Böses Erwachen am BER nach dem Marathon: „Der Flughafen ist eine Katastrophe!“

Viele Marathon-Gäste konnten nicht nach Hause fliegen. Selbst wer vier Stunden vor Abflug kam, verpasste den Flieger. Gerade ist die Lage besonders schlimm.

Zahlreiche Menschen stehen für die Sicherheitskontrolle an. Geschätzte Wartezeit: über 45 Minuten.
Zahlreiche Menschen stehen für die Sicherheitskontrolle an. Geschätzte Wartezeit: über 45 Minuten.Lenja Stratmann

Die 50-jährige Solvig F. und ihr Mann sind heute den zweiten Tag in Folge hier. Eigentlich wollten sie schon gestern von Berlin nach Südkorea fliegen. Doch das Paar hat seinen Flug verpasst. An der Gepäckaufgabe standen sie über eine Stunde an.

Dort gab es einen medizinischen Notfall, für den kein Personal vor Ort war: „In der Schlange ist eine Frau kollabiert, die hat sich mehrfach übergeben und ist dann zusammengebrochen“, so Solvig F. Der Arzt sei erst nach 30 Minuten gekommen. „Hier am Flughafen war da offenbar niemand für zuständig.“

Lange Schlangen, müde Gesichter, verdrehte Augen. Kinder weinen, Eltern sind genervt. Man könnte sagen: derzeit ein typischer Tag am Hauptstadtflughafen BER. Oder liegt es am Marathon? Die Telefonate, die aus den Schlangen zu hören sind, schwanken zwischen Hektik und Resignation – je nachdem, wie reell die Chancen sind, den jeweiligen Flug noch zu bekommen. Die Wartezeit für die Sicherheitskontrolle beträgt laut Anzeigetafel bei allen fünf Slots über 45 Minuten – außer bei Slot Nummer zwei, der hat heute geschlossen. Die Menschen reihen sich auch vor den Check-in-Schaltern meterlang aneinander, schon lange bevor diese öffnen. Häufig sind nur zwei von acht Schaltern besetzt. Viele Passagiere sagen, sie kommen zur Sicherheit vier Stunden vor Abflug.

Medizinischer Notfall am BER: „Da war vor Ort niemand für zuständig“

Als Solvig F. und ihr Mann endlich am Schalter gewesen seien, fiel ein Fehler im Einreiseformular auf – ihr Mann habe eine Null in der Nummer seines Reisepasses mit einem O verwechselt. „Das Check-in-Personal war überfordert und konnte uns nicht helfen. Das lag sicherlich auch an der fortgeschrittenen Zeit und der langen Schlange.“ Anschließend habe man nicht nur einen neuen Flug zahlen, sondern auch Hotels und Mietwagen umbuchen müssen. „Alles mit sieben Stunden Zeitverschiebung, das war sehr stressig.“ Heute will das Paar über Katar nach Südkorea fliegen. Sie sind über vier Stunden früher zum Flughafen gekommen und stehen nun am geschlossenen Check-in-Schalter.

Berlin hat einen Provinzflughafen.

Marco F., 58

Apropos Katar – dort soll es am Flughafen wohl geordneter zugehen, findet zumindest Marco F. Der 58-Jährige will heute nach Ruanda fliegen, seit 20 Minuten steht er in der Check-in-Schlange. Marco F. sagt: „Ich find das total schlimm hier. Fahren Sie mal nach Katar, dagegen hat Berlin einen Provinzflughafen.“ Er sei zum vierten Mal am BER und stelle jedes Mal aufs Neue fest: „Dieser Flughafen ist eine einzige Katastrophe.“ Gerade für ältere Menschen seien die langen Anstehzeiten ein Problem, Sitzplätze gebe es bei Weitem nicht genug. „Wenn hier 300 Leute stehen und nur zwei Schalter offen sind, dann weiß man, dass man hier mindestens eine Stunde steht.“ Wie es ihm ginge, wenn er heute seinen Flug verpasst? „Dann werde ich wirklich nervös, aber richtig nervös.“ Die Nerven sind merklich angespannt. Andere, die mit ihm warten, sind teils schon seit vier Stunden hier, wie zum Beispiel die 23-jährige Lisa H.

Berlin-Marathon: Grund für die heutige Überforderung?

Was die einen in der Schlange noch fürchten, ist für viele andere in den Morgenstunden schon Realität geworden: Heute trifft man am BER zahlreiche Menschen, die ihren Flug verpasst haben. Viele von ihnen sind für den Marathon nach Berlin gekommen und vermuten diesen als Ursache für das heutige Chaos.

Einer von ihnen ist der 33-jährige Panuwat aus Thailand. Er wirkt gut gelaunt, obwohl er seit Stunden wach ist und wartet. Eigentlich hätte er heute Morgen um 6:30 Uhr mit seiner Frau nach Rom fliegen sollen. Die sitzt in zusammengekauerter Haltung neben ihm auf einem grauen Stuhl und schläft im Sitzen. „Ich bin in meinem Leben bestimmt schon mindestens 100-mal geflogen“, sagt er, „aber einen Flug habe ich vorher noch nie verpasst.“ Mindestens zehn andere hätten mit ihnen den Flug verpasst, weil nicht genug Schalter besetzt gewesen seien. Seiner Einschätzung nach liegt das an erhöhtem Passagieraufkommen, wegen des Marathons.

Ich bin schon 100-mal geflogen, aber einen Flug habe ich vorher noch nie verpasst.

Panuwat, 33
Menschen dösen vor dem Lufthansa-Schalter.
Menschen dösen vor dem Lufthansa-Schalter.Lenja Stratmann

Der Flughafen BER hat seit seiner Eröffnung, die neun Jahre nach dem geplanten Termin erfolgte, immer wieder mit Pannen zu kämpfen. Mal wird von Wassereinbrüchen im Dach berichtet, mal können 300 Koffer nicht zugeordnet werden. Der Ferienbeginn und das Ferienende – sonst typische Stoßzeiten für Flughäfen – jedoch waren im Vergleich dazu fast milde verlaufen. In letzter Zeit waren vor allem Probleme beim Bodenpersonal und durch Streiks der Lufthansa-Mitarbeiter angefallen. 

Von all diesen Dingen weiß der Amerikaner Maik nichts, er liegt mit fünf anderen auf dem Boden vor einem Lufthansa-Schalter und döst vor sich hin. „Bestimmt zehn Menschen haben ihren Flug mit uns verpasst“, sagt der 60-Jährige. Auch er ist für den Berlin-Marathon gekommen. „Wenn man aber weiß, dass über 50.000 Menschen laufen und ihre Familien mitbringen, bereitet man sich als Flughafen doch vor, oder?“

Auch Manuel M., der zurück nach Malaga wollte, macht seinem Ärger Luft. „Wir standen über eine Stunde an der Sicherheitskontrolle, das Gate war dann schon geschlossen.“ Mit ihm hätten 15 andere den Flug verpasst. „Darunter auch Familien mit kleinen Kindern.“

Vom Pressesprecher des Flughafens heißt es am Montagabend, im September würden täglich immer noch 60.000 bis 80.000 Passagiere vom BER fliegen. Das sei das Niveau der Sommerferien. Personalverfügbarkeiten könne man bei kurzfristigen Ausfällen, zum Beispiel wegen Krankheit, nicht immer garantieren. „Grundsätzlich sollten alle Passagiere zweieinhalb Stunden vor Abflug am BER sein“, empfiehlt er. Doch die heutige Lage am Flughafen hat gezeigt: Das reicht nicht immer aus.

Auch zahlreiche Koffer werden vermisst

Doch nicht nur die Wartezeiten am Flughafen machen Passagieren zu schaffen. In letzter Zeit häuften sich auch die Klagen über verloren gegangenes Gepäck. Eine Frau, die heute in den Urlaub fliegt, steht für ihren Freund am Schalter von AeroGround – das Unternehmen ist für das Gepäck am Flughafen zuständig. „Mein Freund war eine Woche lang ohne Koffer im Urlaub, der ist nie angekommen. Eigentlich hätte der Koffer letzten Mittwoch zu ihm nach Hause geliefert werden sollen, das war nicht der Fall.“

Am Schalter sagt man ihr, dass der Koffer an die Zustellfirma CLS übergeben wurde. „Da konnten wir am Telefon aber keinen erreichen“, sagt sie. Weil ihr Freund keine Zeit habe, um anderthalb Stunden zum BER zu fahren, frage sie heute für ihn nach. Nun will sie sich noch auf die Suche nach einem CLS-Schalter begeben. Allzu viel Zeit sollte sie sich aber nicht mehr lassen, bevor sie sich selbst zur Sicherheitskontrolle begibt: Die Schlangen sind in der Zwischenzeit nicht gerade kürzer geworden.