Der Wunschzettel wurde immer länger. Mal sollte der Südflügel des neuen Schönefelder Flughafens größer werden als anfangs geplant, mal wurden die Pläne für die Raumaufteilung umfassend verändert. Dann kam die Forderung, dass Fluggastbrücken nicht ein-, sondern doppelstöckig ausfallen – was weitere Umplanungen erforderte.

Das sind nur drei Beispiele für die vielen Änderungswünsche, mit denen die Flughafengesellschaft FBS die Planungsgemeinschaft pg bbi auf Trab hielt. Für die Unternehmensberatung Ernst & Young waren dies gravierende „Projektstörungen“, mit denen die FBS dazu beitrug, dass Eröffnungstermine platzten. Jetzt ist ihr Gutachten im Internet zu lesen.

Das ist Katrin Arendt von der Friedrichshagener Bürgerinitiative zu verdanken. Sie hat es geschafft, dass ihr das Bundesverkehrsministerium Akteneinsicht gewährte – jedoch erst nach monatelangen Forderungen. „Wir veröffentlichen dieses Gutachten, weil sein Inhalt ein treffsicherer Beitrag für die Klärung der Schuldfrage am BER-Desaster ist“, teilte die Bürgerinitiative Neue Aktion mit (www.ber-na.de).

Der Inhalt ist brisant, der Titel eher lakonisch: „Sachverhaltsdarstellung zu Störungen des Projektablaufes und deren Auswirkungen“. Es gibt mehrere Fassungen, von denen eine dem Untersuchungsausschuss BER vorliegt. Die Version im Internet stammt vom 27. April 2012 – kurz darauf wurde die für Juni angekündigte BER-Eröffnung abgesagt. Das Gutachten für die Planungsgemeinschaft, an der die Architekturbüros von Gerkan, Marg und Partner sowie J.S.K. beteiligt waren, entstand also in einer spannenden Phase.

Mehr Arbeit in derselben Zeit

Der zentrale Vorwurf findet sich gleich auf Seite 4: „Die Projektabwicklung stand seit Herbst 2007 unter dem Einfluss von zahlreichen, zum Teil massiven Störungen insbesondere aus dem Verantwortungsbereich der FBS.“ Sie habe den Leistungsumfang immer wieder durch zusätzliche Aufträge stark erweitert – ohne dass zum Ausgleich Fristen angepasst wurden.

Ein Beispiel: So legte die FBS 2007 fest, dass das Terminal anders als bislang vorgesehen auch zwei Gebäudeflügel, den Pier Nord und den Pier Süd, erhalten sollte – doch der damals vorgesehene Eröffnungstermin 31. Oktober 2011 blieb unverändert. Auch als die Flughafengesellschaft ebenfalls 2007 die Modalitäten für Auftragsvergaben änderte, wurde dieser Termin nicht verschoben.

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Dabei seien die „Risiken für den fristgerechte Realisierung des Projektes deutlich gestiegen“. Denn für die Planungsgemeinschaft bedeutete dies viel Mehrarbeit. Bisher hieß es, dass sie mit vier oder fünf Bietern Vergabegespräche führen soll – nun mit rund 30, später sogar mit 100. Anstelle eines Generalunternehmers mussten sieben, später 35 Baufirmen überwacht werden.

2008 bis 2010 seien immer weitere Störungen ins Projekt hineingetragen – vor allem in Form von Änderungswünschen für das Terminal. Sie führten zu „massiven Eingriffen in die bestehende Planung und erforderten sogar neue Baugenehmigungen“, so Ernst & Young. Zugleich brauchte die FBS immer länger, um Entscheidungen zu fällen – zuletzt 100 bis 130 Tage. Am 25. Juni 2010 entschied der Aufsichtsrat, die Eröffnung des BER auf den 3. Juni 2012 zu verschieben – woraus ebenfalls nichts wurde. Aber das wird wohl Thema anderer Gutachten sein.