Berlins Amtsärzte haben die Notbremse gezogen. Angesichts rasend steigender Inzidenzen auf mehr als 1500 haben sie erklärt, dass sie keine Quarantäne mehr für Schüler aussprechen, die in der Schule Kontakt zu Corona-Infizierten hatten. Niemand, wirklich niemand kann bei solchen Zahlen die Nachverfolgung seriös betreiben. Bei dem schnellen Verlauf bei Omikron kommt sie eh meist zu spät. Es bliebe ein Stochern im Nebel - manchen erwischt die Quarantäne, andere nicht. Zufall: 100 Prozent! Plausibilität: null! Ärzte mögen so etwas nicht, andere Bürger übrigens auch nicht.

Wenn einem Jugendstaatssekretär für das Aussetzen der Quarantäne „jedes Verständnis“ fehlt, wie er twittert, weil doch auch Kinder zu den vulnerablen Gruppen gehörten, offenbart das mindestens zweierlei: Erstens zeigt es, dass Bildungs- und Gesundheitsverwaltung offenbar schlecht miteinander kommunizieren. Zweitens offenbart der Hinweis auf die Verletzlichkeit von Kindern einen sehr einseitigen Blick. An den Schulen herrscht Maskenpflicht auch am Platz, außerdem wird jeder Schüler regelmäßig getestet - viel häufiger als Angehörige fast aller anderen Bevölkerungsgruppen. Bis heute ist die Aussage unwiderlegt, dass Schulen (und im Übrigen auch Kitas) keine Infektions-Hotspots sind.

Dennoch können Kinder natürlich an Covid erkranken. Das geschieht zum Glück selten, und wenn, dann meistens milde. Dem stehen die sozialen und anderen Gefährdungen durch eine seit fast zwei Jahre anhaltende Verunsicherung an Schulen und Kitas, Schäden durch Quarantäne und Isolierung gegenüber. Was ist gefährlicher? Frag nach bei Kinderärzten, Psychiatern, Soziologen.

Wenn die Bildungsverwaltung an diesem Montag nun die Präsenzpflicht an Schulen aussetzt, jedem also selbst überlässt, ob er sein Kind zur Schule schickt, beugt sie sich der Panik. Das ist verständlich, aber falsch.