Es ist ziemlich schwer, Engelbert Lütke Daldrup aus der Ruhe zu bringen. Auch wenn dem Chef der Berliner Flughäfen immer wieder dieselbe Frage gestellt wird, verliert er nicht die Contenance – auch nicht während dieses mittäglichen Interviewtermins. Zu essen gibt es belegte Brötchen, die von einem Termin am Vormittag übrig geblieben sind.

Herr Lütke Daldrup, wann wird der BER eröffnet?

Der BER wird im Oktober 2020 eröffnet.

Diese Frage wird Ihnen immer wieder gestellt. Nervt Sie das?

Nein, nicht wirklich. Ich habe Verständnis dafür, dass kritische Fragen gestellt werden. Schließlich gibt die Geschichte des Projekts BER viel Anlass dafür. So lange die Fragen sachlich gestellt werden, kann ich sie vernünftig beantworten. Häme ist allerdings manchmal nervig.

Wenn ich Sie nachts aus dem Schlaf reißen und fragen würde, wann am BER die ersten Flugzeuge starten – würden Sie dann auch Oktober 2020 sagen? Oder nicht doch etwas anderes, zum Beispiel Oktober 2021?

Die Überzeugung, dass der BER 2020 öffnet, ist fest in mir verankert. Da werden Sie mich auch nicht anders interpretieren können, wenn Sie mich aus dem Schlaf reißen.

Haben Sie nicht den Drang, den Befreiungsschlag zu wagen: Vor 2021 oder 2022 wird es nichts, sorry?

Nein.

Was macht Sie so sicher?

Dass wir die Baustelle im Griff haben und die Probleme kennen, die noch vor uns liegen. Natürlich tauchen immer wieder Schwierigkeiten auf, und immer wieder gibt es Rückschläge zu überwinden. Der BER ist ein Thema, das mich Tag für Tag beschäftigt, fast jeden Tag habe ich intensiv mit diesem Projekt zu tun. In dieser Woche gibt es erneut Gespräche mit wichtigen Firmen, die dort tätig sind, damit klar ist, wo wir stehen, was wir noch erreichen müssen, was wir in den nächsten Wochen vor uns haben. Fest steht, dass wir in diesem Jahr deutliche Fortschritte gemacht haben.

Was meinen Sie damit?

Wir haben einen wichtigen Teil der Prüfungen abgeschlossen oder sind in der letzten Phase. Wir haben nicht mehr vier kritische Gewerke, sondern nur noch zwei Bereiche, die unter besonderer Beobachtung stehen: die Kabeltrassen und die Brandmeldeanlagen. Das ist ein klarer Fortschritt. Wir gehen davon aus, dass wir im Sommer 2019 die Wirk-Prinzip-Prüfung, den letzten Baustein der Prüfprozesse, abarbeiten werden und der Bauaufsichtsbehörde in Königs Wusterhausen im Herbst 2019 die Fertigstellung des BER-Terminals anzeigen können.

Wie sieht Ihre Bilanz für 2018 aus?

Wir haben es geschafft, die Folgen der Air-Berlin-Insolvenz auszugleichen. Obwohl diese Fluggesellschaft ein Drittel unseres Flugverkehrs verantwortete, ist die Zahl der Passagiere ein Jahr später wieder deutlich gestiegen. Wir werden in diesem Jahr fast 35 Millionen Fluggäste haben. Das ist eine große Leistung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unserer Airline-Partner. Neue Strecken wurden eingerichtet, etwa nach Singapur. Wir haben das Interims-Regierungsterminal in Schönefeld pünktlich fertiggestellt und dem Bund übergeben. Wir haben ausgewiesene Experten für unser Unternehmen gewonnen: Patrick Mueller, neuer Chef der Operations, und Carsten Wilmsen, neuer Geschäftsführer für Bau und Technik. Last but not least: Wir haben beim Schallschutz durch die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts und unser Angebot eines Schallschutzfriedens nun eine solide Grundlage für die wenigen Anträge, die jetzt noch zu bearbeiten sind. Dadurch konnten wir Ruhe in die Debatte hineinbringen. Ich bin mit dem Jahr 2018 im Großen und Ganzen zufrieden.

Manches, was Sie sich für 2018 vorgenommen hatten, wurde nicht geschafft. Ursprünglich sollte das Terminal im Sommer 2018 baulich fertig sein, nun ist von Sommer 2019 die Rede. Heißt das nicht, dass sämtliche zeitliche Puffer aufgebraucht sind?

Die Festlegung des Inbetriebnahmetermins baut auf einer sehr umfangreichen Risikoabschätzung auf. Dabei werden natürlich auch zeitliche Puffer eingebaut. Wenn die Wirk-Prinzip-Prüfung der Anlagen im Terminal im Sommer 2019 beginnt, haben wir für die Eröffnung im Oktober 2020 ausreichend Puffer.

Eigentlich galten die Kabeltrassen im BER-Terminal 2016 als saniert. Warum müssen sie ein weiteres Mal überarbeitet werden?

In den Aufsichtsgremien und der Öffentlichkeit wurde damals der Eindruck erweckt, dass die Trassen so saniert worden sind, dass sie dem kritischen Blick der Sachverständigen standhalten werden. Dieser Eindruck war nicht richtig. Die Firma Imtech, die damals in die Insolvenz ging, hat die Arbeiten nicht in einer Qualität ausgeführt, die den strengen Maßstäben des TÜV genügen. Es blieb eine große Zahl von handwerklichen, oft kleinteiligen Mängeln: die falschen Dübel, die nicht korrekte Aufhängung, die falschen Biegeradien, die falsche Mischbelegung. Wir haben es mit zahlreichen technischen Detailthemen zu tun, die jetzt in mühsamster Kleinarbeit beseitigt werden müssen. Wir waren lange nicht zufrieden mit der Geschwindigkeit der Abarbeitung, aber das ist jetzt besser geworden. Die Firma ROM hat erklärt, dass sie im März 2019 fertig werden will.

Glauben Sie ihr?

Ich habe die Ankündigung ausdrücklich begrüßt. Ich bin aber auch ein skeptischer Mensch und weiß, dass man das genau kontrollieren muss. Wir werden sehen, ob das klappt. Ich kann aber sagen, dass das Unternehmen besser unterwegs ist als noch vor einem Dreivierteljahr.

Wie groß ist das Risiko, dass an den Kabeltrassen im Terminal weitere Mängel entdeckt werden?

Wir sind jetzt fast komplett durch mit den Prüfberichten. Wir kennen die Mängel. Insofern gibt es jetzt keine Themen mehr, bei denen wir Überraschungen erwarten.

Der zweite Problembereich, an dem noch gearbeitet wird, sind die Brandmeldeanlagen. Worum geht es dort?

Wir haben es mit fünf großen Anlagen zu tun. Zwei Anlagen haben wir erfolgreich geprüft, sie sind weitestgehend mängelfrei. Bei den drei anderen Anlagen, die sich vor allem in der Mitte des Terminals befinden, sind wir am Start der Prüfprozesse. Die Firma Bosch muss hart arbeiten , um die Anlagen in einen Status zu versetzen, dass sie wirklich geprüft werden können. Denn das setzt voraus, dass sie fertig sind, die Dokumente vorliegen und alle Steuerungen funktionieren. Bei einer Anlage gab es einen Verzug von einem Monat. Dort wird die Prüfung nun erst im Januar 2019 beginnen.

Was steht für 2019 an?

Nach dem Abschluss der Prüfungen steht im Sommer 2019 die Wirk-Prinzip-Prüfung auf der Tagesordnung. Sie dauert 40 Arbeitstage – plus etwas Vor- und Nachlauf. Im Herbst 2019 wollen wir der Bauaufsichtsbehörde die Fertigstellung des BER anzeigen. 2020, nach der Nutzungsfreigabe, schließt sich ein sechsmonatiger Prozess unter dem Stichwort ORAT an – Operational Readiness and Airport Transfer. Dazu gehören Tests mit der Betriebsmannschaft, unseren Systempartnern und am Schluss auch mit Komparsen. Anfangs mit mehreren hundert eigenen Mitarbeitern, die den Flugbetrieb im Terminal erproben, später mit Freiwilligen, die Fluggäste spielen. Bereits jetzt machen sich Mitarbeiter aus Tegel mit den komplizierten Anlagen im BER vertraut. So gesehen sind wir schon seit einigen Monaten in der Betriebsübernahme.

Kann man sich schon als Testperson bewerben?

Zahlreiche Menschen interessieren sich für den neuen Flughafen, wir werden ihnen die Gelegenheit geben, als Komparsen mitzumachen. Es werden sich sicher wieder viele finden, die den BER testen wollen und dabei ihren Spaß haben werden. Doch wie gesagt: Diese Phase beginnt erst 2020, das Bewerbungsverfahren hat noch nicht begonnen.

Kommt es vor, dass sie allein durch das BER-Terminal gehen?

Das kommt sogar öfter vor. Ich erscheine unangemeldet auf der Baustelle. Ich bin auch am Wochenende im Terminal – um nachzuschauen, ob am Wochenende gearbeitet wird, was bestimmte Firmen versprochen haben. Wir haben mittlerweile ein sehr enges Controlling der Baustelle. Auch deshalb kann ich sagen, dass wir die Baustelle im Griff haben. Wir wissen, was im BER passiert.

Ich finde, dass der BER eine ungute Ausstrahlung hat. Sie haben offenbar gute Gefühle, wenn Sie dort sind.

Ja. Es gibt immer wieder interessante Stimmungen am BER, zum Beispiel, wenn abends die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Oder wenn Flugzeuge mit eingeschalteten Landescheinwerfern in Schönefeld zur Landung ansetzen. Ich will es nicht als romantisch bezeichnen, aber das sind besondere Situationen. Ein Flughafen hat eine besondere Faszination, und dieses Gebäude hat eine sehr gediegene, solide Architekturqualität. Viele Menschen empfinden die Holzanmutung der Check-In-Counter und der Wände als angenehm, ich auch.

Bald ist Weihnachten. Rechnen Sie damit, Geschenke zu bekommen, die mit dem BER zu tun haben?

Ich bin gespannt, was da so eingeht.

Haben Sie schon Geschenke bekommen, die in diese Richtung gehen?

Von Kollegen, die sich mit Airport-Themen beschäftigen, habe ich schon das eine oder andere Buch bekommen. Große Infrastrukturen sind Themen, die ja auch fachlich viele interessieren. Da gibt es Debatten, wie wir in Deutschland mit unseren zahlreichen, oft weitgehenden Regeln umgehen sollten. Fachleute beschäftigen sich auch mit der Frage, ob wir in einer überregulierten Gesellschaft leben. Wenn ich zwischen den Jahren Muße habe, will ich mich nicht mit Kabeldetails beschäftigen, sondern mit grundsätzlichen Themen, die mich abseits des Baustellenalltags interessieren – zum Beispiel, wie man Airport Citys entwickelt. Neue multifunktionale Stadtteile an Flughäfen oder neue Formen vernetzter Mobilität sind spannende Herausforderungen.

Zwei Themen interessieren mich noch. Erstens: Wird in Tegel weiter investiert?

Wir haben im neuen Wirtschaftsplan ähnliche Dimensionen vorgesehen wie in den vergangenen Jahren – insgesamt rund zehn Millionen Euro. Tegel muss instand gehalten werden, auf den Flugbetriebsflächen sind Risse zu reparieren. Vor dem Terminal C bauen wir einen Freisitz, wo wir ab Sommer 2020 Fluggästen ein biergartenähnliches Ambiente bieten werden und damit eine angenehmere Situation als heute.

Wird es in Tegel Zufahrtssperren vor den Taxibereichen geben, um Uber und andere Fahrdienste dieser Art draußen zu halten?

Das wird gerade noch verhandelt. Es geht unter anderem noch um vertragliche Regelungen mit unserem Dienstleister, der in Tegel das Parken organisiert.

Das zweite Thema: Die BVG untersucht im Auftrag des Senats, ob es machbar wäre, die Linie U7 zum BER zu verlängern. Halten Sie eine solche Strecke für sinnvoll?

Wir würden eine solche zusätzliche Verbindung begrüßen, und wir fänden es gut, wenn sich die Länder Berlin und Brandenburg zu dieser Investition entschließen könnten. Das würde den BER noch besser anbinden und auch der Airport City einen weiteren Entwicklungsimpuls geben. Natürlich sprechen wir mit der BVG, die das gerade untersucht. Die Trasse könnte den Bahnhof Berlin-Schönefeld Flughafen kreuzen, dann zur Autobahn schwenken und entlang der Zufahrtsstraße zum BER schließlich zu den Terminals führen. Eine aufgeständerte oberirdische Trasse ist eine mögliche Lösung.

Auf dem Weihnachtsrummel in Lichtenberg wird der BER veräppelt. Im „Chaos Airport“, einer Art Irrgarten, werden Besucher mit falsch verlegten Kabeln und einer defekten Entrauchungsanlage konfrontiert. Wie finden Sie diese Art von Werbung?

Ich bin nicht da gewesen. Wir sind in einem freien Land. Jeder, hat das Recht, sich mit den Themen, die die Öffentlichkeit interessieren, auch kritisch zu beschäftigen. Da darf man sich als BER-Verantwortlicher nicht beklagen mit unserer Geschichte. Es zählt nur eins: fertig bauen, eröffnen – und dann wird auch die Öffentlichkeit sehen, dass wir einen schönen Flughafen haben.

Werden Sie die Eröffnung des BER als Flughafenchef erleben?

Da mein Vertrag bis Frühjahr 2021 verlängert worden ist und der Flughafen im Oktober 2020 eröffnet wird, spricht einiges dafür.