Berlin - Die Erwartungen waren groß. Vor einem Jahr nahm der Untersuchungsausschuss BER, der das Flughafendesaster aufklären soll, seine Arbeit auf. Doch inzwischen ist es still um ihn geworden, das Interesse hat nachgelassen. Jutta Matuschek, die für die Linksfraktion in dem Gremium sitzt, zieht eine Bilanz.

Am heutigen Freitag tagt der Untersuchungsausschuss zum 16. Mal. Gehen Sie noch mit demselben Elan dorthin wie zu Beginn?

Ja, immer noch.

Das kann ich nicht glauben.

Doch, es stimmt. Schließlich sind wir mit unserer Arbeit noch lange nicht fertig. Wir haben die Verantwortung für das BER-Desaster immer noch nicht aufgeklärt und wir müssen weiterhin aufdecken, was schief ging bei der Steuerung dieses großen Projektes.

Fast immer ist es so: Entweder sagen die Zeugen, sie hätten nichts von Problemen gehört, oder sie schieben die Verantwortung auf andere. Finden Sie es nicht ermüdend, sich das stundenlang anhören zu müssen?

Nein. Etwas anderes hat mich mehr ermüdet: dass wir uns so lang mit der Ur- und Frühgeschichte des Flughafenprojekts befasst haben, mit der Standortfrage oder mit anderen Themen aus den neunziger Jahren. Der Ausschuss hätte sich darauf konzentrieren müssen, den Bau und dessen Finanzierung, die Strukturen und Abläufe zu untersuchen und festzustellen, warum dieses Projekt so danebengegangen ist.

Geht die Arbeit des Ausschusses nicht auch deshalb nur langsam voran, weil Sie und die anderen Fraktionen so viele Zeugen geladen haben?

In der Tat gibt es eine lange Liste von Zeugen, pro Sitzung werden maximal zwei angehört. Doch unserer Fraktion ging es anders als den Grünen und den Piraten nicht um die Frühzeit des Flughafenprojekts. Ich habe auch nicht verstanden, warum auf Wunsch der CDU Hans-Olaf Henkel oder Eberhard Diepgen, der ebenfalls keine Rolle mehr spielt, geladen wurden.

Wir haben uns bei der Auswahl der Zeugen auf die wesentlichen Themen konzentriert: die Finanzen, die Verantwortung der Gesellschafter Bund, Berlin und Brandenburg, der Flughafen- Geschäftsführung sowie der beteiligten Firmen. Ein Jahr nach der ersten Sitzung müssen wir allerdings feststellen, dass bislang weder jemand aus dem Management noch von den Firmen geladen worden ist. Das halte ich für ein großes Manko.

Wie sieht Ihre sonstige Bilanz aus?

Bilanz würde ich das noch nicht nennen. Aber ich habe einige Ansatzpunkte gefunden, wo es falsche Weichenstellungen gegeben hat. So war es aus meiner Sicht fatal, dass die Flughafengesellschaft keine Struktur aufgebaut hat, um die Bauunternehmen zu koordinieren und das Projekt zu steuern. Es gab faktisch keine Kontrolle. Der Projektsteuerer, den es heute noch gibt, steuerte nicht, sondern schrieb vor allem Berichte für den Aufsichtsrat, deren Formulierungen von der Geschäftsführung abgeschwächt wurden. Oft kamen die Berichte bei den Sitzungen des Aufsichtsrats erst in der fünften Stunde dran, da wird die Konzentration der Mitglieder nicht mehr die Größte gewesen sein.

Wer ist schuld an dem Desaster?

Die ehemaligen Flughafen-Geschäftsführer Rainer Schwarz und Manfred Körtgen haben daran ihren Anteil. Natürlich auch Klaus Wowereit, lange Zeit Vorsitzender des Aufsichtsrats. Allerdings können sich die anderen Aufsichtsräte nicht hinter ihm verstecken. Spätestens 2011 hätte allen klar sein müssen, dass da was schief läuft, in jeder Aufsichtsratssitzung musste Geld nachgeschossen werden. Alarmzeichen wurden nicht erkannt.

Auch bei Ihnen stapeln sich die Akten. Haben Sie wirklich alle gelesen?

Es gibt 1 300 Aktenordner, dann noch eine Menge Unterlagen in digitaler Form und im Datenraum. Nein, ich habe nicht alle gelesen, weil ich das in vielen Fällen nicht für nötig halte. Wir haben zum Beispiel alle Presseerklärungen der Flughafengesellschaft seit 1991 bekommen. Die brauchen wir auch nicht. Manchmal raufe ich mir die Haare, weil sich der Untersuchungsausschuss zu oft selbst im Wege ist. Er hat zu viel Material angefordert, er hat zu viele Nebenschauplätze eröffnet. Das Thema BER ist komplex, aber wir sind keine Projektsteuerer, und wir sind keine Baufachleute.

Wie lange wird der Untersuchungsausschuss noch brauchen?

Ich befürchte, dass wir mindestens noch so lange tagen werden, wie die BER-Fertigstellung dauert.

Wann wird der BER denn fertig?

Ich kann keinen Eröffnungstermin nennen, weil es keinen gibt. Ich hoffe, dass dort in dieser Legislaturperiode das erste Flugzeug abheben wird – also spätestens 2016.

Der Ausschussvorsitzende Martin Delius (Piraten) meint, dass der BER in Schönefeld niemals eröffnet wird.

Das kann ich einfach nicht glauben, eine solche Blamage wäre den Steuerzahlern nicht zu vermitteln. Es wäre keine Lösung und kostete noch sehr viel mehr Geld. Anders als Herr Delius glaubt, wird es nirgendwo sonst mehr einen Flughafenneubau geben, auch in Sperenberg nicht. Ein solches Projekt wäre nicht mehr durchsetzbar.

Glauben Sie, dass sich 2015 oder 2016 noch jemand für den Bericht des Ausschusses interessieren wird?

Das ist ja ohnehin vor allem etwas für Bücherwürmer. Aber Scherz beiseite: Ich glaube schon, dass wir Empfehlungen geben können, wie sich die öffentliche Hand organisieren sollte, wenn sie wieder ein Großprojekt in Angriff nimmt. Wenn uns das gelänge, dann hätte der Untersuchungsausschuss etwas Gutes zuwege gebracht.

Das Interview führte Peter Neumann.