Der wilde, wilde Westen fängt gleich hinter Stuttgart an. In Ellwangen haben um die 150 Asylbewerber einen der ihren aus dem Abschiebegewahrsam befreit. Sie bedrohten die Polizei, bis die sich in der Wache des Flüchtlingsheims verschanzte. Dorthin sandten die Aufständischen dann das Ultimatum, dem Delinquenten sofort die Handschellen abzunehmen.

Andernfalls werde die Pförtnerloge gestürmt. Die Beamten übergaben den Schließachtschlüssel. Der Showdown erinnert mich an Klassiker wie „El Dorado“ oder „Rio Bravo“: „Sheriff, wenn Sie Arizona-Joe nicht vor Sonnenaufgang freilassen, brennen wir Ihre Stadt nieder.“ John Wayne nahm derlei noch persönlich. Die Schwaben schickten 500 Kavalleristen aus Fort Göppingen. Drei Tage später siegten dann doch die Guten. Als Traditionalist fand ich das Finale in Ordnung.

Desperados gegen Marshal Wyatt Earp

Ulla Jelpke hat es nicht gefallen. Die innenpolitische Sprecherin der Linken-Bundestagsfraktion findet es „nachvollziehbar“ und „verständlich“, Retourkutschen der Polizei zu attackieren, um eine Abschiebung nach Italien zu verhindern. Dort gebe es willkommenskulturelle Defizite. Die Zeitung „Neues Deutschland“ ergänzt, dass angesichts behördlicher Angriffe auf ihre „Grund- und Menschenrechte“ es „auch Geflüchteten zusteht“, „zivilen Ungehorsam“ zu üben und die Peitsche vor den Füßen der Staatsgewalt knallen zu lassen. Ich bin ein Fan von Perspektivwechseln.

Aber hier – „Tapfere Desperados stehen auf gegen Marshal Wyatt Earp und seine doofen Gesetze“ – komme ich nicht mit. Dabei ist mir durchaus klar, dass es sich bei den angeblichen Bösewichtern jener Pferdeopern oft auch um perspektivlose junge Männer handelt, die es einfach nur so gut haben wollen wie die Bürger von Dodge City. Doch meines Wissens gibt es kein unveräußerliches Menschenrecht, in Deutschland zu leben und von dessen Bevölkerung versorgt zu werden. Die Uno müsste das einführen. Allein, mir fehlt die Fantasie.

Details ruinieren den Plot

Ein Kommentator der Frankfurter Rundschau hat beobachtet, wie „sich Flüchtlinge eindrucksvoll mit ihrem abzuschiebenden Mitbewohner solidarisierten und für eine Nacht das Recht der Schwächeren durchsetzten.“ Auch für ihn sind Sheriffs und ihre Deputies die wahren Missetäter: „Möglichst unbemerkt von der Öffentlichkeit werden die Betroffenen im Schlaf überrascht“ und „aus ihrer Gemeinschaft gerissen“. Hm.

An anderer Stelle las ich, dass es vorher langwierige Gerichtsverfahren und Einsprüche gibt. Abgelehnten Asylbewerbern setzt man eine Frist, in der sie das Land ohne jähes Erwachen verlassen können. Manche bekommen Geld, wenn sie gehen. Ich weiß, solche Details ruinieren den Plot. Das soll ja keine Doku werden, sondern ein Breitwandschinken mit Haltung, weltoffen und bunter als Technicolor.

Im falschen Film

Seine Anklage gegen das menschenverachtende Schweinesystem gelang dem Autor besonders fulminant: Ein Flüchtling habe eben „zu kuschen“, „aufzuhören, Mensch zu sein“ und „zackig die Anweisungen befolgend“ seinem „fremdbestimmten Schicksal entgegenzutraben“. Soll das der Anfang einer Assoziationskette sein?

Es inspirierte einen Online-Foristen prompt zu einer Variation auf Martin Niemöller: „Als die Nazis die abgelehnten Asylbewerber holten, habe ich geschwiegen.“ Hier werden allen Ernstes Brücken geschlagen von der „Meuterei am Schlangenfluss“ zu „Schindlers Liste“. Ich glaub’, ich bin im falschen Film.