Januar 2021. Wir müssen nicht länger diskutieren, wer aus der Familie wen, wo und wie oft trifft. Der Rückzug aller hat auch uns in die Isolation gezwungen. Die Begegnungen mit Menschen sind rar und wertvoll. Der häusliche Frieden auch. Denn: Die Debatten nehmen kein Ende. Doch sind es nur Debatten?

Viel ist gerade vom verlorenen Jahr die Rede. Für die Wirtschaft. Für die Kultur. Eigentlich für alle und alles. Außer für die Natur. Im Fokus vieler Klagen standen im Januar erneut die Kinder. Grund für die gesteigerte Aufmerksamkeit war der Streit um die Schulöffnungen. Die Befürworter verwiesen auf versäumten Stoff, die Unmöglichkeit der gerechten Benotung und auch, wie beruhigend, auf die Relevanz der Schule als Einrichtung für das kindliche System, um es im Pandemie-Jargon auszudrücken. Das Miteinander, die Anwesenheit der Lehrerinnen und Lehrer, der Erzieher und Erzieherinnen, all das.

Die Gegner der früheren Öffnung beklagten die gesundheitlichen Gefahren, vor allem die Pädagogen, aber auch viele Eltern zeigten auf die Zahlen und erzählten vom Stress eines Schulalltags auf Abstand und hinter Masken. Beide Seiten sind in Not, haben recht und ich will weder in der Haut eines Direktors noch einer Lehrerin noch in der einer Mutter stecken, deren Kind nicht alleine lernen will oder kann.

Vor all diesen Menschen wächst mein Respekt an den seltenen Tagen, die mir in der Wohnzimmergrundschule doch einiges abverlangen. Nach fünf Stunden „Die Prinzipien des Fairen Handels von Schokolade“ inklusive YouTube-Videos denke ich auch an all jene, deren Alltag das seit Jahren ist. Nachmittag: Hausaufgaben. Ich kannte das bis vor kurzem nicht.

Und wachse gerade über mich hinaus. Die tägliche intensive Kommunikation mit einem Zehnjährigen beweist mir, dass ich wenig Ahnung hatte, was Geduld ist. Wie so ein Kind liest, tickt, Gedanken in Worte fasst. Und wie eben nicht. Aber auch der Heimschüler lernt, sich verständlich zu machen, seinen Tag einzuteilen, Fragen aufzuschreiben. Er lernt lernen. Der Teenager, ein sorgloser Grundschüler, musste das erst in der 7. Klasse. Gepaart mit der Pubertät ein schmerzhafter Prozess. Das kleine Kind lernt jetzt schon den totalen Frust kennen und Wege hinaus.

Und es lernt, dass Mütter weinen. Aus purer Erschöpfung. Oder weil ich es so satthabe, als ständige Mahnerin und Antreiberin in Erscheinung zu treten. Frische Luft, gesundes Essen, alles ist seit Monaten Gegenstand von Reibereien. Das Kind lernt, dass das nicht bis zum Anschlag funktioniert. Und wir beide lernen noch einmal neu, zu streiten, uns zu versöhnen und vor allem: zu vergessen.

Januar 2021. Alles nur Debatten? Wie das Jahr 2020 ist es vor allem eine Zeit der Lektionen. Fürs Leben. Ich kann und will sie nicht als verloren betrachten. Im Gegenteil.