Prag.
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PragEisenbahnfans verlieren sich gerne in großen Landkarten, zeichnen lange schwarze Linien nach, über Tausende von Kilometern – selbst die im Vergleich zur Transsib kurze Strecke von Hamburg über Berlin und Dresden nach Prag, die jetzt wieder offen ist. Am 13. März fuhr der letzte Zug der Tschechischen Staatsbahn die ganze Strecke, dann war Schluss, nur noch die Deutsche Bahn hielt den Verkehr aufrecht. Bis gestern. Fast gleichzeitig fuhren zwei der einfach nur tollen tschechischen ICs wieder los, der eine um 8.26 Uhr in Prag Holesovice, der andere um 8.51 Uhr vom Hamburger Hauptbahnhof.

Auf den Blick über Hamburgs neue Hafencity folgen Büchen mit seinen Erinnerungen an streng riechende DDR-Grenzer, das idyllische Ludwigslust mit dem Prachtschloss der mecklenburgischen Herzöge, Wittenberge, das auch über das Eisenbahnausbesserungswerk hinaus einen Besuch wert ist. Doch weiter geht die Fahrt nach Spandau bei Berlin, zum Berliner Hauptbahnhof tief unten im Spreeschlamm und Berlin-Südkreuz mit seiner sauber-technokratischen Architektur. Nach den Hügeln im südlichen Brandenburg kommt die Elbe wieder, dann der Blick auf das Elbepanorama zwischen Dresden Neustadt und Dresden Hauptbahnhof, träge und breit fließt der Fluss hinein in die dramatisch werdende Landschaft Böhmens, die Moldau blitzt auf, dann Prag.

Und die ganze Zeit fragt man sich: Jetzt schon Bordrestaurant oder erst nachher? Jenes Bordrestaurant, das inzwischen zur Legende der Pendler geworden ist, in dem es echte Spiegeleier gibt, nicht fieses DB-Puff-Ei, festes Brot, das nach Brot schmeckt, Suppe, die nicht nur dampft, sondern duftet, Wurst, die kracht, Salat, der knackt, Kuchen, der zergeht, Kaffee, der gebrüht ist, nicht gekocht. Und ein in rotem Plastik schwelgendes Innendesign, das direkt aus Filmen der 1960er-Jahre entsprungen scheint – respektive aus der modischen Reprise der 1960er in den 1990ern. Gegeelte Haartolle und Schlackhosen sind hier eigentlich Pflicht.

1850 entstanden, ist diese schwarze Line eine der ältesten und historisch bedeutsamsten, verkehrlich auch wichtigsten Eisenbahnverbindungen Mitteleuropas, diente Diplomaten, Kaufleuten, Touristen, Flüchtlingen. Sie zeigt, was Europa ist. Wenn jetzt noch die andere lange Route von Paris nach Warschau geöffnet wird, weiß ich: Die Post-Corona-Zeit hat wirklich begonnen. Und darf wieder träumen von jener langen schwarzen Linie zwischen Stockholm, Berlin, München und Rom, die die Deutsche Bahn so ruchlos und ohne Ersatz eingestellt hat.