Er hatte seinem Freund mehrmals zu Bodyguards geraten. Das erzählt Bui Thanh Hieu gleich am Anfang des Gesprächs. Er ahnte, dass die mächtigen Männer, die den Freund zur Flucht aus der gemeinsamen Heimat Vietnam getrieben hatten, ihn auch in Berlin suchen würden. Und er hatte Recht. Nach Erkenntnissen deutscher Ermittler entführte ein Überfallkommando des vietnamesischen Geheimdienstes Trinh Xuan Thanh, den Freund, am 23. Juli vorigen Jahres im Tiergarten und verschleppte ihn nach Hanoi.

Dort sitzt er im Gefängnis, am Montag beginnt sein Prozess. Ihm wird vorgeworfen, als Chef des staatlichen Gaskonzerns Petrovietnam Missmanagement betrieben und Schmiergelder kassiert zu haben. „Thanh wird kaum eine Möglichkeit kriegen, sich zu verteidigen“, prognostiziert Bui Thanh Hieu. Der 46-Jährige ist einer der bekanntesten Blogger Vietnams – und lebt seit mehr als drei Jahren in Berlin, weil auch er in seiner Heimat Verhaftungen und Repressalien ausgesetzt war. Ein Dolmetscher ist mit ihm zum Treffen ins Café in Mitte gekommen.

Korruption als Motiv

Hieu wittert eine politische Fehde gegen seinen Freund, der ehemals ein Funktionär in der herrschenden Kommunistischen Partei Vietnams war. „Das Urteil steht schon fest: Ich rechne mit der Todesstrafe.“ Unter dem Deckmantel einer Anti-Korruptionskampagne hatten die vietnamesischen Behörden im vergangenen Jahr Ex-Funktionäre, Beamte und Banker festgenommen – um sich ihrer zu entledigen, sagen Kritiker.

Auch wer sich für Demokratie einsetzt oder Korruption anprangert, ist in Vietnam laut Human Rights Watch zunehmend Gewalt ausgeliefert. Obwohl das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, bleiben in dem Einparteienstaat die politischen Strukturen starr. In einer Rangliste in Sachen Pressefreiheit liegt Vietnam auf Platz 175 von 180 Ländern.

Blogger gegen die Korruption

„Ich weiß nicht, wie oft sie mich verhaftet haben“, sagt Bui Thanh Hieu, ein ernster Mann, der oft deutliche Worte findet und eine signifikante Narbe auf der Nase trägt. „Mal für zwei Tage, mal auch für zwei Wochen. Sie schlugen oder folterten mich nicht, aber in den Verhörpausen zeigten sie mir heimlich aufgenommene Videos von meinem Sohn, um mich unter Druck zu setzen.“ Sieh, wie nah wir deinem Kind kommen, schienen die Clips zu sagen.

Sein Sohn war es in gewisser Weise auch, der aus Bui Thanh Hieu, einem gelernten Innenraumgestalter, einen Blogger machte. „Bei seiner Geburt, das war im Jahr 2005, kam es zu Komplikationen. Die Ärzte in der Klinik wollten Schmiergeld – sonst würden sie meine Frau und das Baby nicht behandeln.“ Hieu war damals nicht reich, aber er habe das Geld zusammen gekratzt.

„Im Anschluss sollte meine Frau sich auf einer Pflegestation erholen, aber wieder nur gegen Bezahlung.“ Die Korruption in dem staatlichen Krankenhaus habe den frischgebackenen Vater so sehr schockiert, dass er ein Blog eröffnete und darüber schrieb. „Die Zeitungen lenkt der Staat, da steht so etwas nicht.“

„Wind ist ein Symbol für Freiheit“

Das Echo auf seinen Artikel sei groß gewesen, sagt er. Andere Betroffene leiteten den Text weiter, er bekam Briefe – und Ermunterungen, weiterzumachen. Also legte er sich das Pseudonym Nguoi Buon Gio zu, übersetzt der Windhändler. „Wind ist ein Symbol für Freiheit“, erklärt der Blogger. „Sie soll sich verbreiten, überall eindringen.“ Er recherchierte, habe über Machtkämpfe in der Partei geschrieben, über Bauskandale, Enteignungen und Zensur. Auch betrieb er in seiner Heimatstadt Hanoi ein Internetcafé. Es dauerte nicht lange, erzählt er, da hatte Bui Thanh Hieu 15.000 Leser am Tag.

Doch damit hätten auch die Schikanen begonnen. „Plötzlich war mein Blog gesperrt oder mein Facebook-Account gelöscht.“ Dann entzog ihm die Polizei die Lizenz zum Betrieb des Cafés, „weil von dort reaktionäre Propaganda verbreitet würde.“ Mit den ersten Verhaftungen sei die Angst um sich und seine Familie gewachsen.

Thanhs erster Kontakt

Als der Bürgermeister der thüringischen Stadt Weimar auf einen übersetzten Text Hieus aufmerksam wurde, lud er ihn ein – und Bui Thanh Hieu konnte im Jahr 2013 mit seiner Familie nach Deutschland ausreisen. Wenig später erhielt er vom PEN-Zentrum, einer Schriftstellervereinigung, ein Dreijahresstipendium und zog nach Lichtenberg.

„Ich war der erste Mensch, den Trinh Xuan Thanh kontaktierte, nachdem er 2016 in Ungnade gefallen war und sich nach Deutschland abgesetzt hatte“, sagt Hieu. Viele Tage saßen sie zusammen, der Blogger veröffentlichte Berichte, die Thanhs Unschuld beweisen sollten. Er zeigte Widersprüche im Tatbestand auf, der ihm vorgeworfen wurde, „mal lautete er Misswirtschaft, mal Korruption und mal Unterschlagung“, sagt Hieu. „Ein angebliches Schmiergeld floss bloß, weil Thanh jemandem ein Auto verkauft hatte.“

Traum von Hanoi

Solche Schilderungen und die Dokumente, die Bui Thanh Hieu vorlegt, sind freilich schwer zu verifizieren. Bei anderen Fakten beweist er viel Wissen. Aktuell will Hieu Belege dafür haben, dass sein Freund im Gefängnis geschlagen und ihm die Luft mit einem Kissen abgedrückt wurde. Dass ihn seine Texte eines Tages genauso teuer zu stehen kommen könnten wie Trinh Xuan Thanh, fürchtet der Blogger durchaus. „Aber ich kann nicht einfach zusehen und nichts tun. Das vietnamesische System muss weg.“

Sollte das eines Tages so weit sein, sagt Bui Thanh Hieu, würde er gern wieder nach Vietnam ziehen. Er mag Berlin nicht besonders, zu unordentlich – „die Straßen, die U-Bahn“ – und zu unberechenbar. Kontakt zu den Vereinen seiner Landsleute in der Stadt hat er auch kaum. Die seien zu nah an Botschaft und Partei. Im Traum sieht sich Hieu in einem Café in einer Gasse von Hanoi sitzen und Geschichten schreiben. Und zwar dann, wenn sein Blog nicht mehr gebraucht wird – über die bunten Bräuche und Traditionen seiner Heimat.