Die weltweit bedeutende Arabistin Beatrice Gründler.
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BerlinTiere, die den Herrschern die Welt erklären: Wenn Beatrice Gründler begeistert über die Fabeln aus dem Buch „Kalīla und Dimna“ erzählt, zieht sie ihre Zuhörer gleich in den Bann. Auch in Europa war die arabische Fabelsammlung einst eine Art Bestseller. Sie zeigt eindrücklich, wie eng arabische und europäische Kulturen im Mittelalter miteinander verbunden waren. Heute ist das Werk bei uns in Vergessenheit geraten. Um das zu ändern, arbeitet Beatrice Gründler, Professorin für Arabistik an der Freien Universität (FU) Berlin, an der weltweit ersten wissenschaftlichen Edition des Textes, den arabischen Sprachraum inbegriffen. Nun erhält Beatrice Gründler den Berliner Wissenschaftspreis. Wir sprachen mit ihr.

Seit 40 Jahren beschäftigen Sie sich mit arabischer Sprache und Literatur. Wie sind Sie dazu gekommen?

Als Jugendliche war ich zunächst fasziniert von Ägypten. Ich wollte damals unbedingt die Hieroglyphen lesen können, weil sie so schön und mysteriös aussahen. Also habe ich mir von meinem Ersparten eine Grammatik für 80 Mark geleistet . Ich war schon früh eine hartnäckige Entziffererin, wollte immer schon alles lesen können. Da es jedoch etwa 500 verschiedene Hieroglyphenzeichen gibt, die ganz unterschiedliche Funktionen haben können, stieß ich bald an meine Grenzen. Gleichzeitig entdeckte ich aber in einem Ausstellungskatalog einen Text in arabischer Schrift.

Die war leichter für Sie zu entziffern?

Genau, Arabisch ist wesentlich minimalistischer. Es gibt insgesamt 28 Buchstaben, aber viele unterscheiden sich auch nur durch Punkte. Es sind eigentlich nur 22 Formen, plus/minus Punkte. Da dachte ich damals: Das ist doch viel effizienter. Meine Eltern haben mir dann Stunden bei einem Lehrer bezahlt, der mir Arabisch beigebracht hat.

Wie schnell kann man Arabisch lernen?

Das Schreiben geht sehr schnell. Unseren Studierenden an der Freien Universität Berlin bringen wir das in einem Monat bei. Die Grammatik konnte ich damals nach etwa zwei Jahren. Das Vokabular ist natürlich sehr reichhaltig, da lernt man ein Leben lang.

Was haben Sie als erstes auf Arabisch gelesen?

Die älteste Literatur, die es gibt nämlich die vorislamische Dichtung der Qasiden. Eine Qaside ist ein langes, formelles Gedicht. Mit der Hilfe von arabischen Mitstudentinnen bin ich diese Dichtung damals Zeile für Zeile durchgegangen. Das hat mir in der Folge sehr geholfen, denn wenn man jemanden mit arabischem Hintergrund trifft und Dichtung zitieren kann, eröffnet sich gleich ein Gespräch. Arabische Muttersprachler und Muttersprachlerinnen sind auch heutzutage der Dichtung sehr viel näher als wir Deutschen.

Wie zeigt sich das?

Wen Sie auch treffen – jede oder jeder wird Ihnen die persönlichen Lieblingsverse aufsagen können. Es gibt kaum arabische Muttersprachler, die noch nie selbst gedichtet haben. Sitzt man abends zwanglos zusammen, kann das leicht darin ausarten, dass man sich gegenseitig Verse rezitiert.

Ist es für Sie schwieriger geworden, die Schönheit der arabischen Literatur zu vermitteln, weil die Menschen hier in den Nachrichten so häufig Beunruhigendes über die politischen Ereignisse in der arabischen Welt hören?

Es ist eigentlich sogar leichter geworden. Natürlich muss ich auch mit viel falschem Wissen umgehen, was gelegentlich schwierig wird. Doch bei nicht wenigen ist das Interesse eben dadurch erst geweckt worden. Gewalt und Krieg sind grausame Tatsachen, zugleich aber sind sie nur das eine Extrem des Spektrums. Dagegen steht: Das Arabische hat eine 1400 Jahre lange Kulturgeschichte und ist eine Weltsprache, die heute von schätzungsweise 310 Millionen Menschen auf drei Kontinenten gesprochen wird.

Berliner Wissenschaftspreis

Der Berliner Wissenschaftspreis wird vom Regierenden Bürgermeister vergeben. Er wurde 2008 erstmals ausgelobt und ist mit 40.000 Euro dotiert. Das Preisgeld kommt der Einrichtung zugute, an der die wissenschaftliche Leistung erbracht wurde.
Beatrice Gründler wuchs an der französischen Grenze in Kehl am Rhein auf. Sie studierte Orientalistik, Semitistik und Altorientalistik in Straßburg, Tübingen und Kairo, ging anschließend in die USA. Ab 2002 war sie Professorin für arabische Literatur an der Yale University. Nach fast 30 Jahren in den USA kehrte sie nach Deutschland zurück und hat seit 2014 den Lehrstuhl für Arabistik an der Freien Universität (FU) Berlin inne. Bereits 2017 wurde sie mit dem Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgezeichnet.
Den Nachwuchspreis, dotiert mit 10.000 Euro, erhält in diesem Jahr der Physiker Steve Albrecht, der an der Technischen Universität und am Helmholtz-Zentrum Berlin forscht. Er wird geehrt für seine innovativen Arbeiten auf dem Feld der Photovoltaik.

Sollten wir uns in Zeiten, in denen viele Menschen aus dem Nahen Osten zu uns nach Deutschland gekommen sind, mehr für arabische Literatur und Kultur interessieren? Zum Beispiel in den Schulen?

In der Tat, wir verschenken die Chance, etwas über die Kultur unserer Mitmenschen zu erfahren. Es kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu, wir kennen das ja von uns selbst: Wenn wir in der Schule deutsche Literatur lesen, gibt uns das ein besseres Verständnis von uns selbst und der Kultur, aus der wir kommen. Wir finden uns dann besser in ihr zurecht. Daraus entsteht unser Selbstbewusstsein. Viele arabischstämmige Menschen, auch die, die in der zweiten oder dritten Generation hier leben, haben diese Chance nicht.

Wodurch genau?

Als Kind lernt man zu Hause zunächst eine Variante des gesprochenen Arabisch, welches man allerdings nicht schreibt. Das Standardarabische und die Schrift werden dann erst in der Schule erlernt. Gesprochenes und geschriebenes Arabisch unterscheiden sich noch stärker als im Deutschen die Hochsprache und der Dialekt, also etwa Bayrisch und das Neuhochdeutsche. Arabischsprachige Kinder, die hier bei uns groß werden, haben jedoch meist keine Möglichkeit die Hochsprache zu lernen, weil dies in der Schule nicht angeboten wird. In Berlin organisieren Eltern deshalb zunehmend Privatunterricht für ihre Kinder, denn wie bei uns ist mit der Hochsprache zugleich Prestige verbunden: Wer sie beherrscht, gilt als gebildet.

Kann Literatur auch den Dialog zwischen Kulturen fördern?

Wenn wir uns bewusst sind, dass unsere arabischstämmigen Mitbürger und Mitbürgerinnen auf eine mindestens ebenso lange und reichhaltige Kultur zurückblicken wie wir selbst, können wir einander anders begegnen. Es gab schon immer Austausch zwischen den arabischen und den europäischen Kulturen.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?

Im europäischen Mittelalter wurde oft aus dem Arabischen übersetzt. Vor allem die sogenannte Weisheitsliteratur war damals sehr beliebt. Derzeit forsche ich über die Fabelsammlung „Kalīla und Dimna“ (Kalīla wa-Dimna), die im 15. Jahrhundert zum ersten Mal für einen württembergischen Grafen aus dem Arabischen über das Lateinische ins Deutsche übersetzt wurde. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden diese Geschichten in Europa und Asien mit großer Begeisterung gelesen, kopiert und immer wieder neu- oder umgeschrieben. Natürlich wurde auch einiges an den jeweiligen kulturellen Kontext angepasst: Aus den gewitzten Schakalen wurden die schlauen Füchse, aus dem bei uns unbekannten Kamel der Esel. Nicht umsonst hat es das Buch in weltweit über vierzig verschiedene Sprachen von Island bis Malaysia geschafft.

Welche Weisheiten kann man aus diesem Buch erfahren?  

Es ist eine Art Ratgeber für die Mächtigen, denen man ja sonst nicht unbedingt direkt die Meinung sagen kann. Hier werden die Ratschläge sehr geschickt „verpackt“ in Form von Tiergeschichten. So soll der Herrscher zum Beispiel bedächtig sein, nicht alles glauben, was man ihm berichtet, erst handeln, wenn er alle Informationen hat. Intrige und Verrat, Bewahrung von Geheimnissen und weitsichtiges Handeln, Bündnisse zwischen Feinden und wahre Freundschaft. Es dreht sich darum, wie in der hohen Politik aber auch im täglichen Leben die Menschen miteinander umgehen.

Welche konkreten Ratschläge gibt es da?

Es geht zum Beispiel darum, wie man bei kniffligen Problemen Lösungen findet, sich in brenzligen Situationen helfen kann: Einmal gehen die beiden Feinde Katze und Ratte einen Pakt ein und retten sich damit gegenseitig das Leben. Was zunächst abwegig erscheint, erweist sich unter bestimmten Umständen als intelligent und nützlich. Das alles ist sehr unterhaltsam, oft lustig erzählt.

Was wurde damals sonst noch aus dem Arabischen übersetzt?

Im europäischen Mittelalter hatte man eine sehr hohe Meinung von arabischer Wissenschaft, vor allem wenn es um Philosophie und Medizin ging. Es gab ein sehr bekanntes Handbuch zur Medizin, das „Allumfassende Buch“ des Arztes und Philosophen al-Razi aus dem 9. Jh., das noch im Europa der Renaissance vielfach gedruckt und kommentiert wurde. Außerdem wurden die gesamten Werke des Aristoteles erst über die arabischen Übersetzungen überhaupt in Europa bekannt. An den ersten europäischen Universitäten Paris und Bologna unterrichtete man aristotelische Philosophie mit den lateinischen Übersetzungen der arabischen Kommentare; die griechischen Originaltexte waren bis in die Renaissance gar nicht erhältlich.

Auch Johann Wolfgang von Goethe hat sich noch im Alter neu für die arabische Kultur interessiert, richtig?

Ja, es gibt Schreibübungen von Goethe, die zeigen, dass er versucht hat, Arabisch zu lernen. Er bestellte sich den Weimarer Professor für Arabisch nach Hause und konsultierte ihn eingehend über die arabische Sprache und Literatur, vieles davon fand Eingang in seinen „West-östlichen Divan“. Goethe dichtete zum Beispiel anhand mehrerer wissenschaftlicher Übersetzungen ein berühmtes arabisches Gedicht nach. Allerdings scheiterte er am arabischen Reimschema.

Goethe ist die arabische Gedichtform nicht gelungen? Woran lag das?

Arabische Gedichte haben einen durchgehenden Endreim. Das ist mit der deutschen Sprache schwer realisierbar. Das Arabische beruht dagegen auf einer Art logischem Baukastensystem, in dem mit jeder Wortwurzel, also dem Bedeutungskern wenn man so will, identische Wortformen erzeugt werden. Das Deutsche funktioniert komplett anders. Genau diese sprachliche Beweglichkeit ist es, die im Arabischen besonders häufig sichtbar wird – ein unschätzbares Geschenk für uns alle.