nicht selten hat er gefehlt. Da seine Mutter kein Deutsch kann, muss er für sie nebenbei noch viele Dinge regeln, bei Behörden für sie übersetzen. „Meine Mutter sagt leider nur Hallo, Tschüss und Danke auf Deutsch.“ Er will sich auf die Berufsbildungsreife-Prüfung im März vorbereiten. Da werde sehr schwer, denkt er. Am liebsten würde Jamal danach eine Fotografenausbildung machen. Um den Hals trägt er ein silberne Kette, an der ein winzig kleiner Fotoapparat baumelt.

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