Nein, auch Andreas Tschisch von der Berliner Polizei lehnt eine Helmpflicht ab. Doch der Leiter des Sachbereichs Verkehr im Stab des Polizeipräsidenten hätte es besser gefunden, wenn der Bundesgerichtshof gegen die Fahrradfahrerin aus Schleswig-Holstein entschieden hätte. Ein solches Urteil wäre für viele ein Anreiz gewesen, einen Helm aufzusetzen, wenn sie in die Pedale treten, sagte Tschisch. „Das hätten wir favorisiert.“ Denn jeder müsse so gut es geht Vorkehrungen dafür treffen, dass Verkehrsunfälle weniger schwere Folgen haben.

In der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die für den Verkehr in Berlin zuständig ist, gab es dagegen ein klares Lob für die Richter. „Das Urteil schafft jetzt vor allem in Versicherungsfragen Klarheit für die Zukunft“, sagte Daniela Augenstein, Sprecherin von Senator Michael Müller (SPD). Sicher: „Es ist gut und vernünftig, einen Fahrradhelm zu tragen, und wir raten allen, dies zu tun.“ Doch Regelungen, die den Fahrradverkehr unattraktiv machen, lehnen die Senatsplaner ab. „Es ist gut, dass möglichst viele mit dem Fahrrad unterwegs sind“, sagte Augenstein. Das erhöht die „Sichtbarkeit im öffentlichen Raum“ – und die Sicherheit jedes Radlers.

Ein falsches Empfinden

Die Statistik der Polizei spricht für diese Einschätzung. Obwohl die Zahl der Radfahrer in Berlin seit Langem stark steigt, ist die Zahl der Unfälle zuletzt gesunken. Im vergangenen Jahr waren an 6952 der mehr als 130.000 Verkehrsunfälle Radfahrer beteiligt, das ist im Vergleich zum Jahr davor ein Rückgang um rund 5,3 Prozent. Die Zahl der schwer und leicht verletzten Radfahrer sank wie die der Getöteten, die von 15 auf neun zurückging. In diesem Jahr starben bislang sechs Radler. 2003 waren dagegen 24 Radfahrer in Berlin tödlich verunglückt.

Für die Stadtplaner ist das kein Grund, sich zurückzulehnen. „Wir setzen unsere Radverkehrsstrategie weiter um“, sagte Daniela Augenstein. Das bedeutet: Weitere Radwege werden saniert, weitere Fahrstreifen für Radler auf Fahrbahnen markiert – damit Automobilisten die Zweiradfahrer besser sehen.

„Jeder soll selbst entscheiden, ob er einen Helm trägt“, sagte Bernd Zanke vom Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) Berlin. Wer sich damit wohler fühlt, sollte es tun. Doch ein Helm könne seinen Träger auch in falscher Sicherheit wiegen: „Ich sehe öfters Senioren, die mit Helm und Warnweste auf dem Gehweg fahren“ – obwohl das zu Unfällen führen kann. Helme verhindern keine Unfälle, sie mildern auch nicht in jedem Fall die Folgen. Viel wichtiger als zusätzliche Kleidungsstücke zu tragen, sei es, selbst die Verantwortung zu übernehmen. „Umsichtig, vorausschauend und voll konzentriert fahren – das kann Unfälle verhindern“, sagte Zanke.

Schädel-Hirn-Trauma vermieden

„Ich fahre mit Helm“, sagte dagegen Andreas Tschisch. „Nicht nur, weil ich meiner achtjährigen Tochter ein Vorbild sein will. Sondern auch, weil ich Stürze gesehen habe, die darum glimpflicher ausgegangen sind.“

Eine rechtsmedizinische Studie der Freien Universität unterstützt dies. Britta Bockholdt und Volkmar Schneider werteten Protokolle aus, die 1994 bis 1998 entstanden, als 66 Leichen tödlich verunglückter Radfahrer geöffnet wurden. In mehr als der Hälfte der Fälle führte ein Schädel-Hirn-Trauma zum Tod, hieß es. Bei einem Fünftel hätten die Radfahrer wohl nicht so schwere Kopfverletzungen davongetragen, wenn sie einen Helm getragen hätten.