Berlin - Nein, Angst habe sie keine, sagt Louise. Die amerikanische Seniorin steht vor dem Weihnachtsmarkt am Gendarmenmarkt und fotografiert den beleuchteten Tannenbaum. Sie habe vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz gehört, noch vor ihrer Abreise nach Europa, aber sie habe keine Sekunde gezögert. Sie lacht: „Ich komme aus New York, ich bin furchtlos“.

Der Platz ist voller Menschen, trotz Nieselregens strömen die Besucher auf den Weihnachtsmarkt. So, als ob es den Anschlag vor zehn Tagen nie gegeben hätte, als der 24-jährige Anis Amri mit einem gestohlenen LKW zwölf Menschen an der Gedächtniskirche in den Tod riss. Mehr als 50 Besucher des Weihnachtsmarktes wurden verletzt.

„Das war es nun mit meinem Job“

Der Breitscheidplatz ist ein neuralgischer Punkt in dieser Stadt, Tausende Touristen strömen jede Woche zur Gedächtniskirche wie zu anderen Sehenswürdigkeiten Berlins, dem Fernsehturm, dem Brandenburger Tor. Auch dort ist es voll, den einzigen Hinweis auf eine mögliche Terrorgefahr liefern die Poller, die Autos den Weg versperren sollen. Harald Zawuski ist hier mehrmals die Woche. Der 53-Jährige ist einer von mehreren hundert Stadtführern Berlins.

Über seine Website Your Berlin City Berlin kann man Gruppenführungen buchen. „Natürlich war ich schockiert. Als ich vom Anschlag auf dem Breitscheidplatz hörte, dachte ich kurz, das war es nun mit meinem Job.“ Aber der Strom der Touristen und die Anfragen nach seinen rund dreistündigen Touren auf Deutsch, Englisch und Französisch seien ungebrochen, so der gebürtige Saarländer. „Ich habe mit einem Einbruch gerechnet, bin aber erstaunt, dass noch mehr los ist als sonst um diese Jahreszeit“. Komisch sei es für den Stadtführer schon, nun über den Breitscheidplatz zu gehen, aber er verdränge das mulmige Gefühl.

Genauso viele Touristen wie zuvor

Auch sein Kollege Norbert Mielke empfindet keine große Verunsicherung. Auch er ist Stadtführer und bietet seit rund sieben Jahren über seine Website sightwalks.de alternative Führungen durch Berlin an. Angst habe er nun nicht. „Natürlich bin ich sensibilisiert, ich würde mich mit einer Gruppe nicht neben einen herrenlosen Rucksack auf den Pariser Platz stellen.

Vorsichtig, oder besser gesagt aufmerksam war ich aber auch schon vor dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz“, so der 55-Jährige, der auch bei den Touristen keine erhöhte Ängstlichkeit bemerkt. Auf den Anschlag habe ihn noch keiner direkt angesprochen während seiner Touren, die eher einem Spaziergang ähneln als einer klassischen Stadtführung. Um die großen Orte kommen indes auch seine Touren nicht herum: Regierungsviertel, Kanzleramt, Brandenburger Tor stehen auch bei Norbert Mielke auf dem Programm, der nun, wie er sagt, in erster Linie den Staat in der Pflicht sieht, sich verstärkt um die Sicherheit zu kümmern.

„Noch habe ich das an meinen Zahlen nicht bemerkt, aber ich bin mir sicher, dass sich das irgendwann auch bei den Touristenzahlen bemerkbar machen wird, wenn sich so etwas wie der Anschlag vom Breitscheidplatz wiederholen würde“, sagt der Diplom-Kaufmann, dessen digitales Gästebuch voll des Lobes für seine Führungen ist. Aber auch Portale wie getyourguide.com, die weltweites Ticketing für Touristentouren- und Sehenswürdigkeiten anbieten, bestätigen dies. „Nein, unsere Zahlen haben sich überhaupt nicht verändert nach dem Anschlag“, so Nikola Günther, Marketing-Chefin des Portals. 

Es kann jeden treffen

Fast elf Millionen Menschen haben die deutsche Hauptstadt in diesem Jahr bis zum Herbst besucht, mehr als 26 Millionen Übernachtungen verzeichnete das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg im selben Zeitraum – dass der Tourismus eine der wichtigsten Haupteinnahmequellen der Stadt ist, zeigen diese Zahlen.

„Ich habe im Moment jeden Tag mindestens eine Tour, das war früher nach Weihnachten nicht so. Es kommen unheimlich viele Touristen in die Stadt“, so Zawuski, der den Besuchern eine große Gelassenheit bescheinigt. Viele von denen hätten zwar vom Anschlag am Breitscheidplatz gehört, würden diesen aber weniger mit Terrorismus in Verbindung bringen, als einen Anschlag mit einer Bombe – wie beispielsweise in Brüssel im März, als sich das Ereignis in der Ferne auch auf seine Buchungen ausgewirkt hätten.

Und er selbst? Hat sich sein Blick auf Berlin nach dem Anschlag verändert? „Ich will das alles nicht relativieren, aber ich sage es Ihnen ganz ehrlich: Der U-Bahn-Treter von Neukölln hat mich persönlich mindestens genauso schockiert wie der Anschlag vom Breitscheidplatz. So etwas kann doch uns allen passieren und mit so etwas Feigem rechnet doch niemand.“