Bilanz einer Wohnungssuche in Berlin: „Mieten wie in London, Löhne wie in Dresden“

Paul Krämer, 27, Politikberater, sucht seit zwei Jahren. Vor der Depression schützt ihn nur noch ein Schritt. Berlin und die Wohnungsnot – unsere Serie.

Paul Krämer, 27, am S-Bahnhof Halensee. Krämer findet in Berlin einfach keine Wohnung.
Paul Krämer, 27, am S-Bahnhof Halensee. Krämer findet in Berlin einfach keine Wohnung.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Nach einem zehnstündigen Arbeitstag geht es weder ins Fitnessstudio noch auf das Date, das Paul Krämer* eigentlich für den Feierabend geplant hatte. Auch seine Freunde, die im Osten der Stadt leben, für ihn das andere Ende Berlins, kann er am Tag darauf nicht besuchen. Eben hat er nämlich über sein E-Mail-Postfach zwei Termine Wohnungsbesichtigungen bekommen. Mittwoch, 18 Uhr, in Pankow, Vinetastraße, Donnerstag zur selben Uhrzeit in Wedding, Transvaalstraße.

Für die Besichtigungen hat er „tonnenweise Papierkram“ organisiert, wie er sagt: Selbstauskunft über die eigene Person, die unterschriebene Datenschutzverordnung, Schufa, Arbeitsvertrag, Kontoauszüge der vergangenen drei Monate und Versicherungsnachweise. Krämer hat längst aufgehört zu zählen, wie viele Wohnungen er schon besichtigt und nicht bekommen hat. Der 27-Jährige weiß, dass er auch die Wohnungen in Pankow und Wedding nicht bekommen wird. Als Grund vermutet er: fehlendes Vitamin B.

„In Berlin brauchst du Connections, um an eine preislich faire, gute Wohnung zu kommen“, sagt er. All seine Freunde und Kollegen haben so in der Stadt ihre Unterkünfte gefunden. „Ich kenne keinen Fall, bei dem es über Immoscout24 funktioniert hat, immer war es eine Freundin da, ein Kollege über zwei Ecken dort.“ Während er redet, zeigt Krämer auf seinem Handy die Nachrichtenverläufe auf Wohnungssuchportalen mit Vermietern an.

Berliner Zeitung/Uroš Pajović

Eine Suche voller Enttäuschungen

In acht von zehn Fällen bekommt er gar keine Antwort, Inserate werden ein paar Tage nach Krämers Anfrage als „deaktiviert“ gemeldet. Wenn er doch eine Antwort bekommt, beginnt sie stets mit einem „Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen“. Er schließt seine Wohnungssuch-App und sagt: „Es ist einfacher einen Platz an einer der prestigeträchtigsten Universitäten der Welt zu bekommen, als eine Wohnung innerhalb des S-Bahn-Rings.“

Einmal ist er fast auf eine Betrugsmasche reingefallen, erzählt er. Eine „perfekte Wohnung“ in der Weserstraße im hippen Nord-Neukölln schien frei zu sein. Die Vermieterin wirkte nett, schrieb Krämer, dass er die Wohnung gern sofort haben könne, auch wenn es fünf weitere Interessenten gebe. „Da ich jedoch in den Niederlanden auf einer Dienstreise bin, wäre es mir lieber wir könnten auf WhatsApp schreiben“, schrieb die Person. Das machte Krämer stutzig.

Krämer wagte es trotzdem, auf WhatsApp weiterzuschreiben. Die Wohnung klang einfach zu gut. Er könne sich an der Adresse die Schlüssel abholen, nachdem er die Kaution in Höhe von 800 Euro überwiesen habe, wurde ihm mitgeteilt. Genauso läuft es in vielen Betrugsfällen, über die sich Berliner auf Wohnungssuche in diversen Facebook-Gruppen austauschen. Krämer antwortete nicht mehr, wurde von der Vermieterin blockiert, das Angebot verschwand binnen weniger Stunden.

Nicht nur die Tür eines Cafés am Kudamm bleibt für Krämer verschlossen.
Nicht nur die Tür eines Cafés am Kudamm bleibt für Krämer verschlossen.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Paul Krämer ist nicht mittellos. Seit zwei Jahren ist er in der Politikberatungsbranche tätig, reist dienstlich viel um die Welt. Nach London, Brüssel, vor dem Krieg auch Moskau, Athen. Er schreibt Strategiepapiere, berät Unternehmen, hält Präsentationen vor Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft und sitzt im Anschluss mit ihnen am Kurfürstendamm beim Mittagessen. Ein beschäftigter junger Mann, dem seine berufliche Laufbahn sehr wichtig ist. Aber eine eigene Wohnung in Berlin findet er trotzdem einfach nicht.

Serie: Wohn-Wahnsinn Berlin
Die Lage auf dem Wohnungsmarkt der Stadt ist mehr als angespannt. Politiker aller Parteien sprechen vom größten Problem, das Berlin zu lösen hat. Doch wie ergeht es denen, die mittendrin stecken, weil sie umziehen müssen oder nach Berlin kommen wollen?
Wir treffen Menschen, die mit oder ohne WBS suchen, die ins Umland fliehen, weil sie in Berlin nichts finden oder die mit der Familie in zu kleinen Wohnungen ausharren. Und lassen die Glücklichen erzählen, die eine neue Wohnung aufgetan haben: Welche Tipps und Tricks haben wirklich geholfen?
Wenn auch Sie uns Ihre Wohnungssuche schildern wollen, können Sie uns gerne schreiben.
Kontakt: leser-blz@berlinerverlag.com

Seit zwei Jahren arbeitet der Politikberater in Berlin. Er wohnt in einer Charlottenburger Zweck-WG mit einem Inder und einer Italienerin. Er habe sehr wenig mit den anderen zu tun, sagt er, jeder verfolge seinen Alltag, jeder habe seine eigenen Hobbys. Besonders die Erwartungen an Ordnung und Sauberkeit könnten unterschiedlicher nicht sein, das Unbehagen darüber merkt man Paul Krämer deutlich an. „Nach dem Duschen liegen Haare in der Wanne, die Küche ist nicht aufgeräumt, nachdem mein Mitbewohner gekocht hat. Die Toilette wird monatelang von den anderen geputzt“, sagt er. Es ist Krämer sogar peinlich, Gäste zu empfangen, auch wenn er zu diesem Anlass alles blitzblank geputzt hat. Die Wohnung sehe schnell wieder unordentlich aus. Ein Zu- Hause-Gefühl hat er auch nach über zwei Jahren noch nicht. Dafür zahlt er dann 600 Euro für 20 Quadratmeter.

In dieser Gegend liegt die WG, in der Paul Krämer es nicht mehr aushält.
In dieser Gegend liegt die WG, in der Paul Krämer es nicht mehr aushält.Sebastian Wells/OSTKREUZ

Nach seinem Umzug nach Berlin war Krämer überglücklich gewesen, das WG-Casting überhaupt überstanden zu haben, er setzte sich gegen zwei Dutzend Mitbewerber durch. „Man nimmt, was man bekommt“ war seine Devise damals. Die Lage der Wohnung war gut. Inzwischen will er nur noch weg. Zum Ärger über die Unordnung kommt der Mangel an Privatsphäre. 

Paul Krämers Ursachenforschung

Er habe aber leider keine Zeit, intensiv auf Wohnungssuche zu gehen, da er mehr als 40 Stunden in der Woche arbeite. „Und am Wochenende muss ich mich auch um mein Privatleben kümmern.“ Seine Freunde sagen ihm schon, dass man ihm anmerke, wie gestresst er ist, wie wenig Zeit er habe. Die Wohnungssuche lenkt ihn von seiner Arbeit ab, Freunde und Familie werden vernachlässigt, Krämer empfindet ständig Druck, sagt er. Nicht selten hege er den Gedanken, Berlin zu verlassen. „Man könnte fast depressiv werden, bei all dem Wohnungsstress“, sagt er. Sein lukrativer und interessanter Job hält ihn jedoch in der Hauptstadt, sagt er bei einem Gespräch im Sommer.

Paul Krämer hat in den Business-Vierteln von London oder Moskau gelebt. In WGs oder im Studentenwohnheim. Die Wohnungssuche in anderen Metropolen Europas sei deutlich unbürokratischer als in Berlin, erzählt er. „In London wollte man keine drei Lohnabrechnungen oder all diesen Papierkram, es gab nicht so viele Kriterien, die man erfüllen musste, um überhaupt infrage zu kommen“, sagt er. In der britischen oder russischen Hauptstadt habe er nur eine Woche benötigt, um eine passende Unterkunft zu finden, in Wien dauerte es gar nur zwei Tage.

Nun aber will er endlich in seine erste eigene Wohnung ziehen. Er ist längst kein Student mehr. Während er Kontakte ins politische Berlin hat, fehlen ihm eben die Connections, um eine Wohnung innerhalb des S-Bahn-Rings zu ergattern. Er würde gern zentral wohnen, weil er im Zentrum der Stadt arbeitet.

Aber ist das überhaupt noch möglich? Ohne Fantasiepreise zu zahlen? „Ich beobachte den Trend, dass zugezogene Expats aus den USA oder Asien teilweise 1500 bis 2000 Euro für Bruchbuden bezahlen, oftmals ohne Anmeldung.“ So was lasse er nicht mit sich machen.

In der Tat finden sich mehr Wohnungs- und Zimmerangebote in Facebook-Gruppen von Expats als auf den klassischen Suchportalen: Eine Ein-Zimmer-Wohnung in Spandau für 1000 Euro oder eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Reinickendorf für 1400 Euro warm.

Wann erfüllt sich Krämers Wunsch nach einer eigenen Wohnung in Berlin?
Wann erfüllt sich Krämers Wunsch nach einer eigenen Wohnung in Berlin?Sebastian Wells/OSTKREUZ

Krämer wäre auch bereit, in einen Randbezirk zu ziehen, sorgt sich aber um die Verlässlichkeit des Nahverkehrs. „Ich bin fünf Monate zwischen Potsdam und Charlottenburg gependelt und das war der pure ÖPNV-Stress für mich.. Er erzählt, dass die Regionalzüge häufig verspätet waren oder einfach ausgefallen sind. Krämer musste Meetings und Termine verschieben, nahm oft Züge, die ihn eine Stunde vor Dienstbeginn zur Arbeit brachten. Alles in allem eine Pendelerfahrung, die er nicht noch mal erleben möchte.

Warum und weshalb will es für ihn in Berlin nicht klappen? Darüber denkt Krämer seit Monaten nach. Die Stadt habe seiner Ansicht nach zu wenige Wohnungen und es kämen immer mehr „digitale Nomaden“, Menschen, die woanders sehr viel Geld verdienen, aber überall leben können, und die ihm den Wohnraum nehmen. Paul Krämer verdient etwa 4000 Euro brutto. Das reiche kaum noch, um eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Berlin zu mieten. „Mieten wie in London, Löhne wie in Dresden“ ist sein Fazit über den Berliner Wohnungsmarkt.

Ungewollt zurück zu den Wurzeln

Im Herbst, bei einem weiteren Gespräch, erzählt Paul Krämer, dass die „Sehnsucht nach einem Heimathafen“ bei ihm immer größer geworden sei. Er sei deshalb zu seinem Chef gegangen und habe ihn gefragt, ob er vorübergehend auch im Büro des Unternehmens in Frankfurt am Main arbeiten könne.

Krämer ist am Main aufgewachsen und könnte zurück zu seiner Mutter ziehen, die in einem Außenbezirk von Frankfurt lebt. Dort würde er sich für drei bis vier Wochen im Wohnzimmer einnisten, sagt er, in seinem ehemaligen Kinderzimmer lebt inzwischen seine jüngere Schwester. Die Lebensqualität sei eine gänzlich andere als in der WG am Kudamm. Seinen Fokuspunkt Berlin, wo ein Großteil seiner Freunde lebt, würde er dafür aufgeben.

Das „Hotel Mama“ in Frankfurt wäre nur auf Zeit, hofft er, nur ein Übergang. Er könnte etwas Geld sparen, seine Nerven rehabilitieren und vielleicht seine Sinne für einen neuen Anlauf schärfen. „Alle müssen schauen, wo sie über den Winter bleiben“, sagt er. Er denke dabei an vieles, besonders an die Inflation und die steigenden Strom- und Gaspreise. Sein Chef hat zugestimmt. Paul Krämer sagt, er plane kurz vor Weihnachten wieder nach Berlin zu kommen. Er hat nur einen Weihnachtswunsch.

*Name geändert

Haben Sie Feedback? Schreiben Sie uns! briefe@berliner-zeitung.de