Ein Betrüger hat Senioren um ihr Vermögen betrogen.
Foto: dpa/Julian Stratenschulte

BerlinAls das Telefon bei Heinz Bertram (*) klingelt, ist es fast Mitternacht. Bertram ist über 80. Er liegt in dieser Nacht zum 27. September 2019 auf der Couch seiner kleinen Wohnung in Berlin-Charlottenburg, das Licht brennt noch, er schreckt aus dem Schlaf. Er wundert sich, wer ihn jetzt noch sprechen will. Vielleicht benötigt seine Bekannte Hilfe, denkt er. Der Rentner geht langsam zu seinem alten Telefonapparat. Er ist nicht mehr gut zu Fuß. Heinz Bertram hebt ab. 

Am anderen Ende der Leitung meldet sich ein Herr Kretschmann. Er sei von der Kriminalpolizei, behauptet er und entschuldigt sich für die späte Störung. Der Anrufer nennt auch seine Dienststelle.  

In der Nähe von Bertrams Wohnung treibe eine Bande von Einbrechern ihr Unwesen, sagt der angebliche Kommissar. Zwei Täter seien gefasst worden, zwei noch auf der Flucht. Man wolle die Wertsachen der Leute, die in der Gegend leben, vor diesen Einbrechern schützen, so sagt es Kretschmann.

Heinz Bertram glaubt ihm. Er ist in einem Alter, in dem Polizeibeamte noch eine Autorität darstellen. So wird ein echter Polizist später die Leichtgläubigkeit nicht nur von Bertram erklären.

Heinz Bertram wird am Telefon gebeten, der Polizei bei der Festnahme der flüchtigen Einbrecher zu helfen. Als eine Art Lockvogel. Kretschmann beteuert, Bertram werde nichts geschehen. Sein Haus werde observiert. Im Hintergrund des Telefonats sind Geräusche zu hören, die klingen, als wäre die Polizei gerade in der Nähe im Einsatz.  

Goldbarren und Geld im Rucksack

Der angebliche Kretschmann fragt Bertram nach Wertsachen, die er in der Wohnung aufbewahrt. Bereitwillig gibt Bertram Auskunft. Dann packt er, wie von ihm am Telefon verlangt, all sein Erspartes in einen Rucksack: sechs 100 Gramm schwere Goldbarren, einen Briefumschlag mit 5000 Euro und drei Kuverts, in denen jeweils 2000 Euro stecken. Geld, das Bertram gespart hat – für den Fall, dass er ins Heim kommt.  
Auch seinen Personalausweis, den Führerschein und die Bankkarten steckt er mit in den Rucksack. Dann läuft er die 29 Stufen von seiner Wohnung bis zur Haustür hinunter, obwohl es ihm schwerfällt. Er soll den Rucksack vor die Tür stellen, so hatte es ihm Kommissar Kretschmann gesagt. Wenn sich der Täter die Tasche hole, werde man zuschlagen. Bertram werde den Rucksack samt Inhalt später zurückbekommen.

Doch weil Bertram nicht so schnell ist, wie es die Täter vermuten, steht der Abholer des Rucksacks bereits an der Tür, sagt, er sei verdeckter Ermittler und verschwindet mit den Wertsachen. Bertram sieht, wie der Mann in Richtung Jungfernheide läuft. Mit einem unguten Gefühl geht er in seine Wohnung zurück. Er ruft die Polizei an, fragt nach einem Einsatz bei ihm. Wenig später stehen echte Beamte vor seiner Tür.

„Ich war so dumm“, sagt Bertram nun als Zeuge vor dem Landgericht Berlin. Er ist im Rollstuhl in den Saal gefahren worden, hat sein Basecap vom Kopf gezogen und sitzt nun dem angeklagten Paul K. gegenüber. K., 26 Jahre alt, ist gelernter Automechatroniker. Vor seiner Festnahme lebte er von Arbeitslosengeld. Die Anklage geht davon aus, dass er mit Bertrams Rucksack verschwunden ist.

Seit Anfang Juni muss sich Paul K. vor Gericht verantworten – wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs und Amtsanmaßung. Paul K. soll zwischen April und Oktober vorigen Jahres in den 15 angeklagten Fällen als Abholer fungiert und dabei auch vorgetäuscht haben, Polizist zu sein. Insgesamt sollen bei den Taten rund 800.000 Euro erbeutet worden sein. Wie aus der Anklage hervorgeht, kamen die meisten der Betrogenen aus Berlin. Sie sind zwischen 69 und 96 Jahre alt. Sie leben meist allein, so wie Heinz Bertram.

Paul K. starrt den Zeugen im Rollstuhl emotionslos an. Kein Zeichen von Reue ist zu sehen. Ab und zu grinst er zu seinen Verwandten hinüber, die an jedem Verhandlungstag im Gerichtssaal sitzen.   

Opfer im Telefonbuch gefunden

„Haben Sie sich geschämt?“, fragt Peter Reineke, der Vorsitzende Richter, den alten Mann. Der 82-Jährige, der lange bei Siemens gearbeitet hat, nickt und streicht sich durch die grauen Haare. Er habe sich, sagt er, zunächst nicht einmal getraut, der wahren Polizei die volle Summe zu nennen, die er in den Rucksack gesteckt habe. Aus Scham. Er verstehe sich selbst nicht. Zumal er schon zweimal unbekannte Anrufer abgewimmelt habe, die von ihm Geld ergaunern wollten. Die Tat hat ihm zugesetzt. Er musste ins Krankenhaus, konnte nicht mehr in seine Wohnung zurück, lebt nun in einem Heim – von der Rente, die er bekommt.

Die Täter gehen immer nach derselben Masche vor. Ein Kriminalist aus Frankfurt am Main berichtet vor Gericht von der Professionalität dieser Banden. Durch einen Fall, den die hessischen Ermittler bearbeiten, war die Polizei auf Paul K. aufmerksam geworden und konnte ihn schließlich festnehmen. Der Zeuge arbeitet in einer Ermittlungsgruppe, die sich 2018 in Frankfurt gründete und Fälle von Betrugstaten falscher Polizisten bearbeitet.

Nach den Worten des 42-jährigen Polizeibeamten gehen die Banden arbeitsteilig und hochprofessionell vor. An unterster Stelle stünden die Abholer, diejenigen, die von den gutgläubigen Senioren Geld, Gold und Schmuck abholen. Sie tragen das größte Risiko, geschnappt zu werden, verdienen jedoch am wenigsten.

An zweiter Stelle kommen die sogenannten Logistiker, die die Abholer zum Tatort lotsen, mit ihnen via Handy in Verbindung bleiben und so über jeden Schritt Bescheid wissen. Die Logistiker halten auch den Kontakt zu einem Callcenter im Ausland, meist in der Türkei, von dem aus die Kriminellen, die Haupttäter, operieren. Dort werden die Opfer ausgesucht und angerufen. Meist von Männern, die in Deutschland gelebt haben und daher gut deutsch sprechen.

„Wie finden die Täter ihre Opfer?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Ganz einfach: im Telefonbuch“, antwortet der Kriminalist. Sie durchforsteten die Telefonbücher nach Frauen und Männern, die alte deutsche Vornamen tragen: Heinz, Erna, Willy, Waltraud. Dann beginnen sie, ihre Opfer anzurufen, sie nach ihrem Vermögen auszuspionieren.

Die Anrufer seien freundlich, aber auch eindringlich, sagt der Ermittler. Sie erklärten in vielen Fällen, dass man bei festgenommenen Einbrechern eine Liste mit potenziellen Opfern gefunden habe, auf denen auch der Name des Angerufenen stünde. Das Opfer solle nun helfen, den Rest der Bande dingfest zu machen. Durch geschicktes Befragen finden die falschen Polizisten heraus, ob der Angerufene alleine im Haushalt lebt und welche Geld- und Wertsachen sich im Haus befinden.

Anruf scheinbar über die 110

Oftmals würden die Senioren auch dazu gebracht, ihr Erspartes vom Konto abzuheben. „Aber woher wissen die Täter, bei welcher Bank der Angerufene ist?“, fragt Reineke. Durch eine geschickte Gesprächsführung, erwidert der Zeuge. „Da heißt es: Sie sind doch bei der Deutschen Bank? Und das Opfer antwortet: Nein, bei der Sparkasse.“

Letzte Zweifel werden letztlich oftmals durch die Telefonnummer ausgeräumt, die beim Opfer auf dem Display erscheint: 110 – die Notrufnummer der Polizei. Um die Senioren hinters Licht führen zu können, nutzen die Täter das sogenannte Call ID Spoofing. Damit können Kriminelle Telefonanschlüsse so manipulieren, dass eine beliebige Telefonnummer angezeigt wird.

Seit 2017 verzeichnet die Polizei in ganz Deutschland einen rasanten Anstieg von derartigen Betrugsfällen. In Hessen etwa stieg die Zahl der bekannt gewordenen Taten von 236 im Jahr 2016 auf 2214 im Jahr darauf. In Berlin wurden 2018 insgesamt 120 Fälle bekannt, während es im Jahr zuvor 59 waren. Solche Taten  seien für Kriminelle lukrativer als der Drogenhandel, heißt es bei den Behörden. Die Zahl der Fälle dürfte weitaus höher liegen, weil sich viele Betroffene schämen, zur Polizei zu gehen.

Manfred Walldorf (*) hat noch die Zeitung in der Hand, die er auf dem Flur vor dem Gerichtssaal gelesen hat. Zielstrebig läuft er zu dem Stuhl, der ihm vom Richter Reineke gezeigt wird.  „Ist er das?“, fragt Walldorf mit bitterem Unterton und zeigt auf Paul K. Der Richter nickt.

Walldorf ist 80 Jahre alt, und er ist durch falsche Polizisten gleich dreimal hinters Licht geführt worden. Am Abend des 30. September 2019 war er allein zu Hause in seiner Zehlendorfer Wohnung, seine Frau lag im Krankenhaus. Als das Festnetztelefon klingelte, sah der Pensionär die 110 aufblinken. Ein Kriminaloberkommissar Martin Richter meldete sich von seiner Dienststelle am Platz der Luftbrücke.

Der angebliche Polizist erzählte dem betagten Mann von Einbrüchen in der Nachbarschaft und dass die Bande versuche, auch sein Konto zu plündern. Walldorf solle zurückrufen. Er wählte die 110, er wurde sofort mit diesem Martin Richter verbunden. Walldorf kann sich nicht erinnern, ob er das Gespräch überhaupt unterbrochen hatte, bevor er die Nummer des Notrufs tippte. „Vielleicht“, sagt er. Vielleicht aber auch nicht.

„Mir schien im Wesentlichen schlüssig, was der Polizist sagte. Zumal der Anruf über die 110 kam“, sagt Walldorf nun. Er redet bedächtig, er ist Jurist. Ihm sei gesagt worden, er solle Geld abheben. „Ich war dazu bereit.“ In den nächsten Tagen ging Walldorf dreimal zu seiner Bank. Er hob nicht nur von seinem Konto Geld ab, sondern auch vom Konto seiner Frau. Das Geld hinterlegte er an verschiedenen Orten. Einmal hängte er auf Anweisung einen Beutel mit 19.500 Euro an den Gartenzaun seiner Wohnanlage. Wieder soll Paul K. das Geld geholt haben. Insgesamt waren es  mehr als 70.000 Euro.

Walldorf braucht ein Glas Wasser, bevor er weiterreden kann. Das Geld sei ein erheblicher Teil des Vermögens gewesen, sagt er dann. Aber er sei dadurch nicht verarmt. Seinem Sohn habe er einen Tag später von dem Betrug erzählt. Er macht eine lange Pause, sagt dann, dass er seiner Frau bis zu ihrem Tod nicht habe beichten können, dass er hintergangen worden sei. „Ich mache mir riesige Vorwürfe“, sagt Walldorf.

Wertsachen aus dem 25. Stock geworfen

Erna Granzow (*) muss erst einmal tief durchatmen, als sie vor der Strafkammer sitzt. Ihr Rollator steht neben ihr. Sie ist 89, alleinstehend. 15 Jahre hat sie bei der Polizei gearbeitet. „Und dann so was“, sagt sie. „Aber die wussten, wie ich heiße und wo ich wohne.“ Sie erhielt am Nachmittag des 5. Oktober den Anruf, auf den sie hereinfiel. Ihr fällt der Name des Polizisten am Telefon nicht mehr ein, sie weiß aber noch, was der Mann ihr erzählt habe: Er sprach von festgenommenen Einbrechern. Von einem Zettel mit ihrem Namen und ihrer Adresse. Und von Komplizen, die zu ihr unterwegs sein sollen. Erna Granzow erzählt, dass sie im Hintergrund Befehle wie aus einer Polizeizentrale gehört und am Telefon alle Fragen zu ihrem Vermögen beantwortet habe. „Ich habe natürlich alles erzählt. Es war ja die Polizei“, sagt sie. Sie sei wie in Trance gewesen.

Erna Granzow lebt in einem Hochhaus in Mitte. Sie steckte Goldmünzen und 33.000 Euro in einen Beutel. Sie ging auf den Balkon. Der Anrufer sagte, so könne sie ihr Vermögen retten. Sie warf den Beutel in die Tiefe. „In welchem Stockwerk wohnen Sie?“, will der Richter wissen. Die Wohnung liegt in der 25. Etage.

Ein Polizist, der sich vor der Saaltür um die Zeugen kümmert, sagt in einer Prozesspause, dass die Ermittler immer wieder vor „falschen Kollegen“ warnten. „Die Polizei wird niemals anrufen und nach Vermögenswerten fragen“, sagt er. Er kann von Fällen berichten, bei denen Betroffene der wahren Polizei nicht glauben wollten, von falschen Beamten getäuscht worden zu sein. „Wir haben vielfach die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, einen Menschen zu betrügen, als ihm klar zu machen, dass er betrogen wurde.“

Paul K. wurde am 21. Oktober auf frischer Tat festgenommen. An jenem Tag hatte sich ein falscher Polizist bei einer 82-jährigen Frau aus Zehlendorf telefonisch gemeldet. Alles lief ab wie immer. Die gutgläubige Frau hängte eine Tasche mit Geld und Schmuck an den Zaun des Nachbargrundstücks. Zu dieser Zeit wurde Paul K. bereits observiert, sein Handy überwacht. Als der Angeklagte die Tasche zu seinem Auto tragen wollte, wurde er festgenommen. Die 82-Jährige hatte Glück, sie bekam ihre Wertsachen wieder.

Der Prozess gegen Paul K. ist noch bis August terminiert. Seine Auftraggeber konnten bisher nicht ermittelt werden.

(* Name geändert)