In der Hauptstadt entsteht derzeit Großes in der Medizin: das Berliner Institut für Gesundheitsforschung, auf Englisch Berlin Institute of Health, kurz BIH. Aber man sieht es kaum, denn es ist kein markanter Neubau, sondern eine Art unsichtbares Dach, unter dem zwei große Forschungsinstitutionen der Stadt zusammenrücken: das Max-Delbrück-Centrum (MDC) in Buch und die Charité Universitätsmedizin.

Rund 300 Millionen Euro machen der Bund, das Land Berlin und die Helmholtz-Gemeinschaft bis 2018 für den Aufbau des Instituts locker. Danach wird es einen regulären Etat geben, der zu 90 Prozent vom Bund gespeist wird. Deutschlandweit einmalig bündelt das Institut seine Forschung derart, dass Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung schneller in die Klinik übertragen werden – und umgekehrt.

Translationale Forschung nennt sich dieses Vorgehen. Besonders auch: Am BIH knöpft man sich nicht einzelne Krankheiten vor, sondern geht systemmedizinisch vor, betrachtet also übergreifende Prozesse, Entzündungen zum Beispiel.

2013 wurde das Institut gegründet. Kurz vor Weihnachten 2014 beschloss der Senat den Gesetzentwurf zur Errichtung des BIH. Nun kann es eigenständig und rechtsfähig werden. Wissenschaftssenatorin Sandra Scheeres hat große Pläne: „Langfristig wollen wir das Berliner Institut für Gesundheitsforschung zu einer weltweit führenden biomedizinischen Forschungseinrichtung entwickeln, die die medizinische Praxis international verändert und prägt.“ BIH-Vorstandsvorsitzender Ernst Theodor Rietschel und sein Team holen nun nach und nach Forscher ins Boot. Die ersten Projekte laufen seit einigen Monaten.

Eines der großen neuen Konsortien leiten Erich Wanker vom MDC und Frank Heppner von der Charité. Die Forscher wollen verstehen, was bei zerstörerischen Hirnkrankheiten wie Alzheimer geschieht. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen die vielen Eiweiße (Proteine), die im Nervensystem hergestellt werden.

Alzheimer stört Gleichgewicht der Proteine

„Wir wissen, dass bei Alzheimer das Gleichgewicht der Proteine gestört ist. Nun gilt es herauszufinden, welche Prozesse dahinter stecken“, sagt Erich Wanker. Das 26-köpfige Konsortium möchte mit diesem Wissen sowohl einen molekularen Test zur Früherkennung entwickeln, als auch Therapien. Beides gibt es bisher nicht. Ein Durchbruch auf diesem Gebiet wäre eine Sensation – und ein Segen für viele Menschen.

„Um Alzheimer erfolgreich behandeln oder zumindest hinauszögern zu können, muss man früh ansetzen“, sagt Wanker. Denn die Krankheit tritt erst dann zutage, wenn ein großer Teil der Nervenzellen bereits zerstört ist. Wirksam eingreifen ließe sich aber nur in der bisher unbemerkt ablaufenden langjährigen Phase davor, in der sich in und zwischen den Nervenzellen Eiweiße ablagern.

Auf der Suche nach frühen Alzheimer-Spuren

Das Forscherkonsortium sucht nun einerseits nach frühen Spuren der Krankheit – etwa im Blut oder Hirnwasser. Parallel dazu testet es Wirkstoffe, die den Alzheimer-Prozessen Einhalt gebieten. Wankers Team in Buch konzentriert sich dabei darauf, Moleküle zu finden, die die Eiweißablagerungen im Gehirn verhindern oder sie abbauen. Zurzeit sind es knapp 20 Wirkstoffe, die vor allem an Zellkulturen getestet werden. „Bald starten wir eine große Analysekampagne mit 3 000 Wirkstoffen“, berichtet Wanker.

Seine Charité-Partner bereiten derweil bereits Patientenstudien vor – etwa mit einer bereits für andere Krankheiten zugelassenen Arznei, von der man sich erhofft, dass sie die Alzheimer-typischen Eiweißablagerungen im Gehirn abbaut.

Die Mittel des BIH ermöglichen es den Forschern von MDC und Charité, ihre Arbeit gemeinsam zu planen und auf breiter Front anzugehen. So hoffen sie, schneller zum Ziel zu kommen. Dennoch wagt Wanker keine Prognose darüber, wann die ersten Früherkennungstests und Arzneien zur Verfügung stehen werden. Denn er möchte keine falschen Hoffnungen wecken.

Fortschritte bei Immuntherapie gegen Krebs erwartet

Konkrete Zeiträume hingegen nennt BIH-Chef Rietschel bei einem anderen Konsortium, das die Immuntherapie bei Krebs erforscht. Rietschel ist zuversichtlich, dass sie innerhalb der kommenden Dekade zur Verfügung stehen wird. Mehrere Teams um Thomas Blankenstein vom MDC und Peter-Michael Kloetzel von der Charité arbeiten seit dem Frühjahr daran, sogenannte T-Zellen des Abwehrsystems genetisch derart zu verändern, dass sie Krebszellen erkennen und zerstören. „Das ist die Zukunft der Tumortherapie“, sagt Rietschel. Er ist überzeugt, dass im Kampf gegen Krebs die Immuntherapie bald die Chemotherapie ablösen wird.

Zurzeit finanziert das BIH gut 250 Forscher. „Bis 2018 werden es rund 1 000 sein“, sagt Rietschel. Die Resonanz in der Fachwelt sei sehr positiv. Ein Coup des BIH war es, den Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof von der Stanford University in Kalifornien für ein Projekt zu gewinnen. Er ist Gastwissenschaftler am BIH. Er bleibt also den USA treu, kommt aber mehrmals im Jahr zu Forschungsaufenthalten nach Berlin. Gemeinsam mit Christian Rosenmund von der Charité erforscht er, wie Nervenzellen bei Krankheiten miteinander sprechen. Ihre Arbeit ist wichtig für das Verständnis von Krankheiten wie Autismus und Multiple Sklerose.

Ein Neubau in Mitte?

Rietschels Traum: ein eigenes Gebäude für das Institut. „Das würde das BIH anfassbar machen, ihm ein Gesicht geben und klinische wie experimentelle Forscher unter einem Dach vereinen“, sagt der Wissenschaftsmanager. Er könnte sich vorstellen, das Gebäude für die klinische Forschungseinheit, die ohnehin in Mitte aufgebaut wird, etwas größer zu planen, sodass es auch Räume für Geschäftsstelle, Hörsaal und Büros bietet.

Für die Fachkollegen in Großbritannien, die derzeit mit dem Francis-Crick-Institute in London etwa ähnliches wie das BIH aufbauen, wurde ein eigenes Gebäude von Beginn an geplant. Es soll im Herbst 2015 bezugsfertig sein. Dort lässt man es sich aber auch rund eine Milliarde Euro kosten, die Gesundheitsforschung breit anzugehen.

Das Broad Institute in den USA, für das MIT und Harvard kooperieren, ist noch eine Nummer größer: Es verfügt über einen Jahresetat von 220 Millionen Euro. Rietschel beunruhigt der Vergleich nicht. Er ist überzeugt, dass das BIH trotzdem weltklasse wird: „Wir müssen nicht gigantisch sein, um in der Spitzenforschung erfolgreich zu sein.“