Was Sprachpaten mit Kitakindern erleben: „Er war wie in einer Schockstarre“

Matthias Bräutigam und Doris Grothusen spielen mit Berliner Kindern, die Sprachschwierigkeiten haben. Die Großelterngeneration hilft ihnen so, „in der Welt zu bestehen“.

Gründer Matthias Bräutigam und Doris Grothusen haben Spaß an der Sprachpatenschaft.
Gründer Matthias Bräutigam und Doris Grothusen haben Spaß an der Sprachpatenschaft.Sabine Gudath

Maxim blieb vollkommen stumm, als er in die Kita Bernhard-Lichtenberg-Straße kam. „Er war wie in einer Schockstarre“, sagt Doris Grothusen, eine der Sprachpatinnen, die in der Kita Kinder fördern, die sprachliche Schwierigkeiten haben.

Die 75-jährige Rentnerin erzählt weiter: Durch ein russisches Scherzlied, das Grothusen von ihrer ehemaligen Schwiegermutter gelernt hat, fand sie einen Zugang zu Maxim, dessen Eltern aus Russland kommen. Das war im Mai, seitdem habe sich Maxim „wunderbar integriert“ und komme vertrauensvoll auf sie zu. In Sätzen spreche er immer noch nicht, nur einzelne Worte wie „Tomate“. Er versteht aber viel, meint Grothusen und „irgendwann kommt eine Antwort“. Heute hätte der schüchterne Junge sich sogar zum Tischdienst gemeldet, um den Tisch gemeinsam mit von ihm ausgewählten Kindern zu decken. Grothusen lächelt und wirkt ganz stolz.

„Ah, das ist ja stark!“, sagt Matthias Bräutigam sichtlich überrascht. „Ich dachte ja am Anfang, er sei taub“, fügt er hinzu. Bräutigam ist Vorsitzender des Vereins „Sprachpat*innen für Kita-Kinder“ und hat den Verein zusammen mit der ehemaligen Staatssekretärin Sawsan Chebli gegründet. Der 73-jährige Mediziner hat in der Arzneiforschung gearbeitet. Als Rentner engagierte er sich dann als Lesepate in Schulen.

An einer Grundschule im Wedding sei ihm aufgefallen, dass viele Kinder nur wenig verstehen. „Manche Kinder konnten nicht in Sätzen sprechen, auch nicht ausschneiden oder malen“, sagt er. „Die Förderung muss da viel früher ansetzen!“ Deshalb hat er vor zwei Jahren den Verein gegründet, seit einem Jahr sind die ehrenamtlichen Sprachpat*innen in den Kitas aktiv. Der Verein finanziert sich durch Spenden, die Helfer befinden sich im „dritten Lebensabschnitt“.

Großelternfunktion in der Kita

An diesem Freitag ist Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier, zu Gast in der Kita Bernhard-Lichtenberg-Straße. Gerade in der frühen Phase der Kindheit sei es wichtig, Kinder staatlich zu fördern, sagt sie. „Sprache ist das, womit man in dieser Welt bestehen kann“, so Büdenbender. Die Großelterngeneration habe mehr Zeit und die Geduld, fügt sie hinzu.

Elke Büdenbender (l.) ist zu Besuch in der Kita, Bräutigam informiert sie gemeinsam mit Kitamitarbeiterin Angela Gosda, wie die Sprachpatenschaft funktioniert.
Elke Büdenbender (l.) ist zu Besuch in der Kita, Bräutigam informiert sie gemeinsam mit Kitamitarbeiterin Angela Gosda, wie die Sprachpatenschaft funktioniert.Sabine Gudath

Als Sprachpat*innen sehen sich Bräutigam und Grothusen tatsächlich in einer Art Großelternfunktion. Bräutigam hat keine Enkel, das sei sein „Ersatz“, sagt er und lacht. Grothusens Enkel lebt in Amsterdam, sie spricht Holländisch mit ihm, er soll auf Deutsch antworten. Für die Sprachförderung macht Grothusen mit den „Zielkindern“ mit, statt sie aus ihrem Spiel zu ziehen. Die anderen Kinder sind dann einfach dabei, wenn sie wollen. „Dann ergibt sich eine Beziehung“, erklärt Bräutigam. „Die Patenkinder rennen schon auf uns zu, wenn wir die Kita betreten.“

Sprachförderung in mehr Bezirken

Nicht nur Kinder mit Migrationsgeschichte haben sprachliche Schwierigkeiten. Für ein Fünftel der Kinder, die der Verein fördert, ist Deutsch die erste Sprache. In der Kita Bernhard-Lichtenberg-Straße haben die Erzieher vier Kinder vorgeschlagen. Bei einem davon haben die Eltern die Förderung abgelehnt. Manche Eltern hätten aber Angst, dass ihre eigene Kultur „plattgemacht“ wird, das findet sie verständlich. Von den vier war es die einzige deutsche Familie, die ablehnte. Doris Grothusen hebt die Schultern, warum, wisse sie nicht. Die Eltern hätten die Möglichkeit, die Sprachpat*innen kennenzulernen, sagt sie. Kinder, die die Muttersprache gut beherrschen, hätten in der Regel auch wenig Schwierigkeiten, die Zweitsprache zu lernen, ergänzt Bräutigam. Leider könne sein Team die Förderung in der Muttersprache nicht bewältigen.

Der Bedarf sei groß, 5000 bis 6000 Kinder in Berlin pro Schuljahr müssten eigentlich intensiv gefördert werden, sagt Bräutigam. Zurzeit besteht das Team aus 35 Sprachpat*innen in den Kitas in Charlottenburg-Wilmersdorf, Steglitz und Spandau. In der großen Kita Bernhard-Lichtenberg-Straße spielen jeweils 50 Kinder auf zwei Etagen, insgesamt vier Sprachpat*innen sind hier im Einsatz. Offiziell zwei Stunden in der Woche, Grothusen sagt, sie sei gerne auch „bis zum Mittag“ da und sie decken gemeinsam vier Tage in der Woche ab. Bräutigam sucht zurzeit weitere Sprachpat*innen für Kitas in Spandau und Reinickendorf. Seine Vision ist es, weitere lokale Teams aufzubauen, um Kinder in weiteren Bezirken wie Neukölln oder Marzahn-Hellersdorf eine Eins-zu-eins-Betreuung zu bieten.