Best of Wochenende: Am Samstag und Sonntag präsentieren wir ihnen die besten und lesenswertesten Texte, die in der Berliner Zeitung in der Woche entstanden sind. Lesen Sie hier die Reportage von Anne-Kattrin Palmer über den Alltag einer Tankstellenmitarbeiterin in Marzahn.

Heike Wassermann steht in dem Verkaufsraum hinter einer Glaswand. Der Raum misst etwa zehn mal zehn Meter. In den Regalen liegen Chipstüten und Salzstangenschachteln, Schokoladentafeln und Kekse, mehrere Sorten Wodka und Zigaretten. Der Schriftzug „Tabak“ an der Wand, unterlegt mit einer orangefarbenen Banderole, erinnert an die 1970er-Jahre.

Am Tresen dampfen dicke Bockwürste in einem Wasserbottich, es gibt frische Schrippen und Croissants. Die Wände sind gelblich, weil „hier früher noch geraucht worden ist“, erzählt Heike Wassermann. Es ist eine alte Tankstelle, sie gab es schon vor der Wende. Und es fehlt oft an vielem. Jüngst streikte der Staubsauger. „Aber wir haben uns was einfallen lassen“, sagt die 36-Jährige und lächelt.

Die Berlinerin arbeitet seit vier Jahren in der Tankstelle und liebt ihren Job. „Es ist wie beim Frisör“, sagt Heike Wassermann. „Wir haben unsere Stammkunden, die jeden Tag vorbeischauen, uns alles erzählen – und oft nur eine Schrippe kaufen.“

Die Schrippen sind an diesem Tag fast ausverkauft, ein älterer Mann ist ganz enttäuscht, und auch andere Menschen, die vorbeikommen, erzählen von ihren Zukunftssorgen. „Das geht seit Wochen so“, sagt Heike Wassermann: „Viele Menschen wissen seit dem Krieg in der Ukraine nicht mehr, wie sie alles bezahlen sollen. Sie regen sich wegen der höheren Lebensmittel- und Energiepreise richtig auf.“

Sie blickt aus dem Fenster auf die Märkische Allee, die Bäume und die Plattenbauten. Auch Heike Wassermann wohnt dort. Gerade hat sie eine Mieterhöhung erhalten. Sie seufzt: „Erst Corona und jetzt das. Vielen geht es nicht gut.“

Und dann sind da noch die Spritpreise. Seit Wochen springen sie zwischen 2 und 2,20 Euro pro Liter hin und her, ändern sich manchmal stündlich. Für viele sind sie kaum bezahlbar.

Ab 1. Juni: Benzin soll um 35 Cent pro Liter, Diesel um 17 Cent billiger werden

Entlastung soll neben einem einmaligen Heizkostenzuschuss von 300 Euro und dem Neun-Euro-Ticket der von der Regierung beschlossene Tankrabatt bringen. Er gilt ab kommenden Mittwoch, dem 1. Juni. Benzin könnte dann um rund 35 Cent pro Liter billiger werden und Diesel um etwa 17 Cent pro Liter. Der Bund rechnet mit verminderten Steuereinnahmen in Höhe von 3,15 Milliarden Euro. Ziel ist es, Autofahrer ebenso wie Betriebe und Unternehmen zu entlasten.

Doch ob die Preise auch an die Verbraucher weitergegeben werden, bezweifeln viele. Selbst Politiker mahnen seit Tagen, wie FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai. Er erwartet eine konsequente Kontrolle. Damit die Entlastung ihre Wirkung voll entfalten könne, muss die Preissenkung in voller Höhe bei den Bürgern ankommen, sagte der Politiker am Mittwoch. „Dazu muss das Bundeswirtschaftsministerium nun seine Schuldigkeit tun und über die Markttransparenzstelle beim Kartellamt sicherstellen, dass die Steuersenkung bis zum Endverbraucher weitergegeben wird und nicht versandet“, forderte er.

Viele sind in den Spritpreis-Hochzeiten nur noch zum Tanken nach Polen gefahren.

Heike Wassermann über das Tankverhalten der Kunden

Heike Wassermann zuckt mit den Schultern, wenn sie so etwas hört. Sie plagen Existenzsorgen. „Wenn ich meinen Job verliere, dann weiß ich nicht mehr weiter“, sagt sie. Denn gerade Tankstellen wie die an der Märkischen Allee seien kleinere Betriebe, gehörten nicht zu den großen Ketten – und könnten in dieser Krise pleitegehen.

„Es ist ja jetzt schon nicht alles rosa“, sagt sie. Als die Spritpreise nach oben schnellten, wuchsen gleichzeitig die Probleme – neben den Sorgen der Stammkunden. Heike Wassermann und ihre Kolleginnen und Kollegen mussten unter anderem zwei der acht Zapfsäulen abschließen, die zu weit weg vom Verkaufsraum liegen – wegen der Wegfahrer. So nennt die Berlinerin Spritdiebe.

„Wir mussten handeln, sonst wären wir täglich mehrfach beklaut worden.“ Dann sind da noch die Kunden, die lange gar nicht mehr gekommen sind. „Viele sind in den Spritpreis-Hochzeiten nur noch zum Tanken nach Polen gefahren.“ Kaum war der Sprit wieder um 20 Cent günstiger, sei die Hamsterei wie beim Toilettenpapier losgegangen. „Manchmal haben wir dadurch Ebbe im Tank, weil viele bei niedrigeren Preisen sofort zig Liter abzapfen. Sie füllen den Tank und viele Kanister.“ Um 14 Uhr beginnt an der Märkischen Allee die Rushhour. „Dann stehen die Autos mitunter bis zur Straße.“ An diesem Tag ebenso, Heike Wassermann tippt unentwegt in die Kasse. Als sie einen Anruf erhält, muss sie sofort wieder auflegen.

Eine Ebbe im Tank befürchtet sie auch, wenn am 1. Juni der Tankrabatt greift. „Wir rechnen mit einem Ansturm. Hoffentlich reicht der Sprit. Auf dem Trockenen zu sitzen, kann Existenzen bedrohen“, sagt sie. Sie ist nicht die Einzige, die davor warnt. Seit Tagen werden Engpässe nicht ausgeschlossen, weil die Autofahrer ausgerechnet ab 1. Juni massenhaft an die Zapfsäulen fahren könnten, um leere Tanks aufzufüllen – auch weil das Pfingstwochenende vor der Tür steht.

Eine hohe Nachfrage der Autofahrer wird temporär auf ein niedriges Angebot stoßen.

Duraid El Obeid, Vorsitzender des Bundesverbandes Freier Tankstellen

Gerade kleinere Tankstellenunternehmen könnten Probleme bekommen, befürchtet auch der Vorsitzende des Bundesverbandes Freier Tankstellen, Duraid El Obeid. Er sagte zur Berliner Zeitung: „Eine hohe Nachfrage der Autofahrer wird temporär auf ein niedriges Angebot stoßen. Ich empfehle daher, noch im Mai zu tanken und nicht mit einem leeren Tank in den Juni zu starten.“ Dazu rät auch der ADAC.

Auch machten sich die günstigen Preise nicht gleich bemerkbar, sagt El Obeid. „Es ist nicht so, dass der Tankstellenbetreiber sofort die Senkung der Energiesteuer weitergeben muss“, sagt er. Bemerkbar mache sich der Rabatt wahrscheinlich erst einmal nur bei den großen Tankstellen-Ketten.

Hinzu kommt: Damit die Tankstellen am 1. Juni genügend Sprit für den erwarteten Ansturm in ihren Tanks haben, müssen sie vorher einkaufen – zum alten Steuersatz.

El Obeid: „Unsere Mitglieder stehen vor der Herausforderung, dass sie am 31. Mai zum Stichtag der Absenkung am 1. Juni mit teuer versteuerter Ware in den Tanks dastehen, die quasi unverkäuflich wird, weil sie im Fall von Benzin für rund 30 Cent weniger verkauft werden müsste.“ Daher sehen sich die Tankstellen dazu gezwungen, so der Vorsitzende, ihre Bestände zum 1. Juni hin zu reduzieren. „Sonst hätten die Tankstellen hochversteuerte Ware in ihren Beständen, die ab dem 1. Juni rund 30 Cent bei Benzin und rund 14 Cent bei Diesel unter Einstandspreis verkauft werden müsste. Das wäre für kleine Tankstellenunternehmen bestandsgefährdend.“ Leider sei im Energiesteuersenkungsgesetz kein Entsteuerungsverfahren vorgehen. Damit hätte man die Bestände zum 1. Juni ebenfalls mit dem niedrigen Steuersatz besteuert und hätte diesen Mechanismus verhindert.

Verbraucherportal: So viel verdienen Mineralölkonzerne an der Krise

Gewinner der Krise sind derzeit Mineralölkonzerne. Die Redaktion des Verbraucherportals Vergleich.org stellte jüngst zusammen, wie sich die Zusammensetzung des Spritpreises bei verschiedenen Tankstellenpreisen verändert – und wie viel hiervon für den Anteil der Ölkonzerne draufgeht. Bei einem Dieselpreis bei circa 1,50 Euro liegt der Deckungsbeitrag, in dem sich auch die Gewinne der Ölkonzerne verbergen, bei 28 Cent pro Liter. Bei einem Dieselpreis von circa 1,80 Euro sind es 34 Cent.

In der Tankstelle an der Märkischen Allee ist der Kundenstrom an jenem Nachmittag wieder zurückgegangen. Ein Kunde, der gerade seine Tankrechnung von 100 Euro bezahlt hat, gesellt sich zu uns. Er ist sauer, auf den Krieg in der Ukraine, auf die Auswirkungen. Der Mann sagt: „Der Verbraucher wird nur noch verschaukelt.“ Selbst der Tankrabatt sei „Augenwischerei“. Dann redet er sich in Rage: „Der Rabatt bringt kaum etwas, weil die Mineralölkonzerne noch schnell die Preise angehoben haben. Dann liegen wir ab dem 1. Juni vielleicht bei 1,70 Euro pro Liter. Vor Monaten waren es aber noch 1,40 bis 1,50 Euro.“ Heike Wassermann beruhigt ihn, nickt aber auch.

„Wir wissen ja alle nicht, wie es weitergeht“, sagt sie. Die Unsicherheit bleibt.