Woran denkt man bei dieser nackten Dame mit Fächer, Marmor-Engel-und Putto-Szene? An eine schön-bizarre Mode-Performance mit Sepulkral-Kulisse? An den Fellini-Film „La dolce vita“ von 1960, wo die einer antiken Göttin gleichende Anita Ekberg in den römischen Trevi-Brunnen steigt? Oder ist dies eher ein schein-nekrologisches Ritual auf dem Friedhof, surrealistisch-absurd, allegorisch verweisend auf das alltägliche Geschäft mit dem Tod und die Wiederholungen der Aktionen in Zeitschleifen, damit Sinnbild für die Endlichkeit des Menschen? Aber wenn schon sterben, dann in Schönheit!

Könnte alles stimmen – und auch wieder nicht. Denn es geht hier so eindeutig wie zweideutig um die künstlerische, wohl zugleich philosophische Idee einer symbolischen Transformation: Werden, Vergehen, Neuentstehen.

Der Fotograf Sven Marquardt, Jahrgang 1962, dieser etwas andere Menschenfotograf aus dem Berliner Osten, hat mit seiner Schwarz-Weiß-Langzeitserie „Zukünftig vergangen“ schon in den 1980er Jahren angefangen. Und er setzt diese schöne, bizarre, fein-spöttische Verstörung fort bis heute, was diese beiden Aufnahmen sinnfällig erzählen: Der gefallene Engel in Strapsen und die androgyne, vermummte Fackelträger-Gestalt im Abrisshaus. Es geht um Inszenierung – und dabei immer um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gleichsam verschmelzen.

Bilder aus 30 Jahren

Im Kunstraum des Potsdamer Waschhaus-Areals sind jetzt Marquardts Großfotos aus fast 30 Jahren zu sehen: Szenige, freakige, opulente, abgründige, sinnliche Szenerien, Porträts urbaner Tag- und Nachtgestalten. Wesen, die, wie ihr Fotograf, in kein Schema passen. Schwüle, androgyne Körper, laszive Lederkerls, schmetterlingshafte Frauen, die Gesichter hinter besticktem Tüll, lasterhafte Boy-Madonnen aus dem Reich der Finsternis, geschlechtslose Bräute mit blutigen Knien und gefesselten Füßen.

Marquardt, weltbekannte Kultfigur auch als Türsteher des Berliner Clubs Berghain, hat, das ist nicht zu übersehen, eine Menge Erfahrung mit Mode-Fotografie, seit seiner Zeit bei der DDR-Zeitschrift „Sibylle“ bis zur Arbeit für die Fashion Week und einschlägige Trend-Magazine in den Jahren nach der Wende. Seine Mode-Aufnahmen, wie auch alle freien Motive, haben, das darf man wohl sagen, den gewissen Kick, die zweite Ebene, etwas Abgründiges. Etwas, das besagt: Alles ist vergänglich, fließt hinweg mit dem Hades der Zeit. Empfunden vom Fotografen wohl auch aus dem in selbst irritierenden Labyrinth seiner Eigenzeit

Ja, es ist ausgesprochene Symbolik, wie auf Gemälden Alter Meister: die nackte lebendige Frau auf dem marmornen Grabes-Denkmal, das am Sockel schon von kleinen Bäumchen, von der unbändigen Natur also, überwachsen wird. Der zweiarmige Leuchter in Stöckelschuhen. Eine Nackte mit Kruzifix auf dem Lotter-Laken. Masken-Menschen. Berückend schöne Halbakt-Männer. Lüsterne Priester mit Knaben im Gestühl. Einsame Gestalten, zusammengekauert nach einer durchtanzten, durchtrunkenen, durchkifften Club-Nacht auf maroden Treppen. Und auch ein halb als Christusbild, halb als männliche Kassandra mit blinden Augen inszenierter Altar im Obergeschoss der Galerie. Immer ist da viel mehr, als die Bildoberfläche samt düsterer Ortswahl, ambivalenten Posen und metaphorischem Beiwerk vermittelt.

Aber es geht diesem außergewöhnlichen Fotografen nicht um Provokation durch Travestie. Marquardt will Spuren des Lebens, die Patina der Erfahrung zeigen. Aus seinen Transformationen liest man manche Ode an die Schönheit und , welch schöne Verstörung, zugleich auch den Schmerz der Einsamkeit. Leere, Ängste, Melancholie – und Kompensation.

Kunstraum im Waschhaus, Schiffbauergasse 4d, Potsdam. Dort finden am Mittwoch, 7. Oktober, um 20 Uhr auch Lesung und Podiumsgespräch mit Sven Marquardt und Autorin Judka Strittmater statt. Moderiert wird dies vom Musikredakteur der Berliner Zeitung Jens Balzer.