Potsdam - Der Brandenburger Landtag hat sich mit großer Mehrheit hinter den neuen Kompromiss zum Bau der Potsdamer Synagoge gestellt - und vor neuem Streit gewarnt. Die Fraktionen von SPD, CDU, Grünen, Der Linken und der Freien Wähler forderten die Landesregierung am Donnerstag dazu auf, die geplante Vereinbarung mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland abzuschließen und mit dem Bau zu beginnen. Zugleich betonten sie: „Der Landtag erwartet, dass das Synagogenzentrum nach Fertigstellung allen jüdischen Gemeinden in der Landeshauptstadt offensteht.“ Nur die AfD-Fraktion stimmte gegen den gemeinsamen Antrag und forderte, auch den Landesverband West der Jüdischen Kultusgemeinden einzubinden.

In Potsdam gibt es fünf jüdische Gemeinden

Der Zwist um den Synagogenbau ist nicht vorbei. Der Landesverband West warf Kulturministerin Manja Schüle (SPD) in einem Schreiben Entmachtung vor. «Wenn wir darüber hinaus feststellen, dass der Landesverband-West (...) als rechtlich oberster
Vertreter der Juden in der Landeshauptstadt Potsdam und der Region bei den zukünftigen Strukturen gar nicht berücksichtigt wird, so fürchten wir zurecht, dass die Ministerin unsere Schwächung und
Auflösung herbeiführen will», schrieb er.

Die Ministerin warb für ihren Kompromiss, der ein Signal an alle Juden sei: «Ihr gehört zu uns, ihr gehört in unsere Mitte», sagte Schüle. «Selbstredend ist damit natürlich auch gemeint, dass alle Jüdinnen und Juden einbezogen werden.» Potsdam ist die einzige Landeshauptstadt in Deutschland ohne klassischen Synagogenbau.

Nach vielen Jahren des Streits kündigte Schüle in der vergangenen Woche an, das Land wolle das Synagogen- und Gemeindezentrum mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland errichten. Die Stelle vertritt die jüdischen Gemeinden und Landesverbände auf dem Gebiet der jüdischen Sozialarbeit. Seit über zehn Jahren schwelt ein Konflikt zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Synagogengemeinde in Potsdam über die Fassade und die Nutzung. Im vergangenen Jahr kam es zum Kompromiss zwischen dem Land, dem Landesverband West der Jüdischen Kultusgemeinden und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden Brandenburg, der dann scheiterte.

Die alte Synagoge in Potsdam war 1938 zerstört worden. Die Eröffnung des geplanten Neubaus auf einem Grundstück in der Nähe des Landtags ist für 2024 geplant. Das Land finanziert das Projekt mit rund 13,7 Millionen Euro - mehr als früher geplant. Die Ministerin begründete die Steigerung mit höheren Baukosten und höheren Sicherheitsvorkehrungen nach dem Anschlag auf die Synagoge in Halle.

Solch kleinteilige Gemeinde-Differenzierung ist im Judentum durchaus üblich, über religiöse und kulturelle Ausrichtungen sowie Interpretationen der Traditionen wird leidenschaftlich gestritten, Alleinvertretungsansprüche sind normal, die Akzeptanz von Hierarchien minimal. Kaum verwunderlich also, dass auch der Neubau für die Synagoge Thema solcher Debatten und Teilhabe-Ansprüche ist.

Allerdings ist keine dieser Gruppen groß genug oder finanziell so gut ausgestattet, dass sie sich konkurrierende Bauten wie etwa die Gemeinden in Berlin, schon gar in Paris, London oder New York leisten können. Das ist einer der Gründe, warum eine gemeinsame Synagoge seit nun schon mehr als zwei Jahrzehnten gefordert wird.

1998 regte der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe ihren Bau an. Nachdem sich die Umnutzung einer Kirche zerschlug, stellten Potsdam und das Land 2005 ein Grundstück in allererster Lage an der Schloßstraße 1 „kostenlos“ zur Verfügung. Eine Formulierung, die verschleiert, dass es sich hier um einen schlichten Akt der Entschädigung handelt. Das historische Grundstück der 1903 eingeweihten, prachtvoll-neubarocken Synagoge am heutigen Platz der Einheit steht nämlich nicht mehr zur Verfügung. Es wurde zu DDR-Zeiten mit einem Wohnbau überdeckt. Dabei war die Synagogenruine ohne weiteres wiederaufbaufähig, sie war 1938 zwar geschändet worden, brannte aber erst im April 1945 aus. Doch gab es infolge des Holocausts und der antiisraelischen Politik der DDR seit den späten 1960er-Jahren kaum genug Juden in der Stadt, um wenigstens die zehn Männer für eine Minjan-Betgruppe zusammenzukriegen. Ein Wiederaufbau der zerstörten Synagoge erschien da offenkundig unpassend und unnötig.

Versuch der „Entmachtung“

Das hat sich geändert. 2008 fand ein internationaler Architektenwettbewerb statt, der Berliner Jost Haberland gewann – und der Streit um die Anpassung und rituell wie ästhetisch angemessene Überarbeitung seines Entwurfs begann. Zwar einigten sich 2018 die Landesregierung, die Jüdische Gemeinde und die Synagogengemeinde, das Projekt gemeinsam zu betreiben, die funktionale und ästhetische Gestaltung des Haberland-Projekts sollte gemeinsam geklärt werden. 2020 war dann auch darüber Einigkeit erzielt – doch in den folgenden Monaten zerstritt man sich wieder.

Die neue, auch juristisch und zumal gruppendynamisch hochkomplizierte Konstruktion ist ein Versuch der Politiker, diese gegenseitige Blockade aller Beteiligten zu überwinden – so sehen es jedenfalls diese. Für Ud Joffe von der Synagogengemeinde dagegen ist es, wie er im Gespräch mit der Berliner Zeitung sagte, ein Versuch der „Entmachtung“ der Gemeinden durch die Politik. Der Landesverband West, zu dem seine Gemeinde gehört, war nicht an dem Kompromissvorschlag eingebunden.