Beim Myfest wird um 18 Uhr die Musik abgeschaltet

Der Countdown läuft. In drei Wochen ist 1. Mai und in Kreuzberg wird zum Myfest geladen. Zu jener Party rund um Oranienstraße und Kottbusser Tor, mit dem Anwohner und Bezirk seit 14 Jahren den zuvor üblichen Straßenkrawallen entgegentreten. Das diesjährige Myfest stand lange auf der Kippe.

Eine politische Versammlung

Denn nachdem sich zuletzt bis zu 40.000 Menschen gleichzeitig in den Straßen drängten und die Sicherheit nicht mehr gewährleistet war, wollte die Polizei das Fest nicht mehr als politische Versammlung akzeptieren. Ein normales Straßenfest wollte der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg aber nicht verantworten.

Nun ist die Myfest-Crew der Anwohner, die dafür eigens einen Verein gegründet hat, erstmals offizieller Veranstalter. Mitte März hatte der Verein das Fest angemeldet. Als politische Versammlung. Am vergangenen Freitag saßen Vertreter des Vereins, vom Bezirk und von der Polizei zu Detailabsprachen beisammen.

Es ging unter anderem um das Sicherheitskonzept, wie Soner Ipekcioglu von der Myfest-Crew sagt: „Wir haben eine renommierte Berliner Sicherheitsfirma gefunden, die Erfahrung mit Großveranstaltungen hat und für uns 80 Ordner stellt.“

Wobei: Für die Sicherheit bei politischen Versammlungen ist eigentlich die Polizei zuständig. Weil es beim Myfest aber Bühnen, Imbiss-Stände und Toiletten und damit eine Sondernutzung öffentlicher Flächen gibt, werden die „zivilen“ Ordner dort eingesetzt. Wie in den Vorjahren kommen noch rund 200 Jugendliche aus dem Kiez als Helfer hinzu.

Acht statt 18 Bühnen

Die auffälligste Neuerung diesmal ist, dass es nur acht statt wie im Vorjahr 18 Bühnen gibt. Die acht Bühnen stehen am Oranienplatz, im Bullenwinkel an der Naunynstraße, am Heinrichplatz, an der Oranienstraße, am Feuerwehrbrunnen, an der Waldemarstraße und am Mariannenplatz. Sie seien so positioniert, dass breite Fluchtwege gewährleistet sind, sagt Soner Ipecioglu.

Eine der wichtigsten Bühnen der Vorjahre, die von dem Trinkteufel an der Naunynstraße, wo Fans von Punk und Hardrock auf ihre Kosten kamen, ist diesmal nicht dabei. Auf ihrer Facebook-Seite erklärten die Macher ihr Fernbleiben damit, dass auch sie dazu beigetragen hätten, das Myfest zum „Ballermann“ zu machen. Der Grundgedanke, vom Kiez für den Kiez, gegen Rassismus, Faschismus, Sexismus und Gentrifizierung, sei so gut wie nicht mehr vorhanden.

Jetzt finde das Fest zwar statt, aber man wolle nicht „mit einem Politiker zusammenarbeiten, der sich einerseits als Myfest-Retter ausgibt, in anderen Stadtteilen aber jeglicher Subkultur die Daseinsberechtigung abspricht.“ Damit ist Innensenator Frank Henkel (CDU) gemeint, dessen Polizeieinsätze gegen linke Hausprojekte in der Rigaer Straße heftig kritisiert werden.

Zwölf Toiletten-Container

Dass es beim Myfest wieder politischer zugehen soll, war einer der Gründe, weshalb das Konzept der 25-köpfigen Anmelder-Crew akzeptiert wurde. Insgesamt zwei Stunden soll es auf jeder Bühne um Politik gehen. Um die vermeintlich kleine Politik im Kiez, wo Menschen durch Mietsteigerungen verdrängt werden. Aber auch um globale Themen wie das Vorgehen der EU gegen Flüchtlinge.

Am Montag sollen die Bühnenbetreiber ihre Konzepte vorlegen. Und, so Soner Ipekcioglu: „Um 18 Uhr wird überall für eine halbe Stunde die Musik schweigen.“ Dies geschehe aus Respekt vor der Revolutionären 1.-Mai-Demo, die um diese Zeit beginnen soll. Dass die Polizei die beantragte Demoroute über das Myfestgelände ablehnt, kritisieren er und seine Mitstreiter.

Neu ist diesmal auch, dass es nur 120 Stände gibt, an denen Anwohner Gebackenes und Gegrilltes anbieten. Im Vorjahr waren es mehr als 300. Gewerbetreibende, also Kneipiers oder Spätibetreiber, erhalten keine Stände. Bis zum 15. April nimmt das Bezirksamt Anmeldungen entgegen. Dass es zwölf statt wie zuletzt nur sieben Toiletten-Container gibt, dass der Bierverkauf an den Bühnen reduziert wird und dass um 22 Uhr offiziell Schluss ist, zählt auch zu den Premieren. Wie viele Polizeibeamte im Einsatz sein werden, bleibt indes ein Geheimnis. Bei der Polizei heißt es dazu nur, die Zahl der Einsatzkräfte werde den Gegebenheiten angepasst.

Was tun, wenn zu viele Besucher kommen?

Darüber, was passiert, wenn es wie im Vorjahr übervoll wird auf den Straßen, wird noch debattiert. Während es bei der Myfest-Crew heißt, bei 40.000 Besuchern müsse das Festgelände abgesperrt werden, ist man bei der Polizei eher zurückhaltend. „Laut Versammlungsrecht hat jeder das Recht auf Teilnahme“, sagt Polizeisprecher Jens Berger.

Weil eine politischen Meinungsbildung gewährleistet werden müsse, könne nicht so einfach abgesperrt werden.