Berlin - Vollgepumpt mit Adrenalin jagt Valeria Delé durch die schmalen Gassen ihrer Heimatstadt Minsk. Sie und ihre Freunde nehmen die Wege zwischen den Häusern, denn es gibt bereits Gerüchte über Festnahmen und getötete Demonstrierende. Doch Genaues wissen sie nicht, das Internet ist abgeschaltet. Als sie den Demonstrationszug erreichen, sehen sie Leuchtgranaten zwischen den Menschen explodieren, Schreie durchschneiden die warme Sommerluft.

An den Abend nach der Wahl in Belarus am 9. August 2020 erinnert sich Delé noch genau. Es ist eine der ersten Demonstrationen, die sie je gesehen hat. „Es kam mir unwirklich vor, wie ein Spiel. Aber das war es nicht. Leider“, sagt sie. An ihrem Handgelenk trägt Delé ein weißes Armband. Dieses Erkennungszeichen für Oppositionelle legt sie seit dem Wahlkampf im vergangenen Frühjahr nicht ab. Ihre Augen leuchten, als sie erzählt, wie es war, die Leute so im Bus oder auf der Straße als Verbündete zu erkennen. Das hat sie dazu ermutigt, es zu behalten, obwohl sie von Polizisten gehört hatte, die Menschen zwangen, ihr Armband zu essen.

Lukaschenko? Den hielten viele in Belarus für beschränkt

Delés erster Protest war eine Spontandemonstration, in die die Sängerin nach einem Auftritt stolperte. Kurz nachdem der Präsidentschaftskandidat Viktor Barbariko verhaftet worden war, hakten sich die Menschen auf der Straße vor dem Veranstaltungsort unter und bildeten eine Kette. Nachdem ein weiterer Konkurrent, Valery Tsepkalo, von der Wahl ausgeschlossen worden war, vereinte sich die Opposition hinter Swetlana Tichanowskaja. Die Frau von Sjarhej Zichanouski hatte im Mai notdürftig selbst kandidiert, als ihrem Mann das verwehrt wurde. Regierungskritikerinnen und -kritiker sehen die ehemalige Hausfrau seit dem 9. August als wahre Präsidentin an. Das EU-Parlament erkennt Alexander Lukaschenko nicht als Präsidenten an und hat die Opposition 2020 mit dem Sacharow-Preis für geistige Freiheit ausgezeichnet.

Die meisten Menschen in Belarus waren vor dem letzten Frühjahr unpolitisch, sagt Valeria Delé, die Sängerin. Lukaschenko? Über den hätten sie höchstens mal gelacht. Ein beschränkter Mann, der sich gut für Memes eignete, aber nicht für die Politik. Wer politisch unauffällig blieb, hatte ein gutes Leben und nichts zu befürchten. Doch die Wahlen waren so offensichtlich manipuliert, dass Delé sich in ihrer Intelligenz beleidigt fühlte. Für sie und ihre Freunde stand außer Frage, dass sie auch am nächsten Tag auf die Straße gehen würden. Trotz der Gefahr.

Foto: Gerd Engelsmann
Valeria Delé spielt bei Auftritten manchmal auch ein Solo mit der Trompete.

Seit Oktober studiert Valeria Delé, 26 Jahre alt, Gesang am Jazz-Institut der Universität der Künste in Berlin. Sie ist meine Nachbarin und Freundin geworden. Sie sei nicht aus Belarus geflohen, sagt sie, sie hatte sowieso vor zu gehen. In Belarus gibt es kaum Musiker, die Soulmusik machen, und Berlins künstlerische Diversität gebe ihr die Möglichkeit sich zu entwickeln, weiterzukommen. Doch die Situation in ihrer Heimat und die damit verbundenen Erlebnisse lassen die Studentin nicht los.

Manchmal, wenn ein Minibus besonders langsam auf der Spur neben dem Gehsteig fährt, packt Delé die Panik. Ihre Knie zittern, sie will losrennen, nur weg. Doch dann sagt sie sich, dass sie nicht in Minsk ist, wo sogenannte Tichari, eine Art Zivilpolizei, Menschen in Busse verladen und ins Gefängnis bringen. Laut dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte waren bereits Ende Dezember 2020 über 27.000 Demonstrierende willkürlich festgehalten worden.

Ein Lied für die Opfer der Polizeigewalt

Die Berichte über Polizeigewalt in Belarus reißen nicht ab: Vergewaltigungen, Folter und Prügel bis hin zum Tod. Farbliche Markierungen bestimmen laut Medienberichten, welche Art von Misshandlung für Gefangene bestimmt ist. Besonders während der ersten Wochen in Berlin konnte sich Delé kaum von den Nachrichten losreißen, ihr kommen jetzt noch die Tränen, wenn sie darüber spricht.

„Es hängt vom persönlichen Glück ab, was dir passiert. Nicht davon, was du getan hast“, sagt sie. Ihr selbst sei bei einer Verhaftung nichts passiert, obwohl sie sich zunächst weigerte, Fingerabdrücke abzugeben, und mit dem Polizeichef diskutierte. Für die Opfer von Polizeigewalt hat die Sängerin ein Lied geschrieben. Darin drückt sie die ohnmächtige Wut aus, die sich in ihr aufgestaut hat. Lukaschenko verfluchen, das sei das Einzige, was bleibt. Sonst kann sie nicht viel gegen die Ungerechtigkeiten ausrichten.

In ihrer Muttersprache kann Valeria Delé ihren Schmerz am besten ausdrücken.

Video: YouTube

Nicht nur wegen des Liedes kann sie ihre Mutter nicht mehr besuchen, sagt Delé. Sie schimpfe regelmäßig auf Facebook auf „diese Person“, wie sie Lukaschenko nennt. Viele Menschen seien für viel geringere Vergehen festgenommen worden. Doch selbst wenn es möglich wäre: „Ich will erst nach Belarus zurück, wenn wir frei sind.“ Ihre Stimme klingt fest.

Schon bevor Valeria Delé nach Berlin kam, hat sie auf Facebook erfahren, wie sie Anschluss an die belarussische Community findet. Die Gemeinschaft hat sich erst im vergangenen Jahr gebildet. „Für Belarussen ist es typisch, für sich zu bleiben und sich anzupassen“, sagt die Aktivistin. Es tat weh, in Berlin an Demonstrationen teilzunehmen und zu erleben, wie gewaltfrei so etwas ablaufen kann. Auf einer der ersten Demos traf sie Lina Gabt, die ihren echten Namen aus Sicherheitsgründen nicht in der Zeitung lesen will. Die Rentnerin bot Delé sofort an, übergangsweise in ihrer kleinen Wohnung unterzukommen.

Ich treffe Lina Gabt Mitte März in ihrer Neuköllner Wohnung. Was für eine gute Seele sie ist, zeigt sie in unserem Gespräch bei Kaffee und Kuchen immer wieder. Gabt unterstützt mit ihrer Rente mehrere Familien in Belarus. Darunter auch eine Frau, deren Söhne den Polizeidienst gekündigt haben, da sie keine Gewalt gegen Demonstrierende ausüben wollten. Gabt treibt die Bewegung in Deutschland mit der Organisation von Protesten und in den sozialen Medien voran. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich mit meinen 67 Jahren eine Revolutionärin werde“, sagt sie.

Foto: Sabine Gudath
Lina Gabt zeigt das Victory-Zeichen, das inzwischen auch zum Symbol für den Sieg der Opposition in Belarus geworden ist.

Elan hat sie mehr als genug. Zurzeit lernt Lina Gabt Japanisch, sie reist normalerweise gerne und pflegt Kontakte zu jüngeren Menschen. Als sie ein Kind war, ist ihre Familie von Russland nach Belarus ausgewandert. Und die Liebe habe sie nach einer zwölfjährigen Brieffreundschaft schließlich in die ehemalige DDR geführt, erzählt sie. Seit knapp vierzig Jahren lebt Gabt nun in Deutschland, zwanzig davon in Berlin. „Ich bin eine Kosmopolitin und liebe alle meine Heimaten.“ Deshalb habe sie handeln müssen, als die politische Lage in Belarus eskalierte. Insbesondere nach der Wahl. „Ich saß da, ich konnte nichts machen. Es war so schlimm“, sagt Gabt. Doch das hielt sie nicht lange aus.

Das Erste, was sie, die ehemalige Lehrerin, tat: Sie färbte ihre Haare in den Farben der Opposition. Ein knallroter Schopf umrandet von hellem Blond. Ein Tattoo an ihrem Handgelenk neben weiß-roten Armbändern zeigt ein Herz, eine Faust und das Victory-Zeichen. Die Symbole des Widerstands. Auch auf ihrem Balkon weht die Flagge der Opposition. Gabt möchte wie Delé von Verbündeten erkannt werden.

Zweimal pro Woche geht sie zur Mahnwache vor der belarussischen Botschaft

Wenn Lina Gabt detaillierter auf die Menschenrechtsverletzungen in Belarus eingeht, zittert ihr Kinn manchmal. Sorgenfalten bilden sich auf ihrer Stirn. Die sonst so fröhlich wirkende Frau ringt um Fassung. „Wenn ich diese Nachrichten höre, dann wird mir so schlecht, dass ich gar nichts mache. Vielen geht es so. Ich glaube, ich bin ausgebrannt“, sagt sie. Ihre Hobbys kann sie dann nicht mehr ausüben. Aber manchmal hilft es zu demonstrieren.

Die belarussischen Gruppen in Berlin hat Gabt erst kennengelernt, als sie auf Facebook den Kommentar einer Aktivistin entdeckte und die Verfasserin anschrieb. Seitdem sei sie bei fast jeder Kundgebung, streamt bei jedem Demonstrationszug für ihre Follower. Und mindestens zweimal pro Woche stellt sie sich zur Mahnwache vor der belarussischen Botschaft auf.

Diese Mahnwache hat Taras Siakerka initiiert. Vor, während und nach der Wahl war der 43-Jährige in Belarus und protestierte. Schon dort überlegte er, was er in Berlin tun könnte. Seit dem 8. September 2020 stellt er sich täglich auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Botschaft mit einem Plakat auf: „Hup für die Freiheit in Belarus“.

Zunächst hat er das allein gemacht, dann gesellten sich andere Menschen dazu, sodass sie in Zweistundenschichten alle Wochentage von 13 bis 19 Uhr abdecken konnten. Nur am Wochenende gönnten sich Siakerka und seine Freunde hin und wieder eine Pause. Einer stellte sogar einen Bauwagen zur Verfügung. Daraus entstand das Kunstprojekt „Botschaft der freien demokratischen Republik Belarus“. Siakerka stellt inzwischen sogar Pässe aus, jeder darf Bürger dieser (noch) fiktiven Republik werden, solange derjenige kein diktatorisches Regime unterstützt.

Foto: Sabine Gudath
Taras Siakerka stellt symbolische Pässe aus.

Ende März treffe ich Siakerka vor der Botschaft in der Straße am Treptower Park. Er wuselt herum, knipst Kabelbinder ab, die ein großes Transparent halten. Darauf sind Fotos und kurze Steckbriefe von 299 politischen Gefangenen in Belarus zu sehen. Ihnen kann man hier eine Grußkarte schreiben, Siakerka verschickt sie dann.

Heute sind mehr Menschen zur Mahnwache gekommen als gewöhnlich, auch Vertreterinnen von Amnesty International haben sich mit ihren gelben Westen dazugesellt. „Heute, am 25. März, ist der Tag der Freiheit. Belarus wurde 1918 das erste Mal ein eigener Staat“, sagt Siakerka. Die weiß-rot-weiße Fahne wurde damals zum Staatssymbol, doch bald wieder abgeschafft. Belarussen durften diesen Tag in der Sowjetunion nicht feiern, auch Lukaschenko ließ Menschen nach Zusammenkünften an diesem Tag verhaften, erzählt Siakerka, der Familienvater. Umso mehr sei das Datum nun ein Symbol für den Widerstand.

Hoffen auf härtere Sanktionen der EU

Delé und Gabt sind auch vor Ort, Gabt schwenkt energisch ihre Fahne, Delé gibt ein Radio-Interview. Der Bauwagen ist verschwunden, er hat die Tüv-Untersuchung nicht bestanden. Behängt mit Fotos und bunten Fahnen war er ein Blickfang. Übergangsweise hat Siakerka ein Wohnmobil von einem Freund geliehen, er schaut sich nach einer geeigneten Alternative um.

Die etwas andere Botschaft fehlt also, dennoch überreicht Siakerka mir feierlich einen alternativen Pass. „Gratuliere! Du bist jetzt eine Bürgerin der freien demokratischen Republik Belarus“, sagt er und deutet auf die Innenseiten. Ein lustiges Foto ist dort eingeklebt. Die weiteren Seiten darf man selbst füllen. Auf der letzten Seite sind Staaten aufgelistet, geordnet nach dem Demokratieindex. Daneben sind Kreise zum Markieren, sobald man die jeweiligen Länder besucht hat. Auf der letzten Seite steht: „Kein Mensch ist illegal. Dieser Pass ist auf dem ganzen Planeten der Erde gültig.“ Schön, wenn es so einfach wäre.

Delé, Gabt und Siakerka sind sich einig, dass härtere Sanktionen der EU helfen würden, den Druck auf Lukaschenko zu erhöhen und so früher oder später seinen Rücktritt zu erzwingen. Die bereits verhängten Sanktionen gehen ihnen nicht weit genug. „Ich wünschte, es wäre selbstverständlich, dass die europäischen Politikerinnen und Politiker das nicht akzeptieren. Es reicht nicht, besorgt zu sein“, sagt Delé.