Karrierefalle Homeoffice: Wie Beschäftigte ihren Job aufs Spiel setzen

Wen der Chef auf dem Kieker hat, den schießt er auch im Homeoffice ab. Wie erkennt man Gefahren für die Karriere, was schützt vorm Rausschmiss?

Allein mit der Arbeit im Homeoffice – das kann schwierig sein für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Allein mit der Arbeit im Homeoffice – das kann schwierig sein für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.imago/Westend61

Als Rückzugsort ideal, ist das Homeoffice Gefahr zugleich. Wer seine Vorgesetzten nicht mehr erträgt, findet dort Ruhe. Die ist aber auch gefährlich, wenn man im Abseits ist. Der Berliner Psychologe, Berufscoach und Autor Jürgen Hesse rät, die Entscheidung für solche Arbeitssituationen, die während der Corona-Pandemie selbstverständlich und dominant wurden, ernsthaft zu überprüfen. Denn Chefs, die einem Böses wollen, können sie übel ausnutzen, wie er mit Co-Autor Hans Christian Schrader in ihrem neuen Buch „Mein Chef ist irre, Ihrer auch?“ (Econ) erklärt.

Herr Hesse, Sie leiten das Büro für Berufsstrategie in Berlin-Mitte. Dahin wenden sich Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen, die Beratung bei Problemen im Job benötigen, Unterstützung in Bewerbungsverfahren möchten. Wie hat sich nach Ihrer Erfahrung die jetzt fast dreijährige Pandemiezeit auf Arbeitsverhältnisse ausgewirkt?

Die größte Neuerung ist sicherlich das Homeoffice, die Möglichkeit, alle Arbeit bei sich zu Hause erledigen zu können, nicht mehr ins Büro zu müssen. Das verspricht eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, zugleich ist es auch eine Bedrohung von beidem. Wie wir in unseren Beratungsgesprächen erfahren, war nach einer kurzer Eingewöhnungszeit das Homeoffice-Modell bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern sehr beliebt. Oft auch, weil sie auf diesem Weg die Kontakte mit schwierigen Vorgesetzten weitestgehend vermeiden können. Inzwischen verändert sich die Sicht darauf.

Man soll mehr arbeiten, anders arbeiten, schneller arbeiten

Wer Ängste in Bezug auf die Vorgesetzten hat, flieht ins Homeoffice? Was sind das für Befürchtungen, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter plagen?

Nun, Chefs wollen immer was von einem, man soll mehr arbeiten, anders arbeiten, schneller arbeiten. Davor lässt sich leicht Angst empfinden. Im ersten Moment ist es angenehm, die Chefs nicht mehr sehen zu müssen, nur noch am Telefon oder Videocall zu erleben. Aber das verblasst. Die Probleme lösen sich nicht von selbst, sie verstärken sich nur. Ganz schlimm wird es, wenn sie das allgemeine Wohlbefinden und den Schlaf nachhaltig beeinträchtigen, Erholung unmöglich werden lassen.

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Privat
Zur Person
Jürgen Hesse 
führt das Büro für Berufsstrategie in Berlin-Mitte. Der Psychologe berät Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bei Problemen in ihren Arbeitsverhältnissen. Gemeinsam mit Co-Autor Hans Christian Schrader schrieb er seit 1985 über 100 Sachbücher zu den Themen Bewerbung, Karriere, Mobbing. Vielfach wurden sie zu Bestsellern.

Warum ist körperliche Nähe für uns Menschen so existenziell? 

Du brauchst ein Gegenüber, um mit dir selbst zurechtzukommen. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er benötigt Kontakte. Viele mussten mit der Zeit während der Corona-Pandemie feststellen, dass diese veränderte, deutlich reduzierte Kontaktform des digitalen Homeoffice mit ihrer analogen Berufswelt auch enorme Nachteile hat. Sie kann Stress, Frust und Aggression in einen ganz besonderem Maße wecken. Schließlich fehlen die sozialen Kontakte, die entlasten und aufmuntern. Kolleginnen und Kollegen, mit denen sich im Gespräch Angstsituationen relativieren lassen, sind nicht mehr vorhanden. Corona hat Probleme mit Chefs eher noch geboostert.

Aber ich suche bei der Arbeit doch keine Freunde, ich arbeite da nur.

Es geht nicht um Freunde, für einen Großteil der Arbeitenden geht es darum, ins Gespräch mit anderen zu kommen. Über Belangloses zu plaudern, die Fußballergebnisse zu beklagen, den Kummer mit der Partnerin oder dem Partner oder dem Vermieter loszuwerden. Rituale wie gemeinsames Essen geben Vertrautheit und Sicherheit.

Aber viele tägliche und regelmäßige Telefon- und Videokonferenzen sind doch hilfreich, um die Isolation im Homeoffice zu vermeiden?

Solche Calls sind nicht intim, daran lässt sich das Verhältnis untereinander schwer messen und kaum verbessern. Es lässt sich nichts so nebenbei wie sonst beim Warten, Rein- oder Rausgehen schnell mal besprechen. Teeküchen und Raucherecken als Orte des sozialen Aushandelns und -ausgleichs sind verschwunden. Im Homeoffice kämpft jeder für sich, ist noch stärker isoliert als ohnehin in der Arbeitswelt. Solidarität untereinander ist kaum herzustellen. In Krisenmomenten ist Durchhalten schwieriger.

Die ständige Verfügbarkeit wird immer selbstverständlicher

Diese Nachteile nutzen manche Chefs als Vorteile, haben Sie erfahren und erzählen davon in Ihrem Buch. Was passiert da genau?

Wer mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht zurechtkommt, sie gar auch verachtet, muss sie nun nicht einmal mehr schlecht behandeln. Er ignoriert sie einfach, ruft nicht mehr an, ist selbst nicht erreichbar. Oder Chefs lassen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Die ständige Verfügbarkeit über Handy und Rechner wird immer selbstverständlicher. Immer häufiger muss man damit rechnen, dass der Chef sich auch abends oder am Wochenende meldet. Hat einen der Vorgesetzte ohnehin schon auf dem Kieker, umso leichter fällt es ihm in der Situation, zu drangsalieren. Das geschieht am einfachsten durch Ausgrenzen, Verunsichern, Benachteiligen. Dass es keine Zeugen des elektronischen Zweiergesprächs gibt, ist für ihn vorteilhaft. Im besten Falle – für den Chef – leidet das Personal unter der Situation und kündigt von selbst. Dann ist das Problem gelöst – für den Chef. Außerdem lässt sich heutzutage ein Arbeitsverhältnis schnell per Computer-Account abschalten. Elon Musk hat es bei Twitter vorgemacht. Dann ist man raus, den Rest klären die Anwälte.

Andere Frage zwischendurch: Sie sprechen hier immer in der männlichen Form, ist von Chefinnen kein solches Mobbing-Ungemach zu erwarten?

Das ist keine gender-ignorante Absicht. Sondern Statistik: Es gibt viel weniger Frauen in Führungspositionen als Männer. Studien zufolge sind in der Gesamtbevölkerung auch weniger Psychopathinnen als Psychopathen vorhanden. Diese Persönlichkeitsstörung ist bei vielen schwierigen Menschen vorherrschend. Frauen treten weniger durchsetzungsstark und machtbewusst auf als Männer. Das mag aber auch erzieherische und gesellschaftliche Gründe haben.

Beenden Sie Ihre Hilflosigkeit durch kluge Analyse

Was kann man tun, wenn man den beschriebenen Karriere-Knick gerade erfährt? Gespräche per Smartphone aufnehmen, Mobbingtagebuch führen?

Beenden Sie Ihre Hilflosigkeit durch kluge Analyse im Reflektionsprozess. Das tut Ihnen vor allem selbst gut, lindert die seelischen Schmerzen. Zu überlegen ist: Was lässt sich für Sie verbessern? Kann man sich arrangieren, annähern oder ertragen, um zu überleben? Wie viel Kraft kostet Sie das? Ist ein offenes Gespräch mit dem Chef sinnvoll? Den Kampf aktiv aufnehmen können Sie durch Information der Arbeitnehmervertreter, Betriebs- oder Personalrat. Versuchen Sie, Dritte als Zeugen von demütigenden Situationen für eine schriftliche justiziable Aussage zu gewinnen. Aber, das Aufnehmen von Gesprächen ohne Einwilligung lassen Sie besser! Das ist gesetzlich verboten. Stecken Sie besser Ihre Energie ins Finden eines neuen Jobs.