Noch ist offen, wie genau die Straße Unter den Linden einmal aussehen wird.
Foto: Marius Schwarze

BerlinGroßen Straßen in der Berliner Innenstadt stehen große Veränderungen bevor. Das hat Verkehrs-Staatssekretär Ingmar Streese am Freitagabend während der Veranstaltung „Dann geh doch – Mitte autofrei“ angekündigt. Ziel sei es, den Autoverkehr zurückzudrängen, um mehr Platz für Fußgänger zu schaffen, bekräftigte der Grünen-Politiker.

„Wir denken intensiv über die Straße Unter den Linden nach“, sagte Streese. „Da wird sicher etwas passieren.“ Anlass für die Überlegungen sei, dass die Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 im Dezember 2020 in Betrieb geht. Die Baustelle, die derzeit noch große Teile des Boulevards in Beschlag nimmt, wird bis 2021 abgebaut. Deshalb muss demnächst entschieden werden, ob die beiden dreispurigen Fahrbahnen für den Kraftfahrzeugverkehr erhalten bleiben - oder ob die traditionsreiche Ost-West-Magistrale umgestaltet wird.

Streese deutete an, dass sich dort in der Tat etwas ändern könnte. Die rot-rot-grüne Koalitionsvereinbarung von 2016 sieht vor, dass das Umfeld des Schlosses Verkehrsberuhigt sowie der Abschnitt zwischen dem Schloss und dem Brandenburger Tor fußgängerfreundlich umgestaltet wird.

Auch über den Tauentzien wird diskutiert

Matthias Dittmer von der Landesarbeitsgemeinschaft Mobilität der Berliner Grünen forderte, dass der Senat endlich ein Konzept zu den Linden vorlegt. „Angeblich wird da schon lange etwas ausgeheckt. Es muss nun endlich konkret werden“, forderte er.

Ziel des Senats sei die Verkehrsberuhigung großer Straßen, bekräftigte der Verkehrs-Staatssekretär. „Sie sollen weitgehend autofrei und zu Flaniermeilen werden.“ Für die Tauentzienstraße würden 2020 die Planungen beginnen. Streese nannte in diesem Zusammenhang auch den Kurfürstendamm und die Friedrichstraße.

Einige dezentrale Vorhaben sind offenbar ebenfalls zu erwarten. Der Abschnitt für den Fußverkehr, mit dem das Berliner Mobilitätsgesetz im Frühjahr 2020 ergänzt werden soll, werde jährlich zehn Modellprojekte in diesem Themenbereich vorsehen. „Wir wollen Berlin umgestalten und große Schritte machen“, sagte Streese.

Zwar seien die Einzelheiten noch nicht abschließend geklärt, doch absehbar sei, dass im kommenden Sommer zunächst ein „Verkehrsversuch“ in der Friedrichstraße in Mitte stattfinden soll, so Ingmar Streese weiter. Er dementierte nicht, dass es mehrere Monate sein werden. Dabei soll ein längerer Abschnitt dieser Nord-Süd-Verbindung in Mitte autofrei werden. Die Rede ist derzeit von dem Teilstück zwischen der Französischen und der Leipziger Straße. Ein südliches Ende an der Kreuzung Mohrenstraße ist ebenfalls in der Diskussion.

Stefan Lehmkühler von den Initiativen „Stadt für Menschen“ und Changing Cities berichtete, dass es aus seiner Sicht bereits einen Konsens mit dem Bezirk und dem Senat gebe, wonach die Friedrichstraße zwischen Französische und Leipziger Straße im Zeitraum Juni-September 2020 drei Monate für Kraftfahrzeuge gesperrt wird. In der Straßenmitte soll dann ein rund fünf Meter breiter Zweirichtungs-Radweg markiert werden, zu beiden Seiten seien zirka 8,50 Meter breite Fußgängerbereich vorgesehen. Damit Geschäfte weiterhin beliefert werden können, müssten an den Einmündungen der Nebenstraßen Logistikbereiche entstehen.

Radweg in der Straßenmitte

„Wir setzen uns dafür ein, dass die Teileinziehung dieses Teils der Friedrichstraße für den Kfz-Verkehr vorbereitet wird“, sagte Lehmkühler. Ziel müsse es sein, dass die Friedrichstraße „dauerhaft autofrei“ wird. Um Schleichverkehr südlich der Leipziger Straße zu unterbinden, sollte der für den motorisierten Verkehr gesperrte Bereich südlich bis zum Checkpoint Charlie verlängert werden.

Lehmkühler ermutigte den Senat, die Koalitionsvereinbarung von 2016 endlich umzusetzen und die Straße Unter den Linden nur noch für Busse, Taxis, Fahrräder und Fußgänger offen zu halten. Östlich des KnotenpunktsSpandauer/ Karl-Liebknecht-Straße könnte die südliche Fahrbahn der Karl-Liebknecht-Straße aufgehoben werden, weil dann dort kaum noch Autos unterwegs sein würden. „Wo sollen dort noch Pkw herkommen, wenn Unter den Linden autofrei geworden ist“, sagte der Umweltaktivist. Die Spandauer Straße sollte nur noch Fahrrädern, Fußgängern und Straßenbahnen vorbehalten bleiben.

Wie berichtet gilt die Friedrichstraße, die einst dem Kurfürstendamm als gehobene Einkaufs- und Bummelmeile Konkurrenz machen sollte, inzwischen als Problemfall. Immer wieder werden Ladenlokale frei, und weiterhin halten sich Gerüchte, wonach die Galeries Lafayette ernsthaft prüfen, ob sie mit ihrem Warenhaus an der Friedrichstraße bleiben – oder ob sie gehen.

Kritik an der Wirtschaft

Initiativen wie „Stadt für Menschen“ setzen sich dafür ein, das Berliner Stadtzentrum klima- und menschenfreundlicher zu gestalten. 2018 erreichte sie, dass ein kurzes Teilstück der Friedrichstraße am zweiten Advents-Sonnabend zwei Stunden lang autofrei wurde. Am ersten Oktober-Wochenende 2019 wurde dann schon ein längerer Abschnitt zwei Tage zur Sperrzone für den motorisierten Verkehr – organisiert vom Bezirk Mitte und unterstützt vom Senat.

Obwohl es möglich war, die Geschäfte am Sonntag zu öffnen, nahmen längst nicht alle Einzelhändler diese Möglichkeit wahr, sagte Staatssekretär Streese am Freitagabend.

„Es war schwierig, die Wirtschaft dazu zu bekommen, obwohl die Friedrichstraße unter Kundenmangel leidet“, klagte der Grünen-Politiker. „Die Wirtschaft ist nicht gut organisiert. Dabei braucht die Friedrichstraße einen Schub, Initiative.“

Auch Hackescher Markt ohne Autos?

Mit Versuchen wie im Sommer 2020 an der Friedrichstraße will auch Mittes Bezirksbürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) ausloten, was möglich ist. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung brachte der Grünen-Politiker im Herbst auch den Hackeschen Markt als möglichen Schauplatz ins Ziel. Bei „Stadt für Menschen“ wird unter anderem über einen autofreien Kurfürstendamm gesprochen.

„Dann geh doch – Mitte autofrei“: Das war das Motto, unter dem   „Stadt für Menschen“ und die Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) Mobilität der Berliner Grünen am Freitagabend in der Stadtwerkstatt in der Karl-Liebknecht-Straße über solche Aktionen debattierten.