Demonstranten am 19. August 2020 in Minsk. Handys leuchten zum friedlichen Protest. Vor dreißig Jahren waren es noch Kerzen.
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Die Straßen und Plätze sind voller Menschen, die gegen ihre Regierung demonstrierten. Sie rufen „Freiheit, Freiheit“ und „Hau ab! Hau ab!“, an Präsident Lukaschenko gerichtet. Junge Mädchen hocken auf dem Boden und malen Schilder. Auf ihnen steht: „Stoppt die Gewalt!“ und „Medizin für das Volk“. Eine Gruppe zieht mit Trommeln, Gitarren und Dudelsäcken durch die Menge. Es sei wie ein großes Familienfest, sagt jemand. „Wir sind nicht mehr zu stoppen.“ Anderswo ist der Ton schärfer. Auf einem großem Schild steht „Blutiger Diktator!“. Ein anderes zeigt das Bild des Präsidenten mit den Zeilen: „Wanted! Tot oder lebendig“.

Wie mit einer Zeitmaschine haben mich die Bilder aus Belarus mehr als drei Jahrzehnte zurückbefördert. Keine einzige Protestbewegung der vergangenen Jahre hatte mir jenes Gefühl des Oktobers und Novembers 1989 in Berlin zurückgebracht. Jetzt ist es plötzlich wieder da – verbunden mit dem Bangen vor dem, was kommen wird.

Es ist der einmalige Moment jeder Revolution. Er kann nicht inszeniert werden. Plötzlich entlädt sich eine jahrelang aufgebaute Spannung, verwandelt sich Angst in Mut. Es ist der Moment größtmöglicher Gemeinsamkeit. Bereits einige Momente später treiben die Interessen auseinander, es geht um das Danach. Doch dieser eine, unwiederbringliche Moment – man kann ihn kaum nachfühlen, wenn man nicht bereits ähnliches erlebt hat.

Auch ich, ein Kind der DDR, ließ mich vor gut dreißig Jahren in Berlin von einem solchen Aufbruch mitreißen. Als junger Journalist war ich voller Hoffnung, endlich frei schreiben und kreativ werden zu können. Mit einigen Kollegen ging ich am 4. November 1989 zur Protestdemo auf den Alex. Am Vortage noch hatte die Chefredaktion gewarnt: „Geht da nicht hin!“ Es herrschte Angst vor Randale und Gewalt. Am Tag danach: großes Erstaunen über diese einmütige, friedliche, ja heitere Masse von Menschen. Und ein verändertes Land. In einer einzigen Woche fielen die Regierung und die Berliner Mauer.

Protestdemonstration am 4. November 1989 auf dem Alex.
Foto: dpa

Höchstens ein paar Tausend waren an jenem 4. November 1989 auf dem Alex erwartet worden, Hunderttausende kamen. Mancher sprach sogar von einer Million. Die Menschen trugen Schilder mit Sprüchen, die witzig und brisant zugleich waren. Vor dem Staatsratsgebäude spielten einige Leute die verknöcherten Politbüromitglieder, wie sie tattrig das vorbeiziehende Volk grüßten. Eine Karikatur der Macht, direkt vor den Augen der Macht. „Die Lach-Stürme waren grenzenlos. Mir taten die Wangen weh“, schrieb ich in mein Tagebuch. Es war eine seelische Selbstbefreiung. So wie sie auch in den Gesichtern der Demonstranten in Belarus zu erkennen ist, neben der Unsicherheit, wie es weitergeht. Eine  Linie ist überschritten, hinter die es nicht mehr zurückgeht.

Viele der Hoffnungen von 1989 sind nicht eingetreten. Nicht wenige Demonstranten auf dem Alex wollten einen eigenständigen demokratischen Weg statt der Übernahme eines anderen Systems. Sie wollten ein kollektives Selbstbewusstsein ohne nationalistische Fanfarentöne, wie man sie später immer öfter hörte. Und ohne die Bevormundung durch Leute, die einem das eigene Land erklärten, ohne selbst darin gelebt zu haben. Wünschen wir den Demonstranten in Belarus, dass es ihnen anders ergeht.