Wasserhahn aufdrehen – und es kommt nichts raus? In Deutschland kennen die meisten Menschen das bisher nur von Rohrbrüchen oder Reparaturarbeiten. Doch im zweiten trockenen Sommer und nach Hitzerekorden wie zuletzt im Juni stehen Regionen wie die Lausitz vor einem Problem: Wenn es weiter so wenig regnet, könnten Wasservorräte knapp werden. Für Deutschland ist das völlig neu.

„Bisher war Wasserstress bei uns kein relevantes Thema“, sagt Jörg Rechenberg, Wasserexperte beim Umweltbundesamt (UBA). „Die auffallend lang anhaltende Trockenheit im Sommer 2018 macht aber nicht nur Wissenschaftlern und Behörden, sondern auch einer breiten Bevölkerung bewusst: Wasserknappheit ist ein Problem oder kann zumindest eines werden.“ Verteilungsstreitigkeiten, zum Beispiel zwischen Wasserversorgern und Landwirtschaft, sind absehbar.

Flüsse fallen trocken

Elbe und Oder führen schon vor Beginn des Hochsommers so wenig Wasser, dass Sandbänke und Felsen freiliegen. In Magdeburg konnten Anfang Juli keine Schiffe mehr festmachen, in Dresden war Güterverkehr auf dem Wasser nicht mehr möglich. In der Lausitz fassen die Speicher normalerweise 88 Millionen Kubikmeter Wasserreserven. Nun sind noch 58 Millionen drin.

In den Landkreisen Oberspreewald-Lausitz, Spree-Neiße, Cottbus, Dahme-Spreewald und Elbe-Elster darf zwischen 6 Uhr und 21 Uhr aus Flüssen und Seen kein Wasser mehr gepumpt werden. Das gelte auch für den Barnim, sagte der Leiter der Abteilung Wasser und Boden, Kurt Augustin, am Montag.

Zwar sei die Trinkwasser-Versorgung in Brandenburg weiterhin nicht gefährdet. Allerdings rief das Ministerium dazu auf, sparsamer mit Wasser umzugehen. „Es muss in einer solchen Situation gefragt werden, ob es wirklich notwendig ist, einen Golfplatz oder Sportplatz zu berieseln.“ Auch Privatleute sollten prüfen, ob der Rasen gesprengt werden und das Auto jede Woche gewaschen werden müsse. Augustin sprach von einer angespannten Situation, die sich in den letzten Tagen verschärft habe. „In einigen Fließgewässern befinden wir uns in einer extremen Niedrigwasserphase.“

Von flächendeckendem Wasserstress in Deutschland will das Umweltbundesamt noch nicht sprechen. Die Bundesrepublik habe eine Süßwasserressource von 188 Milliarden Kubikmetern, sagt Experte Rechenberg. Damit sei sie, verglichen mit Südeuropa, reich an Grund- und Oberflächenwasser. Deutschland entnehme diesem Vorrat bisher nur rund 13 Prozent pro Jahr. Von Knappheit wäre erst bei mehr als 20 Prozent Entnahme die Rede. Regional kann das aber anders aussehen. So machen sich die Wasserversorger mancherorts Sorgen um Trinkwasser-Reserven. Rasensprenger verbrauchten bis zu 800 Liter Wasser in der Stunde, sagt Karsten Specht, Vizepräsident des Verbands Kommunaler Unternehmen. Das ist rund siebenmal so viel wie jeder Bundesbürger pro Tag für sich selbst aus dem Wasserhahn zapft.

Das spanische Beispiel

Jörg Rechenberg denkt über Sparszenarien nach. Duschen sei besser als ein Vollbad. Die meisten Leute hätten Spararmaturen, zum Beispiel bei der Toilettenspülung. Viele Bundesbürger gingen bereits sensibel mit Wasser um. Doch etwa in Gärten lasse sich noch Wasser sparen – durch Gießzeiten am frühen Morgen oder späten Abend zum Beispiel. Dann verdunste nicht so viel.

Mit Trinkwasserknappheit rechnet in Deutschland noch kaum jemand. Doch bei langer Dürre müsste die Landwirtschaft umdenken. „Die Wiederaufbereitung von Brauchwasser für die Landwirtschaft könnte zu überlegen sein“, sagt UBA-Experte Rechenberg. In Spanien, einem der trockensten Länder Europas, arbeiten mehr als 3.000 Aufbereitungsanlagen, die 2017 knapp ein Fünftel aller Abwässer recycelten. Spanien hat zudem mehr als 900 Meerwasserentsalzungsanlagen. Oft reicht aber selbst das nicht.

Regulieren lässt sich der Wasserverbrauch auch über den Preis. In Ostdeutschland zeigte sich nach der Wende ein deutlicher Effekt. Zu DDR-Zeiten kostete Wasser praktisch nichts. Als Gebühren dafür anfielen, sank der Verbrauch rapide. Bis heute liegt er pro Kopf unter dem Niveau von Westdeutschland. (dpa)