Berlin - Die Briefe vom 15. März und 13. April sind jeweils nur drei Seiten lang. Doch sie enthalten viel Sprengstoff – Einschätzungen, die Flughafen-Chef Rainer Schwarz in die Bredouille bringen. In den Schreiben wies die Unternehmensberatung McKinsey die Flughafen-Geschäftsführung eindringlich darauf hin, welche Risiken die damals noch für den 3. Juni geplante Eröffnung des BER gefährden.

Am Mittwoch spielten die Brandbriefe, die der Berliner Zeitung vorliegen, im Verkehrsausschuss des Bundestags die zentrale Rolle. Schwarz habe es versäumt, den Aufsichtsrat darüber zu informieren, sagte der Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Michael Odenwald (CDU).

Rückstand nicht mehr aufholbar

Der „Director“ und der „Principal“ von McKinsey in Hamburg kamen rasch zur Sache. „Wie in den letzten Wochen und Tagen mehrfach besprochen“, beginnt ihr vertraulicher Brief vom 15. März, „liegen wir insgesamt deutlich hinter unserem Plan für die Inbetriebnahme am 3. Juni 2012 zurück“. Der Zeitverlust von fast vier Monaten sei nicht mehr aufzuholen. Der Baufortschritt am BER sei „nach wie vor wesentlich zu langsam“, die zugesagten Fertigstellungstermine wurden „ausnahmslos nicht erreicht“.

Im April-Brief schreibt McKinsey, dass eine Inbetriebnahme zum 3. Juni als möglich erscheint. Dennoch wäre dies „weiterhin kritisch“. Der Probebetrieb liege weit zurück, der Rückstand sei nicht mehr aufzuholen. „Es bestehen also weiterhin erhebliche und – aufgrund des sehr eingeschränkten Probebetriebs – teilweise noch unvorhersehbare Inbetriebnahmerisiken“. Zwingend erforderlich sei, dass wesentliche Bereiche des Terminals wie zugesagt komplett fertiggestellt werden. Eine detaillierte Liste folgt – so sollten das nördliche Haupt-Pier bereits fertig sein, Teile des südlichen Haupt-Piers am 13. April. Zu den Terminen müsse „ein voller Probebetrieb ohne Einschränkungen möglich sein“.

Haushaltsausschuss entscheidet

Über die Dringlichkeitsliste sei der Aufsichtsrat nicht informiert worden, sagte ein Mitglied des Gremiums. „Weder bei unserer Vorbesprechung am 18. April noch während der Sitzung am 20. April. Wäre dies geschehen, hätten wir nachgefragt.“

Damit steht Aussage gegen Aussage. Denn im Verkehrsausschuss sagte Schwarz, dass der Aufsichtsrat über die Risiken informiert worden sei. Er bekräftigte auch seine Einschätzung, dass McKinsey das erste Schreiben im April relativiert habe. Dies sah Odenwald anders, sagte Stephan Kühn (Grüne). Er habe Schwarz darauf hingewiesen, dass der zweite Brief keine Entwarnung hinsichtlich des BER-Termins gab.

Die Abstimmung über den Antrag der Grünen, den Chef abzulösen, wurde dennoch vertagt – von der CDU/CSU, FDP und SPD. Erst wolle man abwarten, was die Prüfung der Haftungsfragen ergibt. Am 7. Dezember sollen eine Anwaltskanzlei und Wirtschaftsprüfer den Auftrag erhalten, sagte Staatssekretär Rainer Bomba. Eines steht aber jetzt schon fest: Für 2011 erhalte die Geschäftsführung keine Tantiemen.

Am heutigen Donnerstag geht es darum, ob nach Brandenburg auch die beiden anderen Flughafengesellschafter das Geld für die nötige Zusatzfinanzierung des BER locker machen. In Berlin gilt dies als sicher: Das Abgeordnetenhaus will einen Nachtragshaushalt über 444 Millionen Euro beschließen. Der Haushaltsausschuss des Bundestags will ebenfalls entscheiden. Der Bund muss 312 Millionen Euro beisteuern.