Unzureichender Schutz: Die Kassenärzliche Vereinigung deckt sich jetzt selbst mit Material ein.
Foto: BLZ/Markus Wächter

BerlinEs ist ein bizarrer Streit. Während die Stadt den Atem anhält, weil sie kurz vor Beginn einer Epidemie steht, zanken Senat und Ärzteschaft. Mittendrin Ärztefunktionär Burkhard Ruppert. Ein Gespräch über den Mangel an Schutzmasken, ein implodierendes Gesundheitssystem und den Sturm, der losbrechen wird.

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Herr Ruppert, die niedergelassenen Ärzte streiten seit Beginn der Krise mit dem Senat. Es mangelt an Schutzmaterial. Wie schlimm ist die Lage?

Wir haben 6500 Praxen in Berlin, von denen haben rund 100 mittlerweile geschlossen, weil Material fehlt, oder weil Personal in Quarantäne ist. Das bedeutet: Alle anderen haben bis jetzt durchgehalten. Doch jetzt droht das System zu implodieren, weil die Grundversorgung in Gefahr gerät.

Warum?

Die niedergelassenen Ärzte brauchen für sich und ihre Mitarbeiter dringend mehr Schutzmaterial, um geschützt weiterarbeiten zu können. Es ist nur noch wenig da.

Wer ist dafür zuständig?

Laut Aufgabenverteilung im Katastrophenschutz ist das ganz eindeutig Sache der Bundesländer. Bevorratung von Schutzausrüstung in großen Mengen war und ist keine Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung.

Zur Person

Burkhard Ruppert, 59, ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin. Seit 1993 ist er Kinderarzt in einer Gemeinschaftspraxis in Reinickendorf. 

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin vertritt die Interessen der etwa 6800 niedergelassenen Ärzte, 1600 Psychologischen Psychotherapeuten und 240 ermächtigten Ärzte der
Stadt, die gesetzlich Versicherte behandeln dürfen. Zu den Aufgaben der KV gehört es, die ambulante medizinische Versorgung sicherzustellen und darüber zu wachen, dass festgelegte
Qualitätsstandards eingehalten werden.

Pro Quartal
gibt es in Berlin acht Millionen Arzt-Patienten-Kontakte.

Was fordern Sie denn vom Senat?

Wir haben keine Forderungen mehr, weil sie ohnehin nicht erfüllt werden. Wir machen jetzt unser Ding, um die Beschaffung kümmern wir uns seit Wochen selbst. Das hätten wir auch nie gedacht, aber wir sind zu einem Großhandelsvertrieb für Schutzausrüstung geworden.

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Mit welchem Erfolg?

Leider gibt es auf dem Weltmarkt Hasardeure, die den Markt fluten mit unseriösen Angeboten, die an Nötigung grenzen und dann noch Vorkasse haben wollen. Aber wir haben mittlerweile eine Reihe von Händlern gefunden, die geprüfte Qualität zu akzeptablen Preisen anbieten.

Wer kriegt diese Ware zuerst?

Die, die es am dringendsten brauchen. Das sind die Dialysepraxen, danach die pulmologischen Praxen, also die Lungenfachärzte. Dann folgen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, dann die Hausärzte, dann die Kinderärzte.

Das klingt, als hätte sich die Lage entspannt. Die Öffentlichkeit war irritiert, dass das Gesundheitswesen nicht zusammenhält. Wie sieht es jetzt aus?

Wir sind leider weiterhin mehr als besorgt über das Desinteresse des Senats. Es gibt kein erkennbares Interesse an planvollem Vorgehen.

Was müsste geplant werden?

Es geht prinzipiell um die Verknüpfung von ambulanter und stationärer Versorgung. Da fehlt eine Vision.

Was ist unsere gemeinsame Aufgabe?

Es ist richtig, dass der Fokus im Moment auf den Krankenhäusern liegt, aber man darf die ambulante Versorgung nicht vergessen. Im Moment ist alles noch ruhig. Aber wir befinden uns im Auge des Hurrikans. Bald werden die Menschen unruhig, machen sich Sorgen um ihren Gesundheitszustand und werden wieder ihre Ärzte aufsuchen, wegen Bluthochdrucks, Diabetes, Beinbruchs und so weiter. Das hört ja nicht auf. Gleichzeitig kommt eine Welle an Corona-Patienten. Wir müssen uns jetzt fit machen für den Sturm, der kommt.