BerlinAm Samstag öffnet das erste Terminal des neuen Hauptstadtflughafens. Nach neun Jahren Anspannung, Pleiten und Milliarden von investierten Euro. Für eine erlesene Gästeliste von Vertretern aus „Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien“ ist nach der Rede des Flughafenchefs am Freitag zwar ein Feuerwerk bestellt; gemäß der Liste an Peinlichkeiten, ohne die eine Erwähnung des neuen Flughafens kaum irgendwo auskommt, wird es jedoch keinen öffentlichen Einstand geben.

Anderen ist zu diesem Anlass ohnehin nicht nach Feiern zumute, im Gegenteil. „Wir werden verhindern, dass diese Eröffnung stattfindet“, sagt Lisa Tucnak, Sprecherin der Gruppe „Am Boden bleiben“, die zu einer Blockade der Eröffnung aufgerufen hat. Die Gruppe, die sich seit zwei Jahren gegen den Klimaschädling Flugverkehr einsetzt, hatte vor einem Jahr bereits kreativ gegen den Flughafen protestiert: In digitalen Netzwerken kursierte ein Video, in dem sich die Gruppe zur „Sabotage des BER“ und der verhinderten „Eröffnung eines der klimaschädlichsten Projekte Deutschlands“ „bekannte“.

Im letzten Sommer inszenierten sich die Pinguine als Saboteure des Flughafens. 

Quelle: Facebook

Das Video war satirischer Natur, symbolträchtiger Aktionismus, diesmal meinen es die Klimaschützer ernster: Mit Aktionen des zivilen Ungehorsams wollen sie den Eröffnungsbetrieb „massiv stören“. Ihre Markenzeichen sind, so waren sie auch im „Bekennervideo“ zu sehen, Pinguin-Outfits. Das Motto: „Die coolsten Vögel bleiben am Boden“. Was ein wenig nach Kindergeburtstag klingt, hat ernsthafte Hintergründe.

Laut der Klimaschutzorganisation BUND verschuldet der weltweite Flugverkehr einen Anteil von rund fünf Prozent der globalen Erderwärmung. Den größten Anteil davon verursacht dabei der kleinste Teil der Weltbevölkerung: in einem Bericht der Wochenzeitung Freitag heißt es, nur knapp 20 Prozent der Menschen weltweit fliegen überhaupt in ihrem Leben.

Zwei Demonstrationen plus Blockaden angekündigt

Die Aktivisten von „Am Boden bleiben“ finden, dass der Flugverkehr – auch innerhalb der Klimabewegungen – bisher nicht genug Kritik erfährt. Sprecherin Tucnak jedenfalls kann locker die Liste ihrer Forderungen herunterrattern: Den gesamten Flugverkehr reduzieren. Kerosin besteuern. Geschäftsreisen durch Online-Konferenzen ersetzen. Tourismus im Inland fördern. Urlaub in der Region machen. So weit, so wenig überrascht die Aufzählung – bis der Ruf nach staatlicher Restriktion die Liste abschließt: Inlandsflüge verbieten. Nur „wirklich notwendige Flüge“ solle es zukünftig geben, wie etwa, wenn die Familie im Ausland lebe.

Zur Eröffnung des BER am Sonnabend sind außerdem zwei Demonstrationen unter dem Motto #abgehoben angemeldet. Dazu ruft ein Bündnis der BUND-Jugend, Fridays for Future, Ende Gelände und weiteren Gruppen auf. Eine Fahrraddemo soll um 10 Uhr vom Platz der Luftbrücke zum neuen Flughafen starten. Für Fußgänger ist der Treffpunkt zur selben Uhrzeit am S-Bahnhof des alten Flughafen Schönefeld. Den Pinguinen reicht das Demonstrieren nicht mehr. Trotz der bundes- und weltweiten Klima-Demos im vergangenen Jahr sei das kurz darauf verabschiedete Klimapaket der Bundesregierung „peinlich“ ausgefallen, „die Politik tut weiterhin nichts“, sagt Tucnak.

Deshalb sehe sich die Gruppe gezwungen, zu „drastischeren Mitteln“ zu greifen. Aktionen des Zivilen Ungehorsams haben in der Klimabewegung eine lange Tradition, man denke an die Anti-Atomkraftbewegung, die Widerstände gegen die Rodung des Hambacher Forst für den Kohlekraftriesen RWE im Rheinland und nicht zuletzt die Proteste gegen den Ausbau der A49 in Hessen. Philosophen unterschiedlichster Denkschulen befassen sich seit Jahrhunderten mit der Frage, wann es gerechtfertigt ist, Rechtsnormen zu brechen, um für das Gemeinwohl zu kämpfen und welchen demokratischen Zweck es erfüllen mag, dies zu tun. Kurz gesagt: in welchen Momenten Legitimität über Legalität steht.

In einem Aktionskonsens legen sich die Aktivisten von „Am Boden bleiben“ dabei auf gemeinsame Verhaltensregeln fest: Der bewusste Regelbruch geht einher mit der Aufforderung, sich „ruhig und besonnen“ zu verhalten; blockiert wird mit dem ursprünglichsten aller Protestmittel – den eigenen Körpern. Das Ziel sei nicht, „Infrastruktur zu zerstören oder zu beschädigen“ und richte sich gegen die Luftfahrtindustrie, nicht gegen „Flugbegeisterte, Mitarbeiter oder die Polizei“, wie Sprecherin Tucnak betont.