Kürzlich mal wieder im Club gewesen? Nein? Aktuell kann es einem niemand verübeln. Obwohl die Schlangen lang sind und die Türsteher hart, ist das Ausgehen nach der Pandemie noch weit davon entfernt, sich wieder normal anzufühlen. Hier die fünf Faktoren, die uns derzeit einen entspannten Abend mit Tanzen und Trinken in großer Gesellschaft verleiden.

1. Corona

Irgendwie ist wieder Herbst, gefühlt herrscht schon Herbstblues, läuft das Leben in Moll, als wären alle inneren Uhren und Sender verstellt. Dabei ist noch nicht einmal Sommer. Früher, also vor einer Ewigkeit von fast drei Jahren, war der Herbst eine willkommene Abkühlung der Köpfe und Herzen. Berlin kam etwas zur Ruhe, die Berliner zu sich selbst, man legte die Festivalerinnerungen auf Wiedervorlage und verstaute die neuesten Errungenschaften der Seebadeindustrie im Keller.

Heute ist der Herbst eine Drohung. Denn im Herbst, haben wir schmerzlich gelernt, kehrt das Virus zurück, ist Corona wieder die Königin des Schreckens. Man will das doch gar nicht mehr hören, will sich nicht mehr fragen: Zwischen welchen Wellen treiben wir noch mal? Vor was warnt Karl Lauterbach zurzeit? Wie hoch sind eigentlich die aktuellen Inzidenzen? Haben wir das griechische Virusvariantenalphabet schon aufgebraucht? Und reicht mein persönlicher Impfstatus, wenn die Aerosole wieder durch die Luft schießen?

Weghören, wegschauen, das sind teils wirksame Verdrängungsmechanismen. Man kann dabei gleichgültig werden, zynisch oder einfach nur müde, lustlos – und dann fragt doch plötzlich jemand: Wollen wir mal wieder? Wir waren doch schon so lange nicht mehr?

Das Ausgehen ist nicht mehr so ausgelassen wie früher, zumindest, so mein Eindruck, bei den Leuten ab dreißig aufwärts. Wer tanzt schon freiwillig zu Herbstblues? Die Gründe, nicht in den Club zu gehen, überlagern sich wie tektonische Platten, und dabei gehen erst mal viele Dinge kaputt, bevor neue entstehen können. Die Vernunft stellt sich der Vorfreude in den Weg wie der härteste Türsteher der Stadt. Komme ich vorbei, kann ich rein? Will ich es überhaupt? Paul Linke


2. Inflation

Der Sommer rückt näher. Nein, ich korrigiere: Eigentlich ist er schon längst da, er begann eigentlich mit dem Tag im April, als die meisten Corona-Maßnahmen fielen. Endlich konnten wir wieder feiern gehen. Schnell merkten wir aber, dass wir nicht da anknüpfen können, wo wir vor der Pandemie aufgehört hatten. Die Pandemie und der Krieg in der Ukraine haben ihre Spuren auch bei den Eintrittspreisen hinterlassen.

Ältere Berliner erinnern sich an Preise zwischen 5 und 15 Euro für einen Clubabend. Inzwischen kostet der Eintritt ins Berghain zum Beispiel 22 Euro, auch andere Clubs betritt man nur, nachdem man mindestens 15 Euro bezahlt hat. Umso begehrter sind die Gästelistenplätze. Denn als ich neulich für einen Clubabend 40 Euro zahlen sollte, musste ich einsehen, dass ich es mir einfach nicht leisten kann derzeit.

Kürzlich fiel mir auf: Die erste Hälfte des Jahres ist rum, und ich war nur zweimal im Club. 40 Euro für einen Wocheneinkauf bei Aldi oder ein verlängertes Wochenende voller Realitätsverlust in einem Club? Ich entschied mich für Aldi. Außerdem konnte ich letztes Jahr eine Menge Geld sparen, weil ich keinen Tropfen Alkohol konsumierte, da mir durch die vielen Lockdown-Maßnahmen die Lust am Rausch gänzlich vergangen war. Ich hatte diese Maßnahme für mich beschlossen, nachdem ich mir zum ersten Mal in meinem Leben Geld von Freunden leihen musste – für Cocktails.

Zum Glück haben wir etwas in der Pandemie in Berlin gelernt, das auch in der Zeit nie richtig aufgehört hat: die Raves in der Hasenheide und im Mauerpark. Wir finden eben neue Orte, an denen wir sitzen, tanzen und trinken können. Wie in einem Club. Nur ohne Eintritt. David Vilentchik


3. Spike-Attacken

In Berlin werden derzeit in den Klubs immer mehr junge Frauen mit einer kleinen Nadel meist im Gedränge der Tanzfläche unter Drogen gesetzt. Zuerst geschah es im Berghain. Der Club versucht genau wie die Clubcommission, möglichst keine Panik aufkommen zu lassen. Und richtig, bisher sind es auch Einzelfälle, die meist nicht medizinisch bestätigt wurden.

Neulich war ich wieder in einem Club, und es traf wieder eine junge Frau: In einem auf Instagram häufig geteilten Post beschreibt sie, wie sich ihr ein Mann mit einem Verband an der Hand näherte, dann ihre Hand küsste und ihr die verbundene Hand auf den Bauch legte. In dem Verband muss sich die Nadel befunden haben, mit der er sie „spikete“. Die Frau schaffte es nach eigenen Angaben zwar noch zu den Türstehern, gefunden werden konnte der Täter allerdings wohl nicht. Es machte Angst, ihren Bericht am nächsten Morgen zu lesen. Auch ich war mit Freundinnen unterwegs. Es hätte genauso gut sie treffen können.

Das geschah in der Nacht von Sonntag auf Montag, zu einem Zeitpunkt, zu dem die Party schon seit 24 Stunden lief, viele also nicht mehr in einem Zustand waren, auf einen solchen Vorfall und eine mögliche anschließende Überdosis GHB oder Ketamin zu reagieren. Der Täter spielte mit dem Leben des Opfers – und die Clubs spielen mit ihrem Ruf. Denn trotz der sich häufenden Spritzenattacken auf junge Frauen gibt es wenig Meldungen, die einem Besucher wieder Sicherheit geben. An jenem Abend war lediglich ein Spruch auf den Eintrittsbändchen neu aufgedruckt. Da stand: „Passt auf eure Drinks und aufeinander auf“. Sollten wir das nicht immer tun? Friedrich Conradi


4. Po-Grabscher

Die Augenlieder auf Halbmast stampfe ich zum gleichbleibenden Beat. Die hohe Decke ist außerhalb meines Sichtfelds, die Körper um mich herum wiegen teils im Gleichschritt, teils winden sie sich auf Abwegen durch die Masse. Nirgendwo kann ich so befreit tanzen wie im Berghain. Doch ich weiß nicht, ob es das nächste Mal wieder so sein kann. Es war dunkel genug und der Club war schwul genug, um mich sicher und frei zu fühlen. Bis zu diesem Augenblick.

Beim Gang zurück auf die Tanzfläche spürte ich ein paar Fingerspitzen am Po, sie griffen fest zu und ließen dann los. Als ich mich umdrehte, sah ich einen schweißgebadeten Glatzkopf, das Gesicht war zur Seite gedreht, eine Ader pochte an der Schläfe, die weit aufgerissenen Augen blieben stur an mir vorbeigerichtet. „Hey“ schrie ich gegen das Dröhnen der Boxen an. Doch er war schon weitergelaufen und beachtete mich nicht.

Ich nahm mir vor: Der Typ würde mir nicht den Abend verderben. Ein paar Minuten später schlang sich plötzlich ein Arm um meine Hüfte. Ich fuhr herum und stieß die Hand weg. „Sorry, sorry“, sagte ein kleiner Mann mit langem, welligem Haar. Ein paar Minuten später lag seine Hand wieder auf meiner Hüfte. „Hau ab!“, schrie ich ihn an. Er entschuldigte sich wieder, ich schrie ihn an – und ging.

Wahrscheinlich wäre das der Moment gewesen, in dem ich dann doch die Türsteher hätte informieren müssen. Wenn so jemand nicht gestoppt wird, wer weiß, wie viele Frauen er noch anfasst? Bis zum nächsten Tag verfolgten mich Gedanken, was ich hätte tun können: Ihn zur Garderobe locken? Mit dem Personal auf die Suche gehen? Ich habe beschlossen: Beim nächsten Mal hat das Grabschen nicht mehr für meinen Abend Konsequenzen, sondern für den Grabscher. Maria Häußler


5. Affenpocken

Früher haben Grubenarbeiter, die im Bergwerk arbeiten, Kanarienvögel in die Grube mitgenommen. Die Vögel reagieren auf die geringste Luftveränderung sehr viel empfindlicher als Menschen und machten sich laut bemerkbar. Auf diese Art konnten schon viele Leben von Bergarbeitern gerettet werden.

Derzeit wird viel davon gesprochen, dass die Affenpocken vor allem in einer Community vorkommen: bei Männern, die regelmäßig Sex mit Männern haben (kurz: MSM). Von 100 Menschen, die derzeit mit Affenpocken diagnostiziert wurden, sind 99 Männer, die meisten aus dieser Community. Infektologen weisen zu Recht darauf hin, dass MSM eben wie Kanarienvögel in der Grube seien: Sie werden besonders häufig getestet, weil sie sich ohnehin einem hohen Risiko aussetzen.

Trotzdem habe ich im Freundeskreis mehrere, die sich für die kommenden Wochen und Monate erst einmal abgemeldet haben von nächtlichen Clubabenden. Es ist einfach nicht toll, wegen eines Clubabends schon wieder für zwei bis drei Wochen in Isolation zu gehen. Hinzu kommt, dass die Krankheit eben doch mit einem Stigma belegt ist.

Egal ob Mann oder Frau: Wer seinen Kollegen die Diagnose Affenpocken mitteilt, kann sich auf ein paar Kommentare vorbereiten. Affenpocken ist zwar weder ein Todesurteil noch ein lebenslanger Fluch, aber nach zwei Jahren Pandemie auch nicht die Welle, auf die irgendjemand aufspringen will. Passen Sie alle gut auf. Und gehen Sie mal wieder feiern! Sören Kittel