Berlin - 76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges muss sich in Brandenburg ein einstiger SS-Wachmann vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem mittlerweile 100 Jahre alten Mann Beihilfe zum Mord in einer Vielzahl von Fällen vor. Der Prozess gegen den Angeklagten beginnt am 7. Oktober vor einer Schwurgerichtskammer des Landgerichts Neuruppin. Er findet aus organisatorischen Gründen in der Veranstaltungshalle „Stadtpalast “ in Brandenburg an der Havel statt, teilte eine Gerichtssprecherin am Mittwoch mit.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Angeklagten vor, durch seine Arbeit als SS-Wachmann im Hauptlager des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen in der Zeit von Januar 1942 bis August 1944 und von Dezember 1944 bis Februar 1945 Beihilfe zum grausamen und heimtückischen Mord geleistet zu haben.

Insgesamt sind 3518 Fälle angeklagt, teilte das Gericht mit. Dabei gehe es um die Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener im Jahr 1942, die Beihilfe zur Ermordung von Häftlingen durch den Einsatz von Giftgas sowie „weitere Erschießungen und die Tötung der Häftlinge durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen“ im einstigen KZ Sachsenhausen, heißt es in einer Mitteilung des Gerichts.

Im Konzentrationslager Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende starben: durch Vernichtungsaktionen, medizinische Versuche, Misshandlungen, Hunger und Krankheiten.

Ein vom Gericht veranlasstes Gutachten geht davon aus, dass der hochbetagte Angeklagte für zweieinhalb Stunden am Tag verhandlungsfähig ist. Für die Verhandlung gegen den 100-jährigen einstigen SS-Aufseher in Brandenburg an der Havel sind bisher 22 Verhandlungstage geplant. Ein Urteil könnte demnach am 7. Januar des kommenden Jahres gesprochen werden. An dem Prozess sollen auch zwölf Nebenkläger teilnehmen. Sie stammen unter anderem aus Frankreich, Israel, Holland, Israel, Peru und Polen.

Zu dem Verfahren konnte es kommen, weil seit der Verurteilung des einstigen KZ-Aufsehers John Demjanjuk  vor zehn Jahren die individuelle Schuld der Angeklagten in einem solchen Prozess nicht mehr nachgewiesen werden muss. Vielmehr kann auch die allgemeine Dienstausübung in einem Konzentrationslager, in dem erkennbar systematische Massenmorde stattgefunden haben, juristisch geahndet werden.