Berlin - Wer noch immer rätseln sollte, wie es um die Flughafenbaustelle in Schönefeld wirklich bestellt ist, dem dürfte einer der Hauptzuständigen am Dienstag die Augen geöffnet haben. Der Technikchef der Flughafengesellschaft, Horst Amann, äußerte sich im Radio und fasste die Lage so zusammen: „Die Probleme sind leider Gottes heftig, sehr heftig.... fast grauenhaft.“

Amann hatte wohl das Bedürfnis, sein Agieren in aller Öffentlichkeit zu rechtfertigen. Intern hatte er ja bereits einen Vermerk geschrieben, den er den drei Flughafeneignern Berlin, Brandenburg und Bund am Wochenende per Boten zustellen ließ. Auf zwei Seiten listete er Baumängel und organisatorische Probleme auf, die zwar nicht wirklich neu waren. Neu war jedoch seine Schlussfolgerung. Die Fertigstellung des BER bis zum 27. Oktober sei ausgeschlossen, schrieb Amann, was bekanntlich ein Erdbeben auslöste. Die Eröffnung platzte, Klaus Wowereit stürzte endgültig in die Krise, und Flughafenchef Rainer Schwarz wird seinen Job los.

Die Nerven der Beteiligten sind naturgemäß angespannt, wie man an den Reaktionen auf das Interview erkennen kann. Amanns Äußerungen werden als ein Beleg dafür gewertet, dass er zwar sein Baufach versteht, aber mit den Aufgaben eines Geschäftsführers überfordert zu sein scheint. „Diese Alleingänge sind nicht hilfreich“, heißt es etwa in der Flughafengesellschaft. Und ein Mitglied des Aufsichtsrats sagt: „Er muss langsam mal lernen, dass wir ihn nicht geholt haben, um Fehler seiner Vorgänger aufzudecken. Er soll Lösungen präsentieren.“

Lange vermittelte er Zuversicht

Im Sommer wurde der 59-jährige Bauexperte als Ersatz für den geschassten Manfred Körtgen aus Frankfurt am Main geholt, jetzt ist seine Schonzeit offenkundig abgelaufen. Die Gesellschafter können auch nach ihrer Krisensitzung mit Amann am Montag kaum nachvollziehen, warum und auf welche Weise er den BER-Termin hat platzen lassen. Zumal der 27. Oktober „sein Termin war“, wie es hieß.

Bei Amanns Antritt war noch der 17. März vorgesehen. Der Aufsichtsrat gab ihm damals aber die Freiheit, den Zeitplan zu überprüfen. Amann las sich durch alle Unterlagen, traf sich mit den Baufirmen und kam im Herbst zu dem Schluss, dass die Eröffnung auf Oktober 2013 verschoben werden muss.

Dass er diesen Termin für schwierig hielt, verschwieg der Technikvorstand nie. Aber noch am 18. Dezember hielt er an ihm fest – mit der Einschränkung, dass die geplanten Tests der Brandschutzanlage Anfang 2013 erfolgreich verlaufen müssten. Auch Vertreter von Baufirmen, mit denen Amann an diesem Tag die Baustelle inspizierte, zeigten sich optimistisch. Und in der Dezember-Ausgabe der Flughafenpostille Der Überflieger – sie erschien Ende des Jahres – bekannte er sich noch zum 27. Oktober. Kritiker vermuten, Amann habe über Weihnachten ein mulmiges Gefühl bekommen. Vielleicht habe er daheim in Ruhe nachdenken können und dabei erkannt, dass er anfangs zu euphorisch war. Amann selber sagte am Dienstag: „Wir haben es nicht früher erkennen können, wie der bauliche Zustand tatsächlich ist.“ Vor allem wegen der anhaltenden Probleme mit der Brandschutzanlage habe er nun die Reißleine ziehen müssen.

Flughafenchef Schwarz und die Gesellschafter wurden davon nach eigenen Angaben völlig überrascht. Alle versichern, Amann habe ihnen zwischen dem 18. Dezember und dem Schreiben vom 4. Januar keine Hinweise gegeben. Das Schreiben kam ohne Vorwarnung, nicht einmal Aufsichtsratschef Wowereit erhielt einen Anruf. Nachdem Amann seinen Brandbrief abgeschickt hatte, fuhr er nach Frankfurt. Telefonate gab es deshalb auch am Wochenende nicht. Für Montag setzte Wowereit eine Krisensitzung der Gesellschafter an, das Papier sollte so lange vertraulich bleiben.

Amann gilt als Macher, der die Sprache der Bauleute spricht. Ihn verfolgt aber auch der Ruf, im Umgang schwierig zu sein, impulsiv zu agieren und sich zu verzetteln. Mal wird er als Bollertyp bezeichnet, mal als Bulldozer, der andere Meinungen selten akzeptiert.

Im Aufsichtsrat wird nun erwogen, die Führung der Flughafengesellschaft neu aufzustellen. Bislang hat Amann keinen Chef, sondern ist für seinen Bereich eigenständig verantwortlich. Der Nachfolger von Schwarz soll mehr Kompetenzen erhalten. Es wird daran gedacht, einen echten Vorstandsvorsitzenden zu installieren, mit Durchgriffsrecht. Mögliche Nachfolger für Schwarz seien bereits im Gespräch, hieß es in Gesellschafterkreisen. Dass er bei der Aufsichtsratssitzung in der kommenden Woche ernannt wird, sei jedoch unwahrscheinlich.

Amann wurde von den Gesellschaftern beauftragt, sein Papier bis dahin erheblich nachzubessern – mit Vorschlägen, wie die Probleme zu bewältigen sind. Der neue Eröffnungstermin, da sind sich alle einig, bleibt offen. Auf die Frage, wann ein Datum festgelegt werden kann, sagte Amann: „Ich lege mich da nicht fest. Wir müssen die Schritte jetzt in Ruhe und mit Augenmaß machen. Und wir müssen schonungslos die Fakten und die Wahrheit auf den Tisch legen. Das ist der springende Punkt.“