Ein nicht dekoriertes Schaufenster bei Karstadt 
Foto: dpa/Ralf Hirschberger

BerlinAuch drei Tage nach der frohen Kunde – nach der Überraschung, an die kaum noch jemand geglaubt hatte – ist Christine Neumann noch ganz benommen vor Freude. Der Kaufhauskonzern Galeria Karstadt Kaufhof hatte angekündigt, elf Filialen in Berlin zu schließen. Nun, nach wochenlangen Verhandlungen, scheinen doch neun Filialen gerettet.

Darunter auch die in der Wilmersdorfer Straße, in der Christine Neumann arbeitet. „Das ist alles wie eine übermächtige Welle“, sagt die 51-jährige Verkäuferin. „Erst waren wir völlig am Boden zerstört, weil wir geopfert werden sollten. Nun werden wir wohl doch gerettet.“ Sie lacht, und doch klingt es angestrengt. „Es ist einfach zu viel auf einmal. Zu viele Themen gleichzeitig, zu viel Aufregung, zu viel Kampf, zu viele Gefühle.“ Einige hatten sogar schon ihre Kündigungen erhalten. „Nun sind wir heilfroh, dass wir nicht arbeitslos werden.“ Sie sagt, dass sie mit über 50 ganz sicher keine Festanstellung – und dann auch noch Vollzeit –  bekommen hätte.

In der Zeit nach dem fast vollständigen Lockdown galt der Karstadt-Konzern als ein erstes Opfer der Pandemie. Denn als die Leute nicht mehr vor die Tür sollten und Amazon im Internet immer neue Verkaufsrekorde brach, stand das Ende für viele Läden in den Städten an.

Grafik: BLZ/Galanty; Quelle: BA, dpa

Damit hat die Pandemie massive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenzahlen sind kräftig gestiegen – und Berlin ist besonders hart betroffen: Denn dort stieg die Quote zuletzt um 2,9 Prozent – der bundesweit stärkste Anstieg. Aktuell liegt die Arbeitslosenquote bei 10,8 Prozent. Den niedrigsten Wert mit 3,9 Prozent hat Bayern.

Im Juli gab es 215.305 Arbeitslose in Berlin, so viele wie zuletzt im April 2013. Entscheidend aber ist der Vergleich zum Juli des vergangenen Jahres: Derzeit sind es 58.807 Arbeitslose mehr, das ist ein Zuwachs von 37,6 Prozent. „Einen solchen Anstieg der Arbeitslosenzahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gab es in Berlin seit 1991 in noch keinem Vergleichsmonat“, sagte Matthias Loke von der Arbeitsagentur Berlin-Brandenburg.

Der Corona-Effekt traf das Gastro-Gewerbe besonders heftig, wo teilweise mehr als 93 Prozent der Beschäftigen in Kurzarbeit waren, im Handel waren es auch 40 Prozent.

Genau diese Kurzarbeit wird als das wichtigste Instrument angesehen, mit dem verhindert wurde, dass die Arbeitslosenzahlen noch mehr in die Höhe schnellen.

Die Wirkungen der Pandemie sind historisch kaum vergleichbar. Ein Beispiel: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise waren in Deutschland im April 2009 etwa 1,4 Millionen Bundesbürger in Kurzarbeit. Im Mai diesen Jahres waren es 6,7 Millionen von 45 Millionen Erwerbstätigen. In Berlin war jeder siebte in Kurzarbeit.

Die „Kurzarbeiterfürsorge“ wurde 1910 in Deutschland für einen Teil der Beschäftigten im Kalibergbau eingeführt und erlebte in der Finanzkrise 2009 ein großes Revival.

„Nach unserer Einschätzung hat die Kurzarbeit schlimmeres verhindert und sich erneut als probates Mittel in der Krise erwiesen – wie bei der Finanzkrise“, sagte Loke. „Die Unternehmen nutzen die Kurzarbeit, um die Mitarbeiter im Betrieb zu halten. Sie werden also nicht arbeitslos.“

Die Arbeitsagentur geht davon aus, dass der Arbeitsmarkt weiterhin coronabedingt unter Druck stehen wird. „Der Beschäftigungszuwachs, den Berlin seit einigen Jahren wegen seines vergleichsweise hohen und über dem Bundesschnitt liegenden Wirtschaftswachstums erlebt hat, ist derzeit zum Stillstand gekommen“, sagte Loke.

Bei aller Sorge steht Deutschland noch gut da: In den USA hat sich die Zahl der Arbeitslosen von Februar bis Juli fast verdreifacht. Und obwohl niemand weiß, ob einen zweite Welle kommt und wie stark sie wird, wird auch für Deutschland von einer tiefen Rezession ausgegangen. Schon jetzt zeichnen sich längerfristige Probleme ab. Beispielsweise gibt es in Berlin zwar noch offene Lehrstellen, aber viele Betriebe setzen dieses Jahr mit der Ausbildung aus. Es häufen sich auch die Fälle, in denen Ausbildungsverträge einfach um ein halbes Jahr verschoben werden. Alarmierend ist auch der kräftige Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit.

Die Folgen der Krise treffen jene am härtesten, die sowieso weniger haben. Normalerweise gelten Handel und Gastronomie als nicht so konjunkturanfällig und beantragen meist kein Kurzarbeitergeld. Dieses Mal doch. Das Problem: Die Leute dort verdienen vergleichsweise wenig und 60 Prozent von wenig, reicht dann oft kaum noch. Nach Angaben der Internetseite Gehalt.de verdient ein Kellner in Berlin etwa 1900 Euro brutto, macht etwa 1350 Netto und etwa 815 Euro Kurzarbeitergeld.

„Angesichts der enormen weltweiten Erschütterungen durch die Pandemie zeigt sich die deutsche Gesellschaft bislang vergleichsweise stabil“, sagte Professorin Bettina Kohlrausch von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Aber unsere Stabilität ist fragil. Sie kann ins Kippen geraten, wenn diejenigen, die schon vorher finanziell und sozial schlechter gestellt waren, in der Krise noch weiter zurückfallen.“

Das ist sehr wahrscheinlich. Die Stiftung hat im Juni mehr als 6000 Bundesbürger befragt und festgestellt: Leute mit niedrigem Einkommen leiden deutlich mehr an den Folgen der Pandemie, weil sie beispielsweise Einkommen verloren haben und beim Kurzarbeitergeld seltener eine Aufstockung erhalten. Doppelt so viele von ihnen fürchten, ihren Job infolge der Krise zu verlieren.